100 Jahre Thüringen
Staatskanzlei Thüringen Weimarer Republik e.V. Forschungsstelle Weimarer Republik an der Uni-Jena

Ehre den Toten

Nach turbulenten Wochen kann nun auch wieder der Volksrat von Thüringen zusammenkommen und die politische Lage beraten. Präsident Hermann Leber (MSPD) gibt der Trauer um die Toten Ausdruck und verspricht den Angehörigen staatlichen Beistand. Besonders dramatisch war die Ermordung von 15 gefangen genommenen Arbeitern in Mechterstädt durch Reichswehreinheiten. Leber möchte angesichts solcher Taten das vertiefte Misstrauen zwischen Bürgertum und Arbeiterschaft abbauen und betont, dass die Niederschlagung des Putsches eine Leistung aller demokratischen Bevölkerungsteile gewesen sei.

Gedenktafel für die Ermordeten von Mechterstädt

16. Sitzung.

Weimar, Mittwoch, den 31. März 1920, vormittags 10 Uhr.

Tagesordnung:

Aussprache über die politische Lage.

(Am Ministertische befinden sich die Mitglieder des Staatsrats von Thüringen.)

Präsident Leber: Meine Herren! Ich erkläre unsere heutige Sitzung für eröffnet. Es ist den Abgeordneten bekannt, warum die Sitzung nicht früher stattfinden konnte. Die Einladungen sind an Sie ergangen, aber der Generalstreik und dessen Begleiterscheinungen machten es unmöglich, den Volksrat eher tagen zu lassen. Es ist seit der letzten Tagung, die wir in diesem Hause vornahmen, bis zum 13. März Furchtbares in Deutschland geschehen, und in den letzten 14 Tagen haben sich ebenfalls Ereignisse abgespielt, die für das deutsche Volk von außerordentlich großer Bedeutung sind. Sie wissen, daß am 13. März Kapp mit seinen Mitarbeitern in Berlin eingezogen ist, daß die Regierung gestürzt worden ist und daß dann die deutsche Arbeiterschaft und das demokratische Bürgertum sich zur Wehr gesetzt haben, um den Putschisten aber auch in jeder Beziehung dasjenige zu sagen, was notwendig war, um den Putschisten aber auch in jeder Beziehung dasjenige zu sagen, was notwendig war, und um dafür zu sorgen, daß in Deutschland nicht die Anarchie eingetreten ist. Wenn die Putschisten abgewehrt worden sind, so aus dem einfachen Grunde, weil die Arbeiterschaft und das demokratische Bürgertum einig waren, das, was uns der November 1918 gebracht hat, zu erhalten. Allerdings ist die Situation noch nicht geklärt, weshalb immer noch größere oder kleinere Teile in Deutschland, soweit die Arbeiterschaft in Frage kommt, im Generalstreik sich befinden oder zum Teil in denselben wieder eintreten wollen, weil sie mit den dort in den einzelnen Bezirken befindlichen Truppen nichts zu tun haben wollen. Das ist auch ganz erklärlich, wenn man in Betracht zieht, wie die Reichswehr, wie die Sicherheitswehr in den einzelnen Teilen Deutschlands während der letzten 14 Tage gehandelt hat, wie die eidbrüchigen Offiziere und meuternden Truppen gegenüber der Bürgerschaft sich gestellt haben. Wir in Thüringen können ja gewissermaßen auch ein Lied davon singen. Es ist allerdings gestern in Berlin von Reichskanzler Hermann Müller darauf hingewiesen worden, daß die Dinge sich im Westen außerordentlich ernst entwickelt haben, und es ist von der Regierung weiter betont worden, daß das Ultimatum, welches den dortigen Arbeitern gestellt worden ist, jedenfalls verlängert werden wird. Aber nichtsdestoweniger muß darauf hingewiesen werden, daß die Lage außerordentlich ernst ist und daß die Arbeiterschaft bereit ist, erneut in den Generalstreik einzutreten, wenn die Truppen von seiten der Regierung nicht zurückgezogen werden.

(Sehr richtig! links.)

Das Mißtrauen, das die Arbeiterschaft in dieser Beziehung hegt, ist außerordentlich berechtigt. Die Truppen haben eben in den einzelnen Distrikten Deutschlands sich hinter die Regierung Kapp gestellt, und erst, als sie sahen, daß diese verloren war, wieder hinter die Regierung Ebert, und wenn die Arbeiterschaft mißtrauisch wird und sagt, mit diesen Leuten wollen wir nichts zu tun haben, so ist das gewiß verständlich. Dennoch hat der Reichskanzler Müller in seiner Rede im Reichstage erklärt, daß die Regierung ihrerseits alles versuchen werde, um schließlich die Dinge, wie sie sich gegenwärtig im Westen abspielen [gemeint ist der Ruhraufstand, Anm.], zu beseitigen, damit wir wieder zu Ruhe und Ordnung kommen. Also, so sehr ich das Bestreben der Arbeiterschaft in ganz Deutschland begrüße und so sehr ich anerkenne, daß alles getan werden muß, damit ich solche Dinge nicht wiederholen, so muß ich aber auch darauf hinweisen, daß der Bogen von seiten gewisser Teile in der Arbeiterschaft nicht überspannt werden darf.

(Aha! – Hört, hört! links.)

Meine Herren! Nicht Aha! Ich bin der Meinung, daß eben die Aktionsausschüsse, die überall eingesetzt sind und über die wir schon im weimarischen Landtage sehr ausführlich gesprochen haben, anerkannt werden, und jedenfalls so lange anerkannt werden, bis wieder überall Ruhe und Ordnung eingetreten ist, daß aber auch ihrerseits nicht Forderungen gestellt werden sollen, die im Augenblick nicht erfüllt werden können. Also ich meine, wenn ich die Dinge so darstelle, so werden auch Sie jedenfalls mit mir einverstanden sein, und speziell auch diejenigen, die vielleicht annahmen, daß ich eine andere Meinung zum Ausdruck bringen wollte. Wir wollen nicht auf den Zusammenbruch hinarbeiten, sondern wollen alles aufbieten, damit unser Land aus der jetzigen Lage herauskommt und wir unser Wirtschaftsleben wieder heben können. Ich brauche nicht dazu kommen sollte, die Arbeiterschaft am allerschlechtesten dabei befinden würde.

Meine Herren! Diese Kämpfe, die ausgefochten worden sind zwischen der Arbeiterschaft und der Militärkamarilla, haben natürlich auch in Thüringen große Opfer gefordert, und ich habe schon im weimarischen Landtage darauf hingewiesen, daß diese Opfer auch hier wieder die breite Masse des Volkes getragen hat. Es kann ja möglich sein, daß auch aus dem Bürgertume, aus der Beamtenschaft schließlich einzelne Opfer bringen müssen. Sie wissen, daß in Greiz, in Gera, in Altenburg, Weimar, Jena, Gotha, Eisenach und jedenfalls noch einer großen Anzahl anderer Orte nicht nur 10 oder 20, sondern viel mehr Opfer zu verzeichnen sind an Toten und Verwundeten, Opfer, die nach Hunderten zählen. Das ist außerordentlich bedauerlich. Wir können nur wünschen, daß diese Zustände nicht wiederkommen und daß nicht wieder neue Opfer gefordert werden.

Meine Herren! Soweit die einzelnen Regierungen und Gemeinden in der Lage waren, sich mit den Opfern zu beschäftigen, ist überall ausgesprochen worden, daß die Hinterbliebenen dieser Opfer von seiten des Staates, von seiten der Gemeinden unterstützt werden, kurzum, daß alles Nötige getan wird, die gerissenen Lücken nicht allzusehr fühlbar werden zu lassen.

Ich glaube konstatieren zu können, daß wir nicht nur der Gefallenen, sondern auch ihrer Angehörigen von dieser Stelle aus gedenken, sondern auch aussprechen, daß wir sie,

(Das Haus erhebt sich.)

Die als Märzopfer gefallen sind, in Ehren halten werden weit über das Grab hinaus. Sie haben sich zum Andenken der Gefallenen von Ihren Plätzen erhoben. Ich konstatiere das.

[…]

Quelle:

Stenographische Berichte aus dem Volksrat von Thüringen

In: https://zs.thulb.uni-jena.de/rsc/viewer/jportal_derivate_00184786/509000330_0328b.tif?logicalDiv=jportal_jparticle_00165962

 

Bild:

https://de.wikipedia.org/wiki/Kapp-Putsch#/media/Datei:Mechterstädt-Mordopferdenkmal.JPG