100 Jahre Thüringen
Staatskanzlei Thüringen Weimarer Republik e.V. Forschungsstelle Weimarer Republik an der Uni-Jena

Wir sind anders und das ist gut so

Frauen sind erst seit der Jahrhundertwende zum Studium zugelassen und erhalten nach wie vor nur selten die Möglichkeit einen gleichwertigen Studienabschluss abzulegen. Die männliche Studenten- und Professorenschaft verteidigt verbissen ihre privilegierte Stellung. Anlässlich eines Vortrages des erklärten Antifeministen Hans Blüher setzt sich Margarete Kranz vom Jenaer Studentinnenverein mit dessen Position auseinander, wobei sie auch an der älteren Frauenbewegung Kritik übt.

Die Köpfe der Frauenbewegung im Kaiserreich

Antifeminismus und Frauenbewegung.

(Eingesandt.)

Bürgerlicher Antifeminismus = Brotneid. Geistiger Antifeminismus = die Betonung der Polarität des männlichen und weiblichen Wesens und der daraus erwachsenden verschiedenartigen Aufgaben. Nur um den letzteren handelt es sich in Hans Blühers Vortrag.

Als Abwehr der Männerbündler gegen den Feminismus, der sich mit der „sogenannten Frauenbewegung“ breit macht, soll dieser Antifeminismus entstanden sein. Nur ein Wort Helene Langes aus „Intellektuelle Grenzlinien zwischen Mann und Frau“ sei dies angeführt: „Weil sie (die Frauen) die innere Unwahrheit der ihnen immer wieder aufgedrängten Ueberlieferung über das Wesen des Weibes abweisen, so meinen manche eine ganz besondere Unabhängigkeit des Denkens zu zeigen, wenn sie das genaue Gegenteil von dem tun, was bisher Frauenart war … Diese Entwicklungskrankheit ist schon jetzt im Abnehmen. Denn überall wächst in den Frauen der Mut der Selbstbehauptung, der Mut, zu betonen: ich bin anders als ihr.“ – Den Führerinnen der Frauenbewegung ist der Feminismus fremd, wenn sie auch, wie z. B. Helene Lange, von Differenziertheit, nicht von Polarität sprechen. Aber die Männerbündler und die ältere Frauenbewegung machen den Fehler, daß sie beide nicht den Ton auf die aus dem Wesen sich ergebenden verschiedenen Wirkungskräfte, sondern auf die Wirkungssphären legen. So glaubt Helene Lange, daß im Wege der organischen Arbeitsteilung sich als Sphäre für die Frau vor allem die soziale Arbeit ergeben würde, und die Männerbündler glauben die Frau unter anderem von der Wissenschaft ausschließen zu müssen. Aber es ist ganz gleich, auf welchem Gebiet die Frau wirkt. Wesentlich ist, daß sie subjektiviert, d. h. versteht, verwertet, in Leben umsetzt, zeugerisch wirkt; wesentlich für den Mann ist, daß er objektiviert, d. h. das Chaos ordnet, Form gibt, schöpferisch wirkt. Urbilder: auf der einen Seite Eros, auf der anderen Logos. Idealbilder: Eros viel subjektivierte Logosleistung umspannend, Logos von Erosausstrahlung durchglüht. Zwischen beiden mannigfaltige Erscheinungsformen.

Eros und Logos sind Formen des Geistes. Hans Blüher kennt nur die eine Art der Auswirkung des Eros, die Erotik. Merkt er, wie wenig das ist, wenn ich die Parallele ziehe: Logos – Logik? Erotik ist die Auswirkung des Eros in bezug auf den Körper. Schaltet man den Mann aus, dann bleibt der Tanz (Loheland). Soll sich darauf das Reich der Frau gründen? Nein, Hans Blüher.

„Alles ist relativ“, zitiert Hans Blüher; aber er vergißt es, wenn er von der Hörigkeit als der apriorischen Form der weiblichen Erotik (des weiblichen Wesens) spricht. Der Dienst am Eros bewahrt die Frau vor der Hörigkeit. Die Erweckung der Frau geschieht nie durch das männliche Wesen, denn Eros allein wirkt zeugerisch. Nur erosbegabte Menschen können erwecken.

Unter den zum Bewußtsein der besonderen Wesensart und Bestimmung erwachen Frauen entsteht die Frauengemeinschaft. Wir empfinden diese Gemeinschaft als Wurzel unserer Kraft und Verpflichtung am Reich der Frau zu bauen.

Der Männerbund kann keine Schranken setzen für die Auswirkung weiblichen Wesens. Jede Wertschöpfung, alles Objektivierte, kann Gegenstand seiner Betätigung sein. Hierin liegt der Sinn des Frauenstudiums.

Margarete Kranz, stud. jur. et cam.,

aus dem Studentinnenverein Jena.

Quelle:

Jenaer Volksblatt 11.3.1920

In: https://zs.thulb.uni-jena.de/rsc/viewer/jportal_derivate_00273533/JVB_19200311_061_167758667_Be_002.tif?logicalDiv=jportal_jpvolume_00370954

 

Bild:

https://de.wikipedia.org/wiki/Helene_Lange#/media/Datei:Führerinnen_der_Frauenbewegung_in_Deutschland_1894.jpg