100 Jahre Thüringen
Staatskanzlei Thüringen Weimarer Republik e.V. Forschungsstelle Weimarer Republik an der Uni-Jena

Ich hatte doch keine Ahnung

Hermann Jöck, der während des Kapp-Putsches kurzzeitig versucht hatte die Macht in Weimar zu übernehmen, rechtfertigt sich mit diesem als Plakat verbreitetem Text für seine Taten. Kurios ist sein Argument, dass er seit Monaten keine Zeitung mehr gelesen habe und gar nicht wissen konnte, dass es sich um einen gewaltsamen Putsch handelte.

Karikatur des Simplicissimus zum Kapp-Putsch

Aufklärung.

Zur Aufklärung von Mißverständnissen und zur Widerlegung grundloser Verdächtigungen gebe ich hiermit Bericht über meine Tätigkeit vom 13. bis 15. März 1920, soweit sie im Zusammenhang steht mit der in Weimar vollzogenen Unternehmung zugunsten der Regierung Kapp - von Lüttwitz.

Vorausschicken muß ich, daß ich seit Ende Oktober infolge mehrfacher Erkrankungen nicht dazu gekommen bin, mich irgendwie mit Politik zu beschäftigen, nicht einmal durch Zeitunglesen. Durch die Ereignisse vom 13. März wurde ich vollständig überrascht. – Nachmittags wurde ich durch den Fernsprecher zu einer Unterredung gebeten und begab mich abends ½7 Uhr zu dieser. Ich traf eine Anzahl Herren, von denen mir folgendes mitgeteilt wurde: Die bisherige Reichsregierung sei zurückgetreten. Der Regierungswechsel in Berlin habe sich in voller Ruhe vollzogen. Eine Reihe Mitglieder der alten Regierung habe sich sogar der neuen zur Verfügung gestellt. Reichswehr und Sicherheitswehr ständen mit Ausnahme von Mecklenburg hinter der neuen Regierung, auch die Arbeiterschaft. Deshalb sei es auch in Berlin alles so in Ruhe verlaufen.

Auf Anordnung der neuen Regierung müsse nun auch in Weimar die jetzige Regierung durch das hiesige Militär zum Rücktritt bewogen und die Bildung eines neuen Ministeriums in die Wege geleitet werden. Man bäte mich, während des so geschaffenen Schwebezustandes vorläufig die Regierungsgeschäfte zu führen. Ich sei wegen meiner guten Beziehungen zu allen Bevölkerungsschichten ganz besonders geeignet, vermittelnd und ausgleichend zu wirken. Ich müsse das mir angetragene Amt übernehmen im Interesse der Allgemeinheit. Es stehe unwiderruflich fest, daß die bisherige Regierung zurücktreten würde. Die ganze Angelegenheit werde sich ebenso glatt abwickeln wie in Berlin. Unruhen seien keinesfalls zu befürchten.

In der Erwägung, daß der Rücktritt der bisherigen Regierung unabwendbar sei, sagte ich nach längerem Zögern und Bedenken zu, nach diesem Rücktritt vorübergehend und ehrenamtlich die Geschäfte zu führen, aber nur bis zur Bildung eines neuen, möglichst viele Parteien umfassenden Ministeriums. Ich habe nicht als Parteimann gehandelt, vielmehr glaubte ich, durch Vermittlung zwischen den einzelnen Berufsständen und Parteien Gutes wirken und mir den Dank der Allgemeinheit verdienen zu können. Zur Bedingung machte ich, daß ich die Herren der bisherigen Regierung, insbesondere Herrn Staatsminister Baudert, um ihre weitere Mitarbeit bitten dürfte, und daß nicht irgendwelche Schutzhaft verhängt würde. Damit hatte die Verhandlung ihr Ende erreicht. Ich sehe heute ein, daß es zu meinem Besten ratsamer gewesen wäre, von vornherein mich ablehnend zu verhalten. Am Gange der Ereignisse hätte ich damit freilich gar nichts geändert; im Gegenteil, es wäre die Lage höchstwahrscheinlich zu Anfang bereits nur noch verschärft worden. Die sich für mich überstürzenden Ereignisse ließen mir aber gar keine Zeit zur ruhigen, kühlen Ueberlegung; mein Bestreben war lediglich auf eine für alle Kreise und Parteien befriedigende Lösung der schweren Frage gerichtet.

