100 Jahre Thüringen
Staatskanzlei Thüringen Weimarer Republik e.V. Forschungsstelle Weimarer Republik an der Uni-Jena

Jetzt heißt es Farbe bekennen

Die rechtsnationalistische DNVP will auch in Thüringen die Gunst der Stunde nutzen und ist im Geheimen dabei einen eigenen Putsch gegen die Weimarische Landesregierung zu organisieren. Das örtliche Parteiblatt – die Thüringer Tageszeitung – bereitet hierzu den Boden publizistisch vor und verbreitet die üblichen Argumente zur Selbstrechtfertigung der Putschisten.

"Reichskanzler" Wolfgang Kapp

Das Programm der neuen Reichsregierung.

Wiedererrichtung einer starken Staatsgewalt. – Der Friedensvertrag wird, soweit möglich, erfüllt.

Wirtschaftliche Freiheit und Lebensmittelpunkt – Freies Selbstverwaltungsrecht der Arbeiter.

Der rächende Arm der Geschichte hat nun die alte R e i ch s r e g i e r u n g hinweggefegt, die allzu lange die Geduld des armen deutschen Vaterlandes auf die Probe gestellt hat. Vergessen wir nicht, daß sie d e r G e w a l t ihren Ursprung verdankt. In Zeiten höchster Not fiel die Revolution über das Vaterland her und vernichtete die letzten Hoffnungen, die es noch an den Ausgang des Weltkrieges im Hinblick auf die unermüdliche Zähigkeit und Tapferkeit der Truppen knüpfen durfte. Mit Gewalt hat sie auch weiterhin regiert; wohlverstanden nicht mit entschlossener Kraft nach außen, sondern mit einseitiger Machtbetätigung nach innen. Sie fand nicht den Mut, den schmählichen Friedensvertrag abzuweisen, wohl aber die Nationalversammlung gegen jedes vernünftige Rechtsbewußtsein weit über die Dauer ihrer Zuständigkeit hinaus zusammenzuhalten, den Mut, mit Hilfe einer traurigen Mehrheit eine wahre Flut schädlicher Gesetze zustande zu bringen und den nun endlich allgemein als Erzverderber erkannten Herrn Erzberger bei seinen landesverräterischen Handlungen und seiner wahnwitzigen Finanzpolitik dauernd zu unterstützen. So sank das Vaterland immer tiefer in Not. Das letzte Siegel ihres einseitigen Machtstrebens drückte sie ihrer Politik auf, indem sie durch eine völlig ungerechtfertigte Verfassungsänderung, richtiger Verfassungsbruch, die Kandidatur Hindenburgs als Reichspräsidenten zu hintertreiben versuchte.

Die weitesten Kreise der Bevölkerung ergriff das dumpfe Gefühl der Verzweiflung, denn niemand wußte, wie dem immer weiter um sich greifenden Unheil überhaupt noch [entgegen] gesteuert werden sollte. Die Preise aller Lebensmittel und notwendigen Bedarfsartikel stiegen von Monat zu Monat ins Ungeheuerliche, die Flut des Papiergeldes nimmt kein Ende und der Hochmut der Feinde spottet des einst so herrlichen Deutschen Reiches. „So kann es nicht weiter gehen“, das war die Ueberzeugung der weit überwiegenden Mehrheit der Bevölkerung. Landauf und landab, vom Memel bis zum Bodensee.

Da ist nun in der denkwürdigen Nacht vom Freitag zum Sonnabend der Sturz dieser unheilvollen Reichsregierung zur Tatsache geworden! E s h a b e n s i ch M ä n n e r g e f u n d e n , die das Reichsschiff in ihre starke Hand nahmen, wir wollen ihnen wünschen, daß es ihnen gelingt, wieder Ordnung in die heillos verfahrenen Verhältnisse zu bringen. Schon die ersten Maßnahmen des neuen Reichskanzlers lassen darauf schließen, daß er die rechten Wege zu finden versteht. Die N a t i o n a l v e r s a m m l u n g i st a u f g e l ö st, die preußischen Landesversammlung nicht minder. Es soll eine Regierung der „Ordnung, Freiheit und Tat“ gebildet werden. E i n e R e g i e r u n g d e r „T a t“! Durch e i n e T a t schon ist die neue Regierung ins Leben gerufen! Nur durch Taten wird sie sich halten. Das deutsche Volk v e r l a n g t n a ch T a t e n , nach den vielen unnützen Reden, die gewechselt sind. Wir wissen, daß der neue Reichskanzler die Befähigung mitbringt, als Retter in der Not aufzutreten; war er es doch, der früher bereits in mancher kritischen Stunde unerschrocken Warnungsrufe ertönen ließ, die leider damals von Bethmann und allen Leisetretern leidenschaftlich bekämpft wurden. Nur durch Gewalt war die durch Gewalt vor 1½ Jahren eingesetzte und durch Gewalt bis gestern sich am Ruder gehaltene Regierung zu stürzen. N u n i st d e r R e ch t s z u st a n d w i e d e r e i n g e t r e t e n ! Die Gewalt ist durch Gewalt gesühnt. Möge dem deutschen Vaterlande nach dem Ende der trübsten Zeit deutsche Geschichte ein neuer Aufstieg beschieden sein. Das Programm der Regierung, daß wir heute veröffentlichen, läßt darauf schließen. […]

Quelle:

Thüringer Tageszeitung vom 14.3.1920

 

Bild:

https://de.wikipedia.org/wiki/Wolfgang_Kapp#/media/Datei:Wolfgang_Kapp.jpeg