100 Jahre Thüringen
Staatskanzlei Thüringen Weimarer Republik e.V. Forschungsstelle Weimarer Republik an der Uni-Jena

Selbstjustiz nach dem Putsch

Die Volksseele kocht nach den jüngsten blutigen Ereignissen und die Unterstützer des Putsches gehören vor Gericht. Auch aufgrund des geringen Vertrauens in die Justiz kommt es zu solchen Szenen wie hier in Weimar.

Denkmal für gefallene Arbeiter in Schwerin

Volksjustiz. Ein Augenzeuge berichtet aus Weimar: Bezeichnend für die Volksstimmung ist folgender Vorfall, der sich am Mittwoch mittag 1 Uhr auf dem Museumsplatz ereignete. Der Reaktionär Gutmann, welcher im Verdacht der engen Verbindung mit den Rechtsputschisten steht, wurde von der aufgeregten Menge auf der Straße erkannt. Man drängte sich um ihn, packte ihn, zerriss seine Kleider und schlug mit Stöcken auf ihn ein. Jeder Versuch, sich zu wehren, war für den Ueberfallenen selbstverständlich zwecklos. Halb tot wurde er schließlich nach seiner Wohnung geschleift. Vom rein menschlichen Standpunkt ist das Vorgehen der Menge unbedingt zu verwerfen. Dies muß mit aller Entschiedenheit ausgesprochen werden, bevor man den Versuch macht, Momente herauszufinden, das Geschehnis aus der politischen Situation heraus zu erklären. Nicht mehr den einzelnen Menschen griff die Menge an, sondern sie sah in der Person Gutmanns gleichsam die Verkörperung der furchtbaren Verantwortungslosigkeit, deren sich die Militärkamrilla dem ganzen Volke gegenüber in wirtschaftlicher, politischer wie ethischer Beziehung schuldig gemacht hat. Den maßgebenden Stellen sei dieser Vorfall aber ein Fingerzeig, solche Personen in Schutzhaft zu nehmen zum Schutze der Republik, zur Beschwichtigung der Volksempörung, zum Schutze der betreffenden Personen selbst, um sie gegebenenfalls einer gerechten Aburteilung entgegenführen zu können.

Quelle:

Volkszeitung für Sachsen-Weimar-Eisenach vom 18.3.1920

 

Bild:

https://de.wikipedia.org/wiki/Kapp-Putsch#/media/Datei:Kapp-Putsch_Schwerin_Mecklenburger_Straße_4-6.jpg