100 Jahre Thüringen
Staatskanzlei Thüringen Weimarer Republik e.V. Forschungsstelle Weimarer Republik an der Uni-Jena

Der Putsch ist zusammengebrochen

Nachdem das Ausbleiben jeglicher öffentlicher Unterstützung durch die städtische Bevölkerung zu einem raschen Ende des Putsches geführt hatte, ist es nun schwer wieder geordnete Verhältnisse herzustellen. Der Kurzzeitdiktator Jöck stellt sich naiv und streitet jeglichen bösen Willen ab. Die sozialdemokratische Volkszeitung verlangt eine entschiedene Aburteilung der Verbrecher, aber erwartet nicht, dass dies die regulären Gerichten aufgrund vielfacher Sympathien der alten Eliten zu den Putschisten leisten werden.

Der nationalistische Putsch bricht zusammen!

Wir fordern ein Revolutionstribunal!

 

Zur Lage

Unser heutiges Gesamturteil über die gegenwärtige Lage können wir dahin zusammenfassen, daß heute, am Tage des Zusammentritts der verfassungmäßigen Nationalversammlung, der nationalistische Putsch auf der ganzen Linie im Zusammenbruch begriffen ist.

Die Urteil trifft vor allem auch auf Thüringen zu. In unserem engeren Vaterlande sind die nationalistischen Hoch- und Landesverräter erledigt, nachdem gestern der Zusammenbruch der Nationalisten in W e i m a r ein vollständiger war. Die Reichswehr wie die Sicherheitspolizei in Weimar haben vollständig kapituliert und unterstehen heute wie die militärischen Kräfte dem Gesamtministerium Paulssen und wieder speziell dem Genossen Baudert. […]

 

Noch ein bezeichnendes Dokument

Der wieder gestürzte nationalistische Hoch- und Landesverräter Jöck in Weimar hat durch seinen Schwager, Herrn Hugo A r n d t , folgendes Schreiben an den Genossen B a u d e r t gerichtet:

Weimar, den 16. März 1920.

Geehrter Herr Minister!

Namens meines Schwagers Jöck teile ich Ihnen mit:

Man hat mich Sonnabend abend ½7 Uhr zu einer Unterredung gebeten und gesagt: Auf Befehl aus Berlin würde die Regierung in Weimar nach Berliner Muster umgestaltet; dort sei alles in Ruhe geschehen; die alte Regierung habe sich teilweise zur Verfügung gestellt usw. – Man suche jemand, der vorläufig die Staatsgeschäfte weiter führe, bäte mich, wegen meiner Fühlung zu den verschiedensten Kreisen im allgemeinen Interesse das zu machen. Nach längeren Verhandlungen bereit, aber keine Schutzhaft gegen irgend jemand anzuordnen, Uebernahme des größten Teiles des alten Ministeriums, besonders des Herrn Baudert. Sonntag vormittags bereits einem Herrn erklärt, daß ich gegen die Arbeiter nicht regieren, sondern niederlegen würde –. Freilassung der Herren Baudert und Paulssen und der Söhne von Herr Baudert erwirkt.

General Hagenberg habe ich erst Sonntag nachmittag kennen gelernt.

Montag ½11 Uhr Unterredung mit Herrn Baudert im Ministerium, Zuziehung von General Hagenberg. Zu Herrn Bauderts Gegenwart erklärt, daß ich so, wie die Verhältnisse sich gestalteten, weitere Tätigkeit ablehnen müsse; um 12 Uhr formell meinen Rücktritt erklärt. Habe mit irgend welchen Maßnahmen und Vorbereitungen und Durchführungen des Putsches von A bis Z nichts zu tun. – Ich bin durch die Ereignisse vollständig überrascht, glaubte aber im allgemeinen Interesse zu handeln, da ich hoffte, wirksam vermitteln zu können.

