100 Jahre Thüringen
Staatskanzlei Thüringen Weimarer Republik e.V. Forschungsstelle Weimarer Republik an der Uni-Jena

Rückkehr zur Weimarer Normalität

Die Folgen des Kapp-Putsches zeigen sich auch im Kleinen. So musste die Oberbürgermeister in Weimar abgesagt werden. Nun wird sie nachgeholt, auch wenn die Beteiligung gerade mal 37% beträgt. Auch die Deutsche Shakespaere-Gesellschaft feiert ihr Jahrestreffen lieber in einem kleinen Rahmen.

Zeichnung zu Timon von Athen (von Wyndham Lewis)

Weimarer Nachrichten.

Weimar, Montag, den 29. März 1920.

Dr. Müller Oberbürgermeister von Weimar.

Wohl kaum kam eine Wahl unter derartigen ungünstigen Verhältnissen zustande, wie die Weimarische Oberbürgermeisterwahl. Der erste Wahltag fiel gerade auf den Sonntag, den 14. d. M., den Tag der Weimarischen Diktatur, und es war ja wohl vorauszusehen, daß die Wahlpflicht nur in sehr geringem Maße ausgenutzt wurde, da die Ereignisse wichtiger erschienen als die Oberbürgermeisterwahl. Um so unverständlicher ist aber, daß bei der gestrigen Nachwahl so wenige ihrer Pflicht genügten. Im ganzen wurden von rund 24.000 Stimmen nur 8.821 Stimmen abgegeben, so daß knapp die Hälfte der am ersten Wahltag geforderten Zweidrittelmehrheit erreicht wurde. Erfreulicherweise ist bei der gestrigen Wahl für einen Kandidaten entschieden worden, so daß eine Stichwahl, die man eigentlich erwartet hatte, sich nicht mehr nötig macht. Von den abgegebenen Stimmen entfielen 5.211 auf Dr. Müller, Magdeburg, 3.289 auf Dr. Grünspan, Danzig, und 371 auf Dr. Görlitz, Altona. Somit ist Dr. Müller mit 5.211 gegen 3.610 Stimmen zum Oberhaupt Weimars gewählt.

[…]

Die Deutsche Shakespeare-Gesellschaft wird ihre Hauptversammlung in Weimar in diesem Jahre infolge der schweren Zeitlage in engerem Rahmen als sonst abhalten. Die Sitzung des Vorstandes findet am Nachmittag des 22. April im Schiller-Hause statt. Die Hauptversammlung ist auf den 23. April, 11 Uhr vormittags, festgelegt worden, und zwar ist dieses Jahr der kleine Saal der „Erholung“ in Aussicht genommen worden, in dem Plätze für die bis zum 15. April angemeldeten Mitglieder aufgehoben, aber, soweit der Raum reicht, auch für andere Freunde der Gesellschaft bereit gehalten werden sollen. Nach einer Ansprache des Vorsitzenden, Geheimrat Universitätsprofessor Dr. Alois Brandt (Berlin) wird Herr Waldemar Jürgens (Weimar) einen Vortrag über „Die Inszenierung von Shakespeares Lustspielen“ halten. Daran schließen sich, nur für die Mitglieder, Verhandlungen über einschneidende Fragen, eine Erhöhung des Mitgliedsbeitrages u. a. Nach Schluß der Versammlung ist für Mitglieder und Gäste ein gemeinsames Mittagessen im Hotel „Chemnitius“ und für den Abend gesellige Vereinigung in den gastlichen Räumen des „Künstlervereins“ in Aussicht genommen worden. Das Deutsche Nationaltheater wird den Geburtstag des Dichters durch die Erstaufführung des Trauerspiels „Timon von Athen“ in der Bearbeitung Hans Oldens festlich begehen. Das Goethe-Schiller-Archiv, wie auch das Goethe-Nationalmuseum, die Bibliothek und das Schiller-Haus sind gegen Vorzeigung der Mitgliedskarte am 23. April von 9-11 Uhr für die Mitglieder unentgeltlich geöffnet; ingleichen von 1 bis 3 Uhr die Dichterzimmer im Schlosse, das Wittumspalais und die Fürstengruft.

Quelle:

Weimarische Landes-Zeitung Deutschland vom 29.3.1920

 

Bild:

https://en.wikipedia.org/wiki/Timon_of_Athens#/media/File:Wyndham_Lewis_-_Timon_of_Athens_Act_V.jpg