100 Jahre Thüringen
Staatskanzlei Thüringen Weimarer Republik e.V. Forschungsstelle Weimarer Republik an der Uni-Jena

Kämpfe im ganzen Reich

Der Kapp-Putsch und die darauffolgenden Proteste der Arbeiterschaft haben sich vielerorts zu militärischen Auseinandersetzungen verschärft. Die Lage ist von Ort zu Ort sehr unterschiedlich und dementsprechend ergibt sich ein unübersichtliches Gesamtbild. Die linkssozialistische Neue Zeitung steht dabei klar auf Seiten der radikalisierten Arbeiter und berichtet von verschiedenen Kampf-Schauplätzen. Insgesamt kommen im März und April 1920 über 3.000 Personen durch die Kämpfe zu Tode.

Demonstrationen gegen den Putsch in Berlin

Der Kampf gegen rechts wird eingestellt – Es lebe der Kampf gegen links!

Stuttgart, 18. März. Aus der Reichskanzlei. Die Reichsregierung hat an den Oberreichsanwalt Schweigerd-Leipzig ein Telegramm gerichtet, in dem sie die Einstellung der sofortigen Strafverfolgung gegen die Führer der Berliner Meuterei fordert. Unter andern gegen Landschaftsdirektor Kapp-Königsberg, General Lüttwitz-Berlin, Regierungspräsident a. D. Jagow, Hauptmann Pabst, Kapitän Ehrhart-Berlin, Admiral v. Trotha, Dr. Schiele-Naumburg, den früheren Rechtsanwalt Bredereck-Berlin und den Abgeordneten Traub. Reichskanzler Bauer.

Darmstadt, 18. März. Hier hat sich eine Regierung von Unabhängigen und Kommunisten gebildet, der sich der Bürgermeister zur Verfügung gestellt hat. In der Stadt herrscht Ruhe.

Kassel, 18. März. Ein kommunistischer Vollzugsrat hat die Regierungsgewalt in Händen. Es kam zu schweren Kämpfen zwischen Truppen und Aufrührern, die eine Kaserne der Sicherheitswehr angriffen.

Vom Frontkampf gegen die Reaktion.

Weimar, 19. März. Seit gestern herrscht hier Ruhe. Es fanden Verhandlungen zwischen Bürgerschaft und Militär statt mit dem Zweck, die Reichswehr zum Verlassen der Stadt zu zwingen. Rechtsanwalt Jöck, der zum Diktator ausgerufen worden war, sowie der Leiter der Thüringer Tageszeitung und andere Personen, gegen die Haftbefehle erlassen wurden, sind flüchtig. – (Die S[icherheits]W[ehr] hatte sie voll Stolz gestern schon verhaftet – allerdings nur auf dem Papier!)

Leipzig, 19. März. Zwischen Vertretern der Arbeiterschaft und den Militärbehörden in der Nacht zum Donnerstag stattgehabte Verhandlungen setzen Vereinbarungen fest, die die Herbeiführung des Friedenszustandes in Leipzig ermöglichen sollten. Die Arbeiter nahmen jedoch diese Vereinbarungen, darunter Entwaffnung der Arbeiter bis zum 20.3., nicht an und eröffneten um 12 Uhr mittags den Kampf wieder. Hierauf erklärte der Stadtkommandant, Generalmajor von Pielfach, den Bruch des Abkommens und gab der 19. Reichswehrbrigade den Befehl zum Einmarsch, um den bedrängten Zeitfreiwilligen zu Hilfe zu kommen. Er verhängte über die Stadt den verschärften Belagerungszustand. Den ganzen Donnerstag bis in die späte Nacht spielten sich wütende Kämpfe ab, bei denen auf Seiten der Truppen Artillerie verwendet wurde. Die Arbeiter haben überall Barrikaden errichtet. Ein Militärflugzeug warf nachmittags auf dem Johannisplatz Bomben ab. Ein anderes Flugzeug, das Erkundigungen vornehmen wollte, wurde von Arbeitern abgeschossen. Die hauptsächlichen Gebäude, Hauptpost, Hauptbahnhof, Rathaus, befinden sich auch heute früh in den Händen der Zeitfreiwilligen. Die Gebäude der niederländischen Lebendversicherungsgesellschaft am Augustusplatz, das in die Hände der Arbeiter gefallen war, ist von den Zeitfreiwilligen zurückerobert worden. Die beiderseitigen Verluste am heutigen Nachmittag sollen äußerst groß sein. Man spricht von Hunderten von Toten und Verwundeten.

Sieg der Arbeiterschaft in Zeitz.

Zeitz, 19. März. (Kuriermeldung.) Zeitz, das sich bisher in der Gewalt der Putschisten befand, ist gestern früh von der Arbeiterschaft erobert worden. Die bewaffneten Konterrevolutionäre, Truppen und Zeitfreiwillige, hatten sich im Landgerichtsgebäude festungsartig verschanzt. […]

Denkmal für gefallene Arbeiter in Hennigsdorf bei Berlin

Sieg der Arbeiter in Suhl.

Suhl, 13. März. Eine am 14.4. von der Zivilbevölkerung zur Verhütung von Landfriedensbruch herbeigezogene kleine Reichswehrabteilung wurde nach starkem Kampf überwunden. Schwere Verluste auf beiden Seiten. Das ganze Gebiet ist in hellem Aufruhr. Ueberall bilden sich organisierte bewaffnete Banden, die in der Richtung auf Meiningen, Eisenach, Ohrdruf vorstoßen. Die Gegenden von Meiningen und Ohrdruf sind erreicht.

Von den Kämpfen in Leipzig.

Leipzig, 18. März. Der Straßenkampf dauerte bis in die späte Nacht an. Die Arbeiter sind in die innere Stadt vorgedrungen. Seit Mitternacht herrscht verhältnismäßig Ruhe. Es sind Verhandlungen unter Teilnahme des sächsischen Wirtschaftsminister Schwarz eingeleitet, über deren Ausgang noch nichts bekannt ist. Zeitungen sind nicht erschienen. In Plauen haben die Unruhen 7 Tote und 15 Verwundete gefordert. Der Generalstreik ist dort beendet. Frankenhausen befindet sich in Händen der Kommunisten. Auch in Reichenbach, Mylau und anderen Orten sind Unruhen ausgebrochen.

Vom Kampf in Halle.

Aus Halle meldet die „L.N.N.“ unterm 16. März: In der vergangenen Nacht wurden der Führer der Demokratischen Partei, der Abgeordnete Dr. Schreiber und zahlreiche Parteiführer der Demokraten durch das Garnisionskommando verhaftet, ferner sämtliche Redakteure des Volksblattes. – In Eisleben haben Bergleute in der vergangenen Nacht bei einer Auseinandersetzung den Generaldirektor der Mansfeldischen Gewerkschaft, Dr. Vogelsprung, erschossen. Die Erschießung soll erfolgt sein durch eine Reihe junger Leute, denen er die Ueberlassung seines Kraftwagens verweigert haben soll. – Der Generalstreik in Halle hat sich infolgedessen verschärft, als auch der weitaus größte Teil der Beamten die Arbeit niedergelegt hat.

Zusammenbruch des Militärputsches in Kiel.

Hamburg, 18. März. Wie das Hamburger Echo aus Kiel drahtlos erfährt, ist heute die Militärherrschaft des Admirals Levezow zusammengebrochen. Die Militärgewalt wurde einem Demokraten, die Zivilgewalt einem Sozialdemokraten übertragen.

Quelle:

Neue Zeitung. Unabhängiges Sozialistisches Organ vom 20.3.1920

 

Bilder:

https://de.wikipedia.org/wiki/Kapp-Putsch#/media/Datei:Kapp_demo.jpg

https://de.wikipedia.org/wiki/Kapp-Putsch#/media/Datei:Kapp-Putsch-Denkmal_Hennigsdorf.jpg