100 Jahre Thüringen
Staatskanzlei Thüringen Weimarer Republik e.V. Forschungsstelle Weimarer Republik an der Uni-Jena

„Deutschland den Deutschen“

Der Deutsche aus Sondershausen berichtet von einer Rede Stresemanns, in der leise Hoffnung aufkommt, dass der Versailler Vertrag eventuell revidiert wird, und Stresemann zudem vorschlägt trotz der gravierenden ideologischen Differenzen in Handelsbeziehungen mit Sowjetrussland einzusteigen. Sehr bedenklich ist auch eine Meldung aus der lokalen DNVP, die meint, dass man den Wahlspruch „Deutschland den Deutschen“ natürlich nur auf gesetzlichem Wege realisieren werde. Deutsche Staatsbürger jüdischen Glaubens also ganz „legal“ entrechtet und vertrieben werden sollen.

Gustav Stresemann (1878-1929)

Aus der Deutschen Volkspartei.

In einer Rede, die der Abgeordnete Stresemann aus Anlaß des Parteitages der Deutschen Volkspartei in Duisburg hielt, forderte er die Einheitsfront aller Parteien in allen Fragen der ausländischen Politik. Er verwies auf den Gesinnungsumschwung in England, der einen Zusammenschluss mit Deutschland wünsche, gewisse Konzessionen mache und auch von einer Revidierung des Versailler Vertrages spreche. Dieser Umschwung rühre aber von der Sorge her, die den englischen Machthabern das Anwachsen der russischen Macht verursache. Nachdem Stresemann sich über das Wesen des russischen Bolschewismus geäußert hatte, machte er interessante Mitteilungen über das Angebot Rußlands an Deutschland, unverzüglich Handelsbeziehungen mit Sowjetrußland aufzunehmen. Der Redner erklärte, dass er kein Bedenken habe, sofort in Handelsbeziehungen mit Sowjetrussland einzutreten. Man sei sogar verpflichtet, Kommissionen nach Rußland zu senden, um die dortigen Zustände zu studieren. Der Bolschewismus bilde keine Gefahr, wenn es gelinge, für geeignete Kleidung und Lebensmittel zu sorgen.

Max Liebermann von Sonneberg (1848-1911)

Aus der Deutschnationalen Volkspartei.

Bezirksgruppe Sondershausen

Zur Klärung.

Als einige Zeit vor der Revolution die Gründung der Deutschnationalen Volkspartei vorbereitet wurde, war der leitende Gesichtspunkt kurz „Deutschland den Deutschen“. Das erforderte zur Judenfrage Stellung zu nehmen. Beruhte der Antisemitismus alter Art auf wirtschaftlichen Gegensätzen und ließen sich seine Mittel durch den Vorschlag Liebermann von Sonnenberg’s kennzeichnen: „Wer einen Juden totschlägt, beerbt ihn“, – so hat unsere Stellung zur Judenfrage eine völkische Grundlage, ist vorwiegend Rassefrage, und der Radau- und Gewaltantisemitismus, der übrigens auch keinen greifbaren Erfolg gezeitigt hat, wurde von der Partei von vornherein verworfen. Daß für uns selbstverständlich – nach unserer ganzen Auffassung – nur gesetzliche Mittel in Frage kommen können, ist jedem Parteiangehörigen ohne Weiteres klar. Von Außenstehenden, wenn sie mitreden und ernst genommen werden wollen, ist aber doch mindestens zu erwarten, daß sie ehrlicher und verständlicherweise sich über unser Standpunkt unterrichten.

Quelle:

Der Deutsche vom 3.3.1920

In: https://zs.thulb.uni-jena.de/rsc/viewer/jportal_derivate_00246778/SDH_19376538_1920_Der_Deutsche_0225.tif?logicalDiv=jportal_jpvolume_00307091

 

Bilder:

https://de.wikipedia.org/wiki/Gustav_Stresemann#/media/Datei:Bundesarchiv_Bild_146-1989-040-27,_Gustav_Stresemann.jpg

https://de.wikipedia.org/wiki/Max_Liebermann_von_Sonnenberg#/media/Datei:Max_Liebermann_von_Sonnenberg_c1910.jpg