100 Jahre Thüringen
Staatskanzlei Thüringen Weimarer Republik e.V. Forschungsstelle Weimarer Republik an der Uni-Jena

Neue Regierungen im Reich und Preußen, Aufstand im Ruhrgebiet hält an

Die während des Kapp-Putsches nach Stuttgart geflohene Reichsregierung Bauer macht Platz für das (leicht) angepasste Kabinett unter Hermann Müller. Die Zeitungen sprechen zu Recht von einem „geflickten“ Kabinett Bauer. Währenddessen halten die Kämpfe zwischen aufständischen Arbeitern und Reichswehreinheiten im Ruhrgebiet an. Die neue preußische Regierung unter Otto Braun sucht zwar eine Verhandlungslösung – das Bielefelder Abkommen – aber die Gewalt ist kaum mehr einzudämmen.

Gruppenfoto mit dem neuen Reichskanzler Müller (5 v. l.)

Das Reichskabinett Müller.

Berlin, 27. März. (Amtlich.) Nachdem das Kabinett Bauer zurückgetreten war, hat der Reichspräsident den Minister des Auswärtigen Müller mit der Bildung des neuen Kabinetts betraut.

Diese Kabinettsbildung hat zu folgendem Ergebnis geführt:

Reichskanzler: Müller, der einstweilen Minister des Auswärtigen verbleibt und mit seiner Vertretung im Geschäftsbereich des Auswärtigen Amtes im Behinderungsfalle den Unterstaatssekretär Gesandten von Haniel beauftragt hat;

Stellvertreter des Reichskanzlers und Reichsminister des Innern: Koch;

Reichsminister der Finanzen: Wirth;

Reichswehrminister: Geßler;

Reichsminister für Justiz: Blunck;

Reichswirtschaftsminister: Schmidt;

Reichsarbeitsminister: Schlicke;

Reichspostminister: Giesberts;

Reichsschatzminister: Bauer;

Reichsverkehrsminister: Bell;

Reichsernährungsminister: Hermes;

Reichsminister ohne Portefeuille: David.

Das Reichsministerium für Wiederaufbau wird in den nächsten Tagen besetzt werden. Das neue Kabinett wird sich am Montag der Nationalversammlung vorstellen. Der Reichskanzler wird programmatische Ausführungen machen und sich über die Ereignisse der letzten 14 Tage aussprechen.

Berlin, 27. März. Wie das Nachrichtenbüro Deutscher Zeitungsverleger erfährt, hat der Generaldirektor der Hamburg-Amerika-Linie, Dr. Cuno, den Reichspräsidenten Ebert telegraphisch ersucht, von seiner Berufung in das neue Kabinett endgültig Abstand zu nehmen.

Das „gewendete“ Kabinett Bauer.

Berlin, 29. März. Die Morgenblätter äußern sich zur Regierungsneubildung. Das „Berliner Tageblatt“ spricht von einem Uebergangskabinett auf Grund der Koalition. Es sei ein gewendetes Kabinett Bauer. Nur für Erzberger und Noske seien ein paar Flicken eingesetzt. Es sei milder als die Regierung Bauer, während das Kabinett Braun in Preußen einen merklichen Zug nach links bedeutet.

Die Treibereien der Unabhängigen.

Berlin, 29. März. Das Ergebnis der gestern stattgefundenen 30 Versammlungen der unabhängigen sozialdemokratischen Partei faßt die „Vossische Zeitung“ dahin zusammen: Die Unabhängigen wünschen ein rein sozialistisches Kabinett unter Führung der U.S.P.D., sofortiger Zurückziehung der Truppen aus dem Ruhrrevier unter Aufsicht von Beamten der Regierung und der Unabhängigen; andernfalls wird die rote Armee weiterkämpfen und, wenn sie unterliegt, die Bergwerke in die Luft sprengen. Kunert deutete auf einen Generalstreik hin, auf den man gefaßt sein müßte. Crispien bezeichnete das geschlossene Eintreten der Gewerkschaften von der Linken bis zu den Demokraten in die politischen Kämpfe als einen Wendepunkt der gewerkschaftlichen Gesinnung.

