100 Jahre Thüringen
Staatskanzlei Thüringen Weimarer Republik e.V. Forschungsstelle Weimarer Republik an der Uni-Jena

DNVP-Diktatur in Weimar

Der Kapp-Putsch erreicht Weimar. Es kommt zu (im Vergleich) kleineren Zusammenstößen zwischen regierungstreuen Arbeitern und den Putschisten, denen sich die örtlichen Offiziere der Reichswehr und Polizei angeschlossen haben. Noch sind die Dinge im Fluss und die Diktatur des Kapp-treuen DNVP-Politikers Hermann Jöck wird nicht lange halten. Gleichwohl ist die sozialdemokratische Volkszeitung in ihrer Reaktion auf den Putsch selbstkritisch und beklagt auch Fehler in den eigenen Reihen.

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Die Verhältnisse in Weimar

In Weimar ist es zu einem Zusammenstoß zwischen bewaffneten Arbeitern und Reichsputschisten und Reichswehrtruppen gekommen. Die gestern hier umlaufenden Gerüchte über ein großes Blutbad in Weimar sind übertrieben. Nach einer, von einem Mitgliede der Weimarer Regierung gestern abend gegebenen Darstellung hat eine Schießerei stattgefunden, bei der vier Leichtverwundete zu beklagen sind. Die Haltung der etwa 700 Mann starken Garnison ist auch hier nicht einheitlich. Bestimmt haben die putschistischen Offiziere Weimars die Truppen nicht vollständig in fester Hand. Die Machtverhältnisse können sich von Stunde zu Stunde verschieben. Die Minister P a u l s s e n und B a u d e r t werden von den putschistischen Offizieren in Schutzhaft gehalten, jedoch war ein Verkehr zwischen diesen und anderen Mitgliedern der Regierung noch möglich.

Ueber die Vorgänge in Weimar

wird uns aus L a n d t a g s k r e i s e n geschrieben: „Was sich in Weimar ereignet hat, ist in seiner Art nichts anderes als ein p o l i t i s ch e s G a u n e r st ü ck. Man bedenke: Die Weimarische Volksvertretung steht von der äußersten Linken bis zu den Deutschen Volksparteilern auf republikanischem Boden. Nur von den Deutschnationalen, den Konservativen, wird gesagt werden können, daß sie sich mit den veränderten Verhältnissen nicht abzufinden vermochten, obwohl sie im Landtage das Gegenteil versicherten. Die acht Männchen zählende Fraktion der Konservativen hat nun gegen den Willen der überwiegenden Mehrheit des weimarischen Volkes die Macht an sich gerissen. Mit einer Anzahl hochverräterischer Leute von den in Weimar liegenden Teilen der Reichswehrbrigade 16 drangen Abgeordneter Rechtsanwalt J ö ck und Generalmajor H a g e n b e r g mit einigen anderen Getreuen in das Regierungsgebäude ein und erklärten sich gegenüber den ohne jeden militärischen Schutz Staatsministern Dr. P a u l s s e n und Genossen B a u d e r t als die politischen Machthaber Sachsen-Weimars. Die beiden Genannten wurden in Schutzhaft gesetzt. Die Bemühungen der Arbeiterschaft Weimars, wieder Herren der Situation zu werden, sind bisher leider noch ohne Erfolg geblieben. Doch ist kaum anzunehmen, daß die junkerlichen Machthaber sich ihrer Herrschaft lange erfreuen werden. Dann aber: Hinweg mit diesen Hochverrätern! Die von den Unabhängigen und Kommunisten mit allen Mitteln genährte Ansicht, daß es für einen Arbeiter eine Schande sei, als Angehöriger der Reichswehr den republikanischen Regierungen Dienste zu leisten, r ä ch t s i ch j e tz t s e h r b i t t e r. Alle Aufrufe der Regierung nach dieser Seite hin, blieben unerhört; der erst vor einigen Wochen vom Vorstande unserer Partei erlassene Appell, den Freiwilligen-Verbänden beizutreten und sich dort auschlaggebenden Einfluß zu sichern, verhallten ebenfalls resultatlos. Leider standen auch unsere Parteigenossen allzusehr unter unabhängiger und kommunistischer Suggestion. Das ist unsere Schuld. Der Reichswehrminister war unter diesen Verhältnissen auf die Kreise angewiesen, die der Republik jetzt so gefährlich geworden sind und denen Noske mehr vertraute als er verantworten konnte. Bei den Arbeitern und sicherlich auch bei Noske kommt die Einsicht zu spät.

Quelle:

Volkszeitung für Sachsen-Weimar-Eisenach vom 15.3.1920

 

Bild:

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