100 Jahre Thüringen
Staatskanzlei Thüringen Weimarer Republik e.V. Forschungsstelle Weimarer Republik an der Uni-Jena

Neues aus der Rätebewegung

Die linkssozialistische Neue Zeitung polemisiert gegen die bald erstmals stattfindenden Betriebsrätewahlen. Das entsprechende Betriebsrätegesetz war im Januar 1920 nach blutigen Konflikten zwischen der MSPD-geführten Regierung und der linkssozialistischen Opposition beschlossen worden. USPD und KPD halten hingegen an der Idee eines politischen Rätesystems fest, welches auf die Abschaffung des Parlamentarismus hinauslaufen würde und betreiben eine entsprechende Schulungsarbeit.

Gedenktafel für den Rätetheoretiker Alexander Schwab in Berlin

Rätebewegung.

Gedämpfte Erwartungen der Arbeiter.

Die Scheinsozialisten hatten an den Kampf der revolutionären Arbeiter gegen das Betriebsrätegesetz die stille Hoffnung geknüpft, daß sich das wirklich sozialistische Proletariat nicht an den Wahlen zu den Betriebsräten beteiligen würde. In aller Heimlichkeit freuten sie sich schon darauf, daß sie nun das ganze Land mit einem Netz von gegenrevolutionären Betriebsräten überziehen könnten und daß sie damit ihrer Regierung als Lohn für das Kompromiß einen Apparat präsentieren könnten, auf dem diese nur Klavier zu spielen brauche, um die von ihr gewünschten Töne zu hören. Dem Zersetzungsprozeß, der in den rechtssozialistischen Gewerkschaften immer schneller voranschreitet, hätte man damit ein Einhalt gebieten können. Und was hätte man damit alles gekonnt. Die Unternehmer hätten gar nicht mehr selbst um ihre Vorrechte zu kämpfen brauchen. Die Regierung hätte das alles mit den Betriebsräten schon besorgt. Und was hätte erst unser aller Gustav Noske für wunderschöne Vertrauensvoten vom „gesamten Proletariat“ bekommen können.
Die rechtssozialistische Presse hatte schon recht. Es ist zu schade, daß die Unabhängigen zu „inkonsequent“ sind. Es wär‘ so schön gewesen …..


An alle Räteschulen und Räteausbildungskurse im Reiche!

Die Räteschule der Groß-Berliner Arbeiterschaft beabsichtigt durch Vervielfältigung ihrer gesamten Lehrpläne ihre Erfahrungen allen auf dem Gebiete der Räteschulung tätigen Organisationen und Genossen im Reiche dienstbar zu machen. Außer den Lehrplänen besteht noch mustergültiges Unterrichtsmaterial für Kalkulationskurse in Form von Werkstattzeichnungen, Plänen und Formularen zur Durcharbeitung eines bestimmten Lehrganges. Ferner gehört dazu eine Arbeit des Genossen Dr. Schwab über die bisherigen methodischen Erfahrungen der Praxis des Räteunterrichts.
Finanzielle Schwierigkeiten und hohe Vervielfältigungskosten machen es unmöglich, das Material kostenfrei abzugeben. Die Unkosten pro Gesamtexemplar belaufen sich auf ca. 25 bis 30 M. Es wird versucht werden die Herstellungskosten noch herabzusetzen. Es können nur soviel Exemplare angefertigt werden, wie Bestellungen vorliegen. Anforderungen werden umgehend an das Büro der Räteschule erbeten. Adresse: Berlin C 25, Münzstraße 24 III.

Quelle:

Neue Zeitung. Unabhängiges Sozialistisches Organ vom 4.3.1920

 

Bild:

https://de.wikipedia.org/wiki/Alexander_Schwab#/media/Datei:Gedenktafel_Keithstr_8_Alexander_Schwab.jpg