Ich bitte im Namen Jöcks, von vorstehenden Mitteilungen überall, wo Sie es für zweckdienlich halten, zu seinem Besten und zur Aufklärung und Beruhigung freundlichst Gebrauch machen zu wollen.

Die Eile entschuldigt wohl, wenn der Satzbau hie und da mangelhaft ist. Irgend welche Mitteilungen wollen Sie mir freundlichst zukommen lassen. Ich werde alles weitere besorgen. Mein Schwager ist gern bereit, sich einem Gerichte zu unterziehen.

Mit der Bekundung aufrichtiger Wertschätzung und Hochachtung teile ich dem Herrn Minister vorstehendes mit.

gez. H u g o A r n d t , Bismarckstraße 26.

So sehen die nationalistischen „Helden“ und Landesverräter aus. Erst bringen sie namenloses Unglück über unser armes gequältes deutsches Volk und wenn die Sache nicht gelingt, dann flennen und betteln sie wie die Schulbuben, um dem Strafgericht zu entgehen.

Bei der November-Revolution 1918 hat der deutsche Michel in seiner Glückseligkeit, die Monarchie los zu werden und den Krieg zu beenden, es übersehen, auch die Kriegsverbrecher entsprechend zur Verantwortung zu ziehen. In diesen Fehler darf der deutsche Michel nicht wieder verfallen.

Keine Milde für die unverantwortlichen Verbrecher am deutschen Volke,

diesen Hoch- und Landesverrätern.

Ist es nicht verbrecherisch und unverantwortlich in einer Zeit

wo unser armes, durch 5 Jahre gequältes Volk anfing sich zu erholen,

zu einer Zeit

wo das Wirtschaftsleben wieder anfing sich zu erholen, wo die Hand- und Kopfarbeiter trotz Not, Sorge und Hungerei ihr Letztes hergaben, um das Wirtschaftsleben wieder auf die Höhe zu bringen,

zu einer Zeit

wo das Ausland wieder Vertrauen zur deutschen Nation faßte und uns Kredite in Lebensmitteln und Rohstoffen gewährte,

wo unsere Valuta in einer erfreulichen Aufwärtsbewegung sich befand,

zu einer Zeit

wo unsere Brüder in der zweiten schleswigschen Zone in einem Kampfe um ihr Deutschtum sich befanden,

derartiges Unglück über unser Vaterland heraufbeschwören. Es sind die dieselben, die uns einst die vaterlandslosen Gesellen nannten.

Wir fordern daher heute schon ein s ch n e l l a r b e i t e n d e s

Revolutionstribunal,

vor welchem diese Hoch- und Landesverräter ohne jede Milde abzuurteilen sind.

Wenn wir bei unserem engeren Heimatlande bleiben, so haben auf der Liste der Hoch- und Landesverräter zu stehen:

  1. Generalmajor v. H a g e n b e r g , Kommandeur der Reichswehrbrigade in Weimar,
  2. Rechtsanwalt J ö ck in Weimar, der sich an die Spitze der Putschregierung stellte,
  3. Graf S ch u l e n b u r g , Kommandeur der Sicherheitspolizei in Weimar.

Wir bemerken, daß dies nur der Anfang einer Liste sein kann; es sind sowohl in W e i m a r wie in J e n a noch mehr kompromittierte Personen, die auf eine solche Verbrecherliste gehören.

Ein besonderes Kapitel ist die

nationalistische Presse

die seit Monaten diesen Putsch mit den verlogensten Artikeln vorbereitete. Großes haben auf diesem Gebiete die „T h ü r i n g e r T a g e s z e i t u n g“ in Weimar und das alldeutsch-nationalistische Organ in J e n a , die

„Jenaische Zeitung“

geleistet.

Diese Organe haben in den letzten Monaten systematisch den Putsch vorbereitet und wurden auf diesem Gebiete immer kühner. […]

Darum hinaus mit der nationalistisch-alldeutschen Hetz- und Lügenpresse.

Quelle:

Volkszeitung für Sachsen-Weimar-Eisenach vom 17.3.1920