100 Jahre Thüringen
Staatskanzlei Thüringen Weimarer Republik e.V. Forschungsstelle Weimarer Republik an der Uni-Jena

„Aus Vaterlandsliebe bekenne ich mich zur deutschen Demokratie.“

Im Wahlkampf wird auch darüber gestritten, welche Partei und welche Politiker am patriotischsten sind. Denn nicht nur die Rechtsparteien nehmen für sich in Anspruch die „nationalen“ Interessen zu vertreten, auch die linksliberale DDP sieht keinen prinzipiellen Gegensatz zwischen einer demokratischen und einer „nationalen“ Einstellung. Was dies konkret bedeutet versuchten die Staatsrechtler Heinrich Gerland und Hugo Preuß zu klären.

Der Jenaer Professor Heinrich Gerland

Offene Anfrage an Herrn Oberverwaltungsgerichtsrat Dr. Leutheußer.

Von Professor Gerland.

Die Antwort des Herrn Oberverwaltungsgerichtsrats Dr. [Richard] Leutheußer [ der Vorsitzende der Thüringer DVP, Anm.] auf meine offene Frage kann nicht befriedigen. Er unterscheidet zwischen national im Sinne der Deutschen Volkspartei und national in einem anderen Sinne. Ehe ich die für mich aus dieser Sachlage sich ergebenden Konsequenzen ziehe, erlaube ich mir noch einmal folgende Anfrage, der ich, um allen Zweifel vorzubeugen, folgendes voranschicke:

Nationale Politik ist nach allgemeiner Auffassung diejenige Politik, die lediglich auf das Wohl einer Gesamtheit und zwar des Vaterlandes, gerichtet ist. Nationale Politik im Sinne aller anständigen Deutschen ist infolgedessen eine Politik, die lediglich orientiert ist durch das Wohl und die Rücksicht auf das deutsche Vaterland. Ich richte an Herrn Oberverwaltungsgerichtsrat Dr. Leutheußer die Frage, ob er in der Tat die Behauptung aufstellen will, daß die Deutsche demokratische Partei in dieser Hinsicht keine nationale Partei sei, mit anderen Worten, keine vaterländische Politik treibe. Ich bitte, mir klipp und klar die Frage zu beantworten: Streitet Herr Oberverwaltungsgerichtsrat Leutheußer der Deutschen demokratischen Partei und damit ich, treiben keine nationale Politik und damit mir nationale Gesinnung ab? Behauptet er, wir, und damit ich, treiben keine nationale Politik? Das ist das Entscheidende! Hierauf sind wir, bin ich berechtigt, eine ganz unzweideutige Antwort zu verlangen. Ihre Beantwortung wird alles weitere im Wahlkampf bestimmen, denn ich darf bemerken: wer einem Deutschen Nationalempfinden abstreitet, verletzt ihn auf das gröblichste in seiner Ehre. Wer mir als Angehörigen einer Partei das Nationalempfinden abstreitet, verletzt mich persönlich auf das gröblichste in meiner Ehre, und ich bin gesonnen, auch nicht im Wahlkampf, mich auf diese Art und Weise beleidigen zu lassen. Die Frage ist klar gestellt. Ich bitte um die Antwort.

"Verfassungsvater" Hugo Preuß

Ein Bekenntnis zur Demokratie.

Die Frage: „Warum bekenne ich mich zur Demokratie?“ hat der Reichsminister a. D. Dr. Hugo Preuß wie folgt beantwortet:

„Ich habe mich für Demokratie seit Beginn meiner politischen Tätigkeit bekannt, weil ich für ein großes und hochentwickeltes Volk keinen anderen Weg nationaler Selbstbehauptung und friedlicher Entfaltung in der heutigen Welt sehe, als den demokratischer Selbstbestimmung und Freiheit. Vollends seit dem furchtbaren Zusammenbruch aller überkommenen Autoritäten kann nur die aufrichtige Durchführung demokratischer Gleichberechtigung und Selbstverantwortlichkeit des ganzen Volkes unser höchstes Gut: die deutsche Einheit, erhalten und stärken, die Gegensätze der sozialen Klassen allmählich überbrücken, den sozialen Fortschritt ermöglichen und durch Festigung des inneren und äußeren Friedens den politischen, kulturellen und wirtschaftlichen Aufstieg unseres Vaterlandes aus seinem tiefen Elend vorbereiten. Aus Vaterlandsliebe bekenne ich mich zur deutschen Demokratie.“

Quelle:

Jenaer Volksblatt vom 19.5.1920

In: https://zs.thulb.uni-jena.de/rsc/viewer/jportal_derivate_00273588/JVB_19200519_116_167758667_B1_001.tif

 

Bilder:

https://de.wikipedia.org/wiki/Heinrich_Gerland#/media/Datei:GerlandHeinrich.jpg

https://de.wikipedia.org/wiki/Hugo_Preuß#/media/Datei:Hugo_Preuß.jpg