100 Jahre Thüringen
Staatskanzlei Thüringen Weimarer Republik e.V. Forschungsstelle Weimarer Republik an der Uni-Jena

„Russische Zustände“ in Mitteldeutschland

Die sozialdemokratische Presse verurteilt das putschistische Vorgehen der Kommunisten scharf und sieht sich hierin mit der USPD einig. Solche zum Scheitern verurteilten Aktionen würden letztlich nur der „Reaktion“ helfen, wie „Das Volk“ aus Weimar hervorhebt.

Karikatur des Simplicissimus

Der Moskauer Terror

SPD. und USP. gegen die Kommunistenkämpfe – Ausnahmezustand in Mitteldeutschland -  Russische Kommunisten in Eisleben – Kommunistische Bombenattentate auch in Italien

Die Vorgänge in Mitteldeutschland zeigen immer klarer, daß der neue kommunistische Putschversuch eine Wahnsinnstag ist, der gegenüber man sich vergeblich fragt, wo denn die eigentlichen Ursachen dazu liegen. Die schweren politischen und wirtschaftlichen Bedrohungen durch die Sanktionen der Ententemächte, die Lage Oberschlesiens nach der Abstimmung erfordern auch von der deutschen Arbeiterklasse kluges politisches Erwägen statt sinnsolles Durcheinanderhetzen. Entweder fühlen die Führer der Kommunisten selbst, daß es mit ihrer Sache schlecht steht, sie neuen Agitationsstoff gebrauchen oder die Ursache ihres Putschplanes liegt in Moskau. Wenn je die deutsche Arbeiterschaft in die Lage versetzt wurde, scharf hinzuhorchen, was gespielt wird, so jetzt in dieser Stunde. Die scheußlichen Vorgänge in Flensburg, wo die Kommunisten ihr den anderen Parteien gegebenes Wort brachen und einen blutigen Putsch anzettelten, wiederholen sich nunmehr. Schon ist wieder Blut geflossen und Proletarier werden zu Grabe getragen. Alles zur höheren Ehre der Kommunistischen Partei, alles auf Befehl der dunklen Vampire aus Moskau, die den deutschen Boden unter ihren Füßen schwinden sehen.

Der frivole Plan der Kommunisten wird an der Besonnenheit der deutschen Arbeiter und an dem festen Zusammenhalt der beiden proletarischen Parteien USP. und SPD., die in gleich scharfer Weise den Putsch verurteilten, endgültig scheitern. Die Wirkung dieses Planes wird sich gegen diejenigen richten, die wieder einmal Blutschuld auf sich geladen haben, um ihrer Partei noch das karge Leben zu fristen und ihren Niedergang zu verhindern. Der Erfolg wird sein, daß sich das deutsche Proletariat in noch größeren Scharen wie bisher von dieser Partei des methodischen Irrsinns abwendet.

Das Organ der Unabhängigen, die „Freiheit“ in Berlin, widmet in ihrer letzten Freitagnummer der kommunistischen Wahnsinnstag einen längeren Artikel, in dem überzeugend dargelegt wird, wie die Früchte dieser wahnsinnigen Taktik, die die Kommunisten aller Schattierungen eingeschlagen haben, der Reaktion zugute kommen müssen.

Wie bei jeder politischen Handlung müssen wir, schreibt die „Freiheit“, auch bei den jetzt vom Zaune gebrochenen Kämpfen, wenn wir ihren Sinn erfassen wollen, die Frage stellen: Wem nützt das? Es genügt nicht, wenn wir uns mit der Feststellung begnügen, daß Not und Arbeitslosigkeit wachsen und daß in einigen Kreisen des Proletariats die Stimmung so erbittert ist, daß sie zum „Losschlagen“ bereit sind. Die Frage ist: ob und wem mit diesem „Losschlagen“ gedient ist? Und da muß nach reiflicher Prüfung gesagt werden, daß unter den obwaltenden Kräfteverhältnissen nicht dem Proletariat, sondern der Reaktion durch dieses „Losschlagen“ ein Dienst erwiesen wird.

Die kommunistischen Parteien, die anders entschieden und über den Kopf der großen Massen des Proletariats hinweg das Signal zu einem Kampfe gegeben haben, der unter den obwaltenden Verhältnissen mit einem Zusammenbruch enden muß, haben sich nicht nur als politische Bankerotteure erwiesen, die aus der Arbeiterbewegung ausgemerzt werden müssen, sie haben auch eine schwere, nicht abzuwälzende Schuld und eine große Verantwortung vor der ganzen Arbeiterbewegung auf sich geladen.

Bisher war es, trotz der unheilvollen Zerrissenheit der deutschen Arbeiterklasse, der Reaktion unmöglich, sich irgendeiner proletarischen Partei für ihre Zwecke zu bedienen. Jetzt hat die Reaktion diese Partei gefunden. Jetzt braucht sie nur, von sicherer Stelle aus, die Fäden zu ziehen, die sie durch Vermittlung ihrer Agenten und Lockspitzel mit den Hampelmännern der kommunistischen „Leitung“ verbinden. Mag die kommunistische Zentrale noch soviel revolutionäre Phrasen machen und bombastische Aufrufe in die Massen werfen, mag sie noch so oft beteuern, daß sie allein berufen sei, die „zielklare Führerin“ des Proletariats im entscheidenden Kampfe zu sein – der lachende Dritte ist doch nur die Reaktion, und auf den Leichen der frevelhaft geopferten Arbeiter, auf den Trümmern der Arbeiterbewegung in Mitteldeutschland erhebt sich nicht das rote Banner des proletarischen Sieges, sondern die grinsende Fratze der kapitalistisch-monarchistischen Reaktion, die zu neuen Schlägen gegen die Arbeiterbewegung ausholt.

Noch ist es Zeit, den Brand zu lokalisieren und die Gefahren abzulenken, die der gesamten Arbeiterbewegung drohen. Noch ist es Zeit, dem Irrsinn zu steuern, der von den kommunistischen Führern in die Arbeiterschaft des ganzen Reiches hineingetragen wird. Doch dazu brauchen wir die tätige Mitwirkung aller Genossen, vor allem der Genossen in den Betrieben. Wir dürfen nicht warten, bis die ganze Bewegung an ihrem inneren Widersinn zugrunde geht, denn die gesamte Arbeiterbewegung würde durch die notwendig eintretenden Folgen in Mitleidenschaft gezogen werden. Pflicht der Genossen ist es deshalb, überall mit aller Entschiedenheit und Festigkeit den kommunistischen Parolen entgegenzutreten, die irregeleiteten Massen aufzuklären und im Interesse der großen einheitlichen Kämpfe des Proletariats, die notwendig kommen müssen, jene scheinrevolutionären Phraseure und Phantasten, jene unverantwortlichen politischen Kindsköpfe zu bekämpfen, die jetzt Arbeit für die Konterrevolution leisten.

Quelle:

Das Volk vom 26.3.1921

In: https://zs.thulb.uni-jena.de/rsc/viewer/jportal_derivate_00226548/Das_Volk_1921_03_0507.tif

 

Bild:

26_05.pdf (simplicissimus.info)