Am Sonntag (14 Punkte) vormittag ersah ich aus den Maueranschlägen, daß der Befehl der neuen Berliner Regierung ausgeführt war. Damit war für mich die Voraussetzung gegeben, daß mir angetragene Amt zu übernehmen. Gegen 11 Uhr begab ich mich ins Fürstenhaus. Dort mußte ich leider schon feststellen, daß man daselbst Herrn Staatsminister Baudert und seine beiden Söhne festhielt. Dies stand mit unseren Abmachungen in scharfem Widerspruch. Ich erhob darum sofort bei dem diensttuenden Offizier entschiedene Gegenvorstellungen, die zur Folge hatten, daß die beiden Söhne noch am Mittag entlassen wurden. Die Freilassung des Vaters erfolgte erst am Nachmittag auf Grund einer Unterredung zwischen Herrn General Hackenberg mir. Mit diesem Herrn bin ich absolut nicht verwandt; ich lernte ihn überhaupt erst bei dieser Gelegenheit kennen. Als ich bei der Unterredung erfuhr, daß Exzellenz Paulssen auf Grund einer von ihm schriftlich gegebenen Erklärung seine Wohnung nicht verlassen durfte, erwirkte ich die sofortige Rücknahme des betreffenden Schriftstückes an ihn.

Während des Sonntags hatte ich auch Gelegenheit, verschiedenen Stellen gegenüber Herrn Staatsminister Baudert aus persönlichen und rechtlichen Gründen gegen den Vorwurf zu verteidigen, er habe mit der angeblich von ihm am Vorabend vorgenommenen Waffenverteilung sich einer Gesetzwidrigkeit schuldig gemacht.

Am Montag ½11 Uhr traf ich mich verabredetermaßen mit Herrn Staatsminister Baudert im Fürstenhaus zu einer Besprechung. Er bestätigte mir (was ich ja schon selbst wahrgenommen hatte), daß die Weimarer Arbeiterschaft die neue Regierung entschieden ablehne und fügte hinzu, daß es „hart auf hart“ gehen würde. Ich bat den zufällig anwesenden Herrn General Hackenberg zu unserer Unterredung. Ich stellte ihm den Ernst der Lage vor, ließ ihm meine Schilderung durch den Herrn Staatsminister bestätigen. Ich erklärte ihm, es müßten Zusammenstöße zwischen Arbeiterschaft und Militär auf alle Fälle vermieden werden; wenn die drohende Lage nicht beseitigt würde, müßte ich zurücktreten, da ich das mir angetragene Amt nur unter der Voraussetzung friedlicher Entwicklung der Dinge übernommen habe. Der Herr General stellte den Ernst der Lage in Abrede. Wir trennten uns einige Minuten vor 11 Uhr. Eine Stunde später erklärte ich offiziell meinen Rücktritt.

Damit ist die Schilderung meiner Tätigkeit zu Ende, und ich stelle fest:

  1. An der Vorbereitung und Durchführung des Unternehmens zugunsten der neuen Regierung bin ich völlig unbeteiligt.
  2. Auf die militärischen Maßnahmen war ich ohne jeden Einfluß. Ich wurde nicht einmal in Kenntnis davon gesetzt. Dies gilt auch ganz besonders von der Heranziehung der Truppen aus Naumburg.

Ich war nach besten Kräften bemüht, vermittelnd und ausgleichend zu wirken. Jede mir angesonnene Gewaltpolitik habe ich entschieden abgelehnt, so z. B. die Auflösung des Landtages. – Weder Ehrgeiz noch Eigennutz, noch sonstige verwerfliche Beweggründe waren die Triebfedern meines Handelns, sondern lediglich das mir angezogene Pflicht empfinden, der Allgemeinheit zu nützen.

Ob sich aus meiner Handlungsweise in diesen kritischen Tagen irgend ein Vorwurf gesetzwidrigen Handelns gegen mich erheben läßt, wird einzuleiten gerichtliche Verfahren dartun. Ich betone mit aller Entschiedenheit habe, mich diesem Verfahren zu entziehen. Ich bin bereit, mich jederzeit Richter zu stellen.

I[m] A[auftrag] für H. Jöck: Frau A. Jöck.

Quelle:

Stadtmuseum Weimar, Plakatsammlung, Plakat Hermann Jöck

 

Bild:

http://www.simplicissimus.info/uploads/tx_lombkswjournaldb/pdf/1/25/25_02.pdf