100 Jahre Thüringen
Staatskanzlei Thüringen Weimarer Republik e.V. Forschungsstelle Weimarer Republik an der Uni-Jena

Ruhe vor dem Sturm

Noch kurz vor dem Kapp-Putsch am 13. März 1920, welcher in den folgenden Wochen die Zeitungsmeldungen beherrschen sollte, berichten die Zeitungen auch über allerlei Lokales aus Stadt und Land. So sind Studiensemester an deutschen (Fach-) Hochschulen und Universitäten in der Regel ein halbes Jahr lang, doch nach dem Ersten Weltkrieg wurden Kriegsversehrten und aus Kriegsgefangenschaft zurückkehrenden Soldaten sogenannte Zwischensemester zugestanden. Doch auch weitere Berichte spiegeln das Lokalkolorit dieser Zeit wider.

Stadtwappen Jenas

Stadt und Land.

Jena, 12. März 1920.

  • Das Zwischensemester 1920 an der Universität Jena wird nach einem Beschluß der Staatsministerien in Weimar, Meiningen, Altenburg und Gotha den Kriegsteilnehmern in bezug auf die Prüfung für das Lehramt an höheren Schulen voll angerechnet. Weiter hat sich auch der Landeskirchenrat für Sachsen-Weimar-Weisenach dahin schlüssig gemacht, den Theologie studierenden Kriegsteilnehmern dieses Zwischensemester ohne Einschränkung auf das bei der Meldung zur ersten theologischen Prüfung nachzuweisende Studium anzurechnen.
  • Das Jenaer Stadttheater macht nach seiner Wiedereröffnung bis jetzt keine glänzenden Geschäfte. Obwohl die Schaulspielertruppe allen billigen Anforderungen entspricht, ist das Theater in der Regel nur zur Hälfte gefüllt. Man hat sich jetzt genötigt gesehen, eine Posse in den Spielplan aufzunehmen, von der man etwas mehr Anziehungskraft erhofft. „Wenn das so weiter geht, ist Direktor Hortwitz gerechtfertigt“, meinte in der Gemeinderatssitzung Beigeordneter Döpel, dem das Dezernat für das Stadttheater übertragen ist.
  • Sein 25jähriges Geschäftsjubiläum bei der Firma Carl Zeiß hier feierte der Prokurist Max Petermann. Als einfacher Büroangestellter trat Petermann, der Sohn eines verstorbenen Apoldaer Kaufmanns, im Zeißwerk ein, um sich durch eisernen Fleiß, Züchtigkeit und Strebsamkeit im Laufe der Jahre zu seiner jetzigen angesehenen Stellung (Organisation der Zeißwerke) emporzuarbeiten, die umfassende Kenntnisse und großes Verantwortlichkeitsgefühl erfordert. Dem Jubilar, der Anfang dieses Monats vom hiesigen Stenographenverein Gabelsberger „wegen seiner Verdienste um den Verein“ zum Ehrenmitglied ernannt worden ist, wurden von der Geschäftsleitung, Kollegen und Beamten mancherlei Ehrungen und Aufmerksamkeiten erwiesen.
  • Arbeitslosenunterstützungen an Lehrer werden im Freistaat Sachsen-Weimar gewährt. Die kürzlich von den Landesseminaren entlassenen jungen Kriegslehrer, die nach bestandener Abschlußprüfung eine Lehrerstelle übernehmen sollen, erhalten von jetzt ab täglich eine Arbeitslosenunterstützung von 6 M, sofern sie noch keine Anstellung im weimarischen Volksschuldienste erhalten haben.
  • An der Städtischen Studienanstalt wurde gestern, nachdem in der Zeit vom 19. bis 24. Februar die schriftliche Prüfung stattgefunden hatte, unter dem Vorsitz des Regierungskommissars Schulrat Professor Dr. Scheidemantel die mündliche Reifeprüfung Sämtliche 11 Oberprimanerinnen erhielten das Zeugnis der Reife; 8 konnten von der mündlichen Prüfung befreit werden.
  • Einen Umbau soll auch das Hausgrundstück 19 der Schloßgasse, das früher viele Jahre lang ein Kaffee mit Damenbedienung beherbergte, unterzogen werden. Das Haus, bisher dem Gastwirt Paris in Naumburg gehörig, hatte sich in den letzten Jahren Zwangsquartierung gefallen lassen müssen; jetzt ist es vom Kaufmann Knauth (Jakobstraße) käuflich erworben worden.
  • Schwere Urkundenfälschungen wurden einem aus Jena stammenden Techniker Durch gefälschte Schecks hatte sich der junge Mann in den Besitz von 8.000 M gesetzt. Bevor der leichtsinnige Mensch mit der Bahn abdampfen konnte, wurde er von einem Kriminalwachtmeister beim Kragen genommen. Die Geschädigten konnten fast restlos ihr Geld wieder erhalten.
  • Ein Einbruchsdiebstahl wurde in vergangener Nacht in einem hiesigen Zigarrengeschäft verübt. Die Spitzbuben schleppten Zigarren und Zigaretten im Werte von 4.000 M davon.
  • Ein Fahrraddieb wurde am Donnerstag von der hiesigen Polizei gefaßt. Der fremde junge Mensch machte sich verdächtig, als er ein gutes Fahrrad zu verkaufen trachtete, über dessen Erwerb recht unglaubhafte Angaben gemacht wurden. Der Fahrradverkäufer wurde verhaftet; das gestohlene Rad kann bei der hiesigen Kriminalabteilung in Augenschein genommen werden.

Quelle:

 

Jenaer Volksblatt vom 12.3.1920

 

In:https://zs.thulb.uni-jena.de/rsc/viewer/jportal_derivate_00273534/JVB_19200312_062_167758667_B1_002.tif?logicalDiv=jportal_jpvolume_00370955

 

Bild:

 

https://de.wikipedia.org/wiki/Jena#/media/Datei:Wappen_Jena.svg