100 Jahre Thüringen
Staatskanzlei Thüringen Weimarer Republik e.V. Forschungsstelle Weimarer Republik an der Uni-Jena

Der Protest der Marburger Volkskompagnie

Die Morde von Mechterstädt wühlen die demokratische Öffentlichkeit einmal mehr auf, da die Volkskompagnie Marburg neue Einzelheiten zu den Verbrechen der Studentenkompagnie Marburg bekannt macht. Die Volkskompagnie war gegründet worden, da die Studentenkompagnie gezielt Anhänger der demokratischen Parteien und Juden ausgeschlossen hatte. Zu den Mitgliedern der Volkskompagnie gehörte u.a. der spätere Bundespräsident Gustav Heinemann. Der öffentliche Protest der Volkskompagnie führte jedoch nicht zu einer