100 Jahre Thüringen
Staatskanzlei Thüringen Weimarer Republik e.V. Forschungsstelle Weimarer Republik an der Uni-Jena

Kehraus an der Universität Jena

Einige hauptsächlich Beteiligte an dem Putsch konnten bereits gefasst werden, aber Manche sind auch auf der Flucht. An der Universität Jena wird ein Waffenlager des studentischen Zeitfreiwilligen-Verbandes ausgehoben, der sich am Putsch beteiligt hatte. Die verhafteten Professoren Plate und Stoy blieben aber straffrei. Plate gehörte in der Folgezeit zu den wichtigsten Wegbereitern des Nationalsozialismus an der Universität Jena.

Ludwig Plate (Zoologe, Sozialdarwinist und Antisemit)

Die Folgen des Putsches in Thüringen.

W e i m a r , den 24. März 1920.

Sowohl in unserem engeren Heimatsgebiet wie in ganz Thüringen beginnt sich die Lage zu klären und eine allgemeine Entspannung einzutreten. Hier in Weimar herrscht Ruhe und Ordnung, aufrecht erhalten von unseren amtlichen Sicherheitsorganen (Polizei) und der Volkswehr, über deren Verhalten niemand zu beklagen hat. Unsere gut geschulte Polizei, die bereits während der schweren vorigen Woche in taktvoller, einwandfreier Weise ihre Pflicht tat, versieht auch weiter ihren Dienst. Sie stand und steht fest hinter der verfassungsmäßigen Regierung.

Die Gerüchte, oft dümmster Art, die während der letzten Tage so verheerend im Publikum wirkten, haben nachgelassen, da der Einwohnerschaft nun wieder Zeitungen zur Verfügung stehen.

Nach Schuldigen am hiesigen Putsch wird eifrig gefahndet, doch scheinen sich auch hier die am meisten kompromittieren Personen, die ihr Gewissen nicht ganz rein fühlen, in vorläufige Sicherheit gebracht zu haben. Einige irrtümliche Verhaftungen seitens der Volkswehr haben natürlich auch stattgefunden. Sie sind aber rasch wieder aufgehoben worden. Bis auf einige wenige Betriebe wird allenthalben gearbeitet. Das Erscheinen der „Thür. Tageszeitung“, die sich am 15. März voll auf die Seite des Kapp u. Gen. gestellt und deren „Regierung“ als eine „Regierung des Rechtes und der Tat“ begrüßt hatte, ist vorläufig verboten worden. Der Verlagsdirektor und Hauptschriftleiter der Zeitung hält sich verborgen.

In anderen Orten des Freistaates Sachsen-Weimar ist ebenfalls die Ruhe wieder eingekehrt. Es hat aber da und dort gekriselt. Besonders in J e n a sind bewegte Tage vorübergegangen. Der Generalstreik ist gestern nachmittag aufgehoben worden. Das Stoysche Erziehungsheim ist auf Anweisung des weimarischen Staatsministeriums durch die Polizeibehörde in Jena vorläufig geschlossen worden; Direktor Sommer wurde verhaftet. In dem Institut war das Waffenlager des Zeitfreiwilligen-Verbandes, der sich in Jena fast nur aus Studenten zusammensetzt, untergebracht. Die Kinder wurden aus den Gebäuden entfernt, worauf eine gründliche Durchsuchung der Räume nach Waffen erfolgte. Wie die Jenaer „Volksztg.“ schreibt, sind kurz vor der Schließung noch zwei Kisten mit Handgranaten aus dem Institut entfernt worden. Die Verhaftung der Professoren Plate und Stoy erfolgte wegen des Verdachtes hochverräterische Umtriebe nur P l a t e und S t o y konnten gefaßt werden. Prof. T h ü m m e l hat sich rechtzeitig entfernt. – In A p o l d a war wenig von der neuen Umsturzbewegung zu merken, hier ist nicht einmal der Generalstreik einheitlich durchgeführt worden. – In I l m e n a u hatten von vornherein die Arbeiter die Gewalt fest in der Hand. – In E i s e n a ch sind die Truppen ohne Blutvergießen eingezogen. In der Stadt ist es vollkommen ruhig. Die militärische Aktion geht weiter, ist jedoch mit Verhandlungen begleitet, die Staatsminister Dr. P a u l s s e n gemeinsam mit den Truppenkommandeuren vor jedem militärischen Eingriff führt. Am Dienstag hat die Beerdigung der acht Todesopfer stattgefunden.

Quelle:

Weimarische Landes-Zeitung Deutschland vom 24.3.1920

 

Bild:

https://de.wikipedia.org/wiki/Ludwig_Plate_(Zoologe)#/media/Datei:Ludwig_Plate_(BerlLeben_1901-09).jpg