100 Jahre Thüringen
Staatskanzlei Thüringen Weimarer Republik e.V. Forschungsstelle Weimarer Republik an der Uni-Jena

Leben mit 133 Mark pro Woche

Alles wird teurer! Und zwar nicht mit 1-3% Inflation pro Jahr, sondern mit 800-900% gemessen am Vorkriegsniveau. Für Arbeitnehmer, deren Löhne nicht mit derselben Geschwindigkeit mitwachsen, ist diese Entwicklung existenzbedrohend. Doch das Schlimmste steht dem Land in dieser Hinsicht noch bevor. 1922/23 kommt die Hyperinflation.

Regionale Notgeldmünze von 1923

Das Existenzminimum im Februar 1920.

In der „Finanzpolitischen Korrespondenz“ untersucht r. Kuczynski, Direktor des Statistischen Amtes der Stadt Schöneberg, in einer wertvollen Abhandlung, die Höhe des Existenzminimums im Monat Februar.

Einleitend verweist er auf die Steigerung der Kosten der Lebenshaltung im Februar infolge der Preiserhöhungen für Zucker, Brot, Milch, Fett, Kohlen usw. und stellt dann fest, daß dieselben Mengen rationierter Waren, für die man vor 6 Jahren 3,31 M. bezahlt hat, jetzt 23,44 M. also fast das Achtfache kosten.

Als wöchentliches Existenzminimum berechnet Kuczynski für den Februar 1920 für einen allein stehenden Mann für Ernährung 50 M., Wohnung 8, Heizung und Beleuchtung 13, Bekleidung 35, Sonstiges 27, also insgesamt 133 M.; für ein Ehepaar für Ernährung 78, Wohnung 8, Heizung und Beleuchtung 13, Bekleidung 58, Sonstiges 39, insgesamt also 196 M.; für ein Ehepaar mit 2 Kindern für Ernährung 102, Wohnung 8, Heizung und Beleuchtung 13, Bekleidung 82, Sonstiges 51, insgesamt also 256.

Auf den Arbeitstag umgerechnet, beträgt der notwendige Mindestverdienst für einen alleinstehenden Mann 22 M., für ein kinderloses Ehepaar 33 M., für ein Ehepaar mit zwei Kindern von fünf bis zehn Jahren 43 M. Auf das Jahr umgerechnet beträgt das Existenzminimum für den alleinstehenden Mann 6950 M., für das kinderlose Ehepaar 10.200 M., für das Ehepaar mit zwei Kindern 13.350 M.

Für den Februar 1914 stellte sich dagegen das Existenzminimum für den alleinstehenden Mann: Ernährung 3,50 M., Wohnung 5,50, Heizung, Beleuchtung 1,90, Bekleidung 2,50, Sonstiges 3,35, also insgesamt 16,75 M.; für ein Ehepaar: Ernährung 6,30, Wohnung 5,50, Heizung, Beleuchtung 1,90, Bekleidung 4,15, Sonstiges 4,45, also insgesamt 22,30 M.; für ein Ehepaar mit zwei Kindern: Ernährung 9,80, Wohnung 5,50, Heizung, Beleuchtung 1,90, Bekleidung 5,85, Sonstiges 5,75, also insgesamt 28,80 M.

Vom Februar 1914 bis zum Februar 1920 wäre somit das wöchentliche Existenzminimum in Groß-Berlin gestiegen: für den alleinstehenden Mann von 16,75 M. auf 133 M., d. h. auf das 7,9fache, für ein kinderloses Ehepaar von 22,30 auf 196 M., d. h. auf das 8,8fache, für ein Ehepaar mit zwei Kindern von 28,80 auf 256 M., d. h. auf das 8,9fache.

Da die Löhne bestenfalls um das vier- bis fünffache gestiegen sind, so ist auch aus dieser Berechnung die ungeheure Verschlechterung der Lebenshaltung aller Lohnempfänger ersichtlich.

Dabei ist noch zu berücksichtigen, daß Herr Kuczynski die Ausgaben für Februar 1920 sehr niedrig angegeben hat. So berechnet er z. B. die wöchentliche Ausgabe für Miete mit 8 Mark, während sie tatsächlich mindestens 15 Mark betragen dürfte.

Quelle:

Neue Zeitung. Unabhängiges Sozialistisches Organ vom 3.3.1920

 

Bild:

https://de.wikipedia.org/wiki/Inflation#/media/Datei:1_Billion_Mark_1923_Provinz_Westfalen,_Wertseite,_CNG.JPG