Berlin, 27. März. Die Verhandlungen der Mehrheitsparteien haben heute abend das Ergebnis gebracht, daß das preußische Staatsministerium wie folgt zusammengesetzt werden soll: Ministerpräsident und Landwirtschaft: Braun, Inneres: Severing, Unterricht: Haenisch, Finanzen: Lüdemann, Oeffentliche Arbeiten: Oeser, Handel: Fischbeck, Volkswohlfahrt: Stegerwald, Justiz: Dr. Am Zehnhoff.

Verlauf der ersten Phase des Aufstandes

Ein Ultimatum an die Rote Armee.

Berlin, 26. März. In einem Aufrufe an die Bevölkerung von Rheinland-Westfalen fordert die Reichsregierung alle besonnenen Arbeiter zur Einstellung jeder Kampfhandlung auf. Weiterkämpfende Arbeitertruppen müssen mit militärischen Mitteln zur Ordnung zurückgebracht werden. Reichswehr-Offiziere und Soldaten stehen fest zur verfassungsmäßigen Regierung.

Berlin, 29. März. In einem Aufrufe fordert die Reichsregierung die Aufständischen im Ruhrreviere zum letzten Male zur Vernunft auf. Bis zum 30. März 12 Uhr mittags wird die Ablieferung der Waffen verlangt; ferner Anerkennung der Verfassung, Wiedereinsetzung der unbelasteten Behörden, Auflösung der roten Armee, Entwaffnung der Bevölkerung, auch der Einwohnerwehren und sofortige Freilassung der Gefangenen. Falls diese Forderungen nicht erfüllt werden, ist General Watter beauftragt, gesetzmäßige Zustände herbeizuführen.

Die Lage im Ruhrgebiet.

Essen, 27. März. Der Zentralrat der Vollzugsräte für das Industriegebiet Rheinland-Westfalen stellt fest: Die sogenannten Bielefelder Abmachungen hängen in der Luft. Die Regierung hat dazu offiziell keine Erklärungen abgegeben. Sie gab auch keinerlei Garantie dafür, daß die in den Abmachungen enthaltenen Zugeständnisse durchgeführt werden. Der Zentralrat hält daher neue Verhandlungen für erforderlich.

Der Zentralrat ordnet an, daß die Gemeinden die Löhnung, Verpflegung und Kleidung der Wehrmannschaften zu übernehmen haben; nötigenfalls werden die Gemeinden von dem örtlichen Vollzugsrat dazu gezwungen. Die großen Unternehmen haben den Wehrmannschaften, die bei ihnen in Arbeit standen, den Lohn weiter zu zahlen. Eingriffe in das Wirtschaftsleben von dem örtlichen Vollzugsrat dürfen nur im Einverständnis mit dem Zentralrat erfolgen.

Münster, 28. März. Der Befehlshaber des Wehrkreises 6, Freiherr von Watter, hat sich gestern persönlich in Wesel von dem Zustand der dort bisher in schwerem Kampf stehenden Truppen überzeugt. Die Division Kabisch hatte gestern das Lager Friedrichsfelde gesäubert. Erbeutet wurde eine schwere Feldhaubitze, eine Feldkanone, eine Revolverkanone, mehrere leichte Minenwerfer, zahlreiche Maschinengewehre, große Munitionsbestände und ein Lastkraftwagen. Das Einschreiten der Truppen südlich Wesel wurde notwendig, um die Zivileinwohner der Stadt vor einer weiteren Beschießung durch die bolschewistische Artillerie zu schützen. Die gegnerische Artillerie wurde zum Teil genommen und mit ihren Resten so weit zurückgedrängt, daß eine Beschießung Wesels nicht mehr zu befürchten ist.

Quelle:

Jenaer Volksblatt vom 28.3.1920

In: https://zs.thulb.uni-jena.de/rsc/viewer/jportal_derivate_00273548/JVB_19200329_076_167758667_B1_001.tif?logicalDiv=jportal_jpvolume_00370969

 

Bilder:

https://de.wikipedia.org/wiki/Kabinett_Müller_I#/media/Datei:Bundesarchiv_Bild_146-1982-092-28,_Kabinett_Müller.jpg

https://de.wikipedia.org/wiki/Ruhraufstand#/media/Datei:Ruhraufstand_1920_002.jpg