100 Jahre Thüringen
Staatskanzlei Thüringen Weimarer Republik e.V. Forschungsstelle Weimarer Republik an der Uni-Jena

„Schart euch um die verfassungsmäßige Regierung!“

13. März. Der erste Rechtsputsch erschüttert die Republik. Während sich die Ereignisse in Berlin überschlagen, treffen auch in Thüringen erste Meldungen ein. Die Reichsregierung Bauer musste noch in der Nacht aus Berlin fliehen und wendete sich mit einem Streikaufruf an die gesamte Bevölkerung. Das Jenaer Volksblatt sieht Deutschland am Rande eines Bürgerkrieges stehen.

Kapp-Truppen in Berlin

Rechtsradikale Umsturzbestrebung

Berlin, 12. März. Von zuständiger Stelle wird mitgeteilt: In Berlin hat seit einiger Zeit das Treiben einer rechtsradikalen Klique eingesetzt, deren Bestrebungen auf gesetz- und verfassungswidrigen Umsturz hinauslaufen, und die versucht hat, auch militärische Stellen für ihre Pläne zu gewinnen. Es kann festgestellt werden, daß die in Opposition gegen die Regierung stehenden Rechtsparteien der Nationalversammlung sowie der Preußischen Landesversammlung dieser Sache fernstehen. Selbst weite Kreise altkonservativer Richtung lehnen die Desperadopolitik dieser rechtsspartakistischen Klique restlos ab. Immerhin ist gegen eine derartige mit nationalistischen Schlagworten arbeitende Gruppe besondere Vorsicht am Platze. Die Reichsregierung wird diese Vorsicht walten lassen und mit schärfsten Mitteln gegen die Drahtzieher und Leiter der Bewegung einschreiten. Daher ist auch gegen eine Reihe von beteiligten Persönlichkeiten die Schutzhaft verhängt worden.

Berlin, 12. März. Wie wir erfahren, ist gegen die Herren Generallandschaftsdirektor v. Kapp, Hauptmann a. D. Pabst, Schriftsteller Grabowski du Schriftsteller Schnitzler die Schutzhaft verhängt worden, unter der Begründung, daß die Umtriebe gegen die Regierung zu planen schienen. Die Herren Kapp und Pabst waren bisher nicht aufzufinden. Schnitzler befindet sich bereits in Schutzhaft, Grabowski liegt krank zu Bett.

Auf Anordnung des Oberbefehlshabers in den Marken sind die Sicherheits- und die Reichswehr in Berlin heute in Alarmbereitschaft.  

Berlin, 12. März. Der Führer des Reichswehrgruppenkommandos I, Generalleutnant Freiherr von Lüttwitz, hat einen Urlaub angetreten. Während dieser Beurlaubung übernimmt seine Vertretung der rangälteste Offizier Generalleutant von Oven, der zugleich die Führung des Wehrkreiskommandos III (Berlin) beibehält.

Berlin, 12. März. Der in Schutzhaft genommene Schriftsteller Schnitzler gehörte der Presseabteilung des Korps Lüttwitz an. Grabowski war Pressechef bei der Gardekavalleriedivision. Er ist nicht zu verwechseln mit dem gleichnamigen Herausgeber der Zeitschrift „Neues Deutschland“.

Im Zusammenhange mit den Schutzmaßnahmen sind die Wohn- und Büroräume der in Frage kommenden Personen einer eingehenden Untersuchung unterzogen worden. Auch den Geschäftsräumen der nationalen Vereinigung Schellingstraße 1 haben Kriminalbeamte einen Besuch abgestattet und das gesamte dortige Material beschlagnahmt.

Berlin, 13. März. Ueber die Bedrohung Berlins durch einen Militärputsch schreibt das „Berliner Tageblatt“: Etwa 18.000 Mann gegenrevolutionärer Truppen, die sich um die beiden Brigaden Lüttwitz und Ehrhardt gruppieren, sind in der Nähe von Döberitz konzentriert und sollen die Absicht haben, in der Nacht gegen Berlin vorzumaschieren und die Regierung in ihre Hand zu bringen. Es scheint sich nicht um einen ausgesprochen monarchistischen Putsch zu handeln, sondern um den Versuch einer Reihe von Offizieren, die gegenwärtige Regierung zu stürzen und ihr ein genehmes Ministerium aus lauter Fachleuten mit wahrscheinlich einem Diktator an der Spitze aufzuzwingen. Im Auftrag der Regierung fuhr Admiral von Throtha nach Döberitz, um die Gegenrevolutionäre von ihrem politischen, wahnwitzigen Staatsstreich abzuhalten. Der Admiral kehrte in den ersten Nachtstunden nach Berlin zurück, nachdem er den Versuch gemacht hatte, beruhigend auf die Truppen in Döberitz einzuwirken. Es scheint eine gewisse Entspannung eingetreten zu sein. Aber der Admiral betont, daß die Situation sich von Stunde zu Stunde verschieben könnte.

Aufruf der Reichsregierung

Nach den an der Spitze des Blattes abgedruckten Meldungen, die uns wegen der in aufgeregten Zeiten stets zu beobachtenden Ueberlastung des Drahtes mit erheblicher Verspätung erst gegen Mittag zugingen, sind die Ereignisse bereits viel weiter gediehen, als es nach den ersten Nachrichten vorausgesehen werden konnte. Die Koalitionsregierung hat Berlin verlassen, allerdings ohne zurückgetreten zu sein. An die Spitze der neuen Gewalt stellten sich der frühere intime Gegner Bethmann-Hollwegs, der Generallandschaftsdirektor von Kapp und der General von Lüttwitz, dem zu diesem Zwecke eigens Urlaub (!) gewährt wurde. Der Tragödie fehlt also nicht das Satirspiel. Wiederum ist der Umsturz von der Marine ausgegangen. Ob es sich um eine monarchistische Bewegung oder nur um die Vorläufer einer solchen handelt, läßt sich zurzeit noch nicht übersehen. Man weiß also nicht, ob de Republik in Gefahr ist. Darüber aber besteht schon seit jetzt kein Zweifel, daß jeder neue gewaltsame Umsturz die Not des deutschen Volkes nur vergrößern kann. Die Gruppe um Kapp wird mit einem nicht leicht zu überwindenden Widerstand der Linksparteien zu rechnen haben. Gerüchtweise verlautet bereits, daß die Arbeiterschaft den Generalstreik für ganz Deutschland proklamieren wird. Die Gefahr des Bürgerkrieges ist durch den an Tollheit grenzenden Putsch einer handvoll gegenrevolutionärer Politiker in bedrohliche Nähe gerückt.

Quelle:

Jenaer Volksblatt von 13.3.1920

In:https://zs.thulb.uni-jena.de/rsc/viewer/jportal_derivate_00273535/JVB_19200313_063_167758667_B1_001.tif

 

Bilder:

https://de.wikipedia.org/wiki/Kapp-Putsch#/media/Datei:Bundesarchiv_Bild_146-1970-051-65,_Kapp-Putsch,_Berlin.jpg

https://de.wikipedia.org/wiki/Kapp-Putsch#/media/Datei:Plakat_der_Reichsregierung_gegen_den_Kapp-Putsch_1920.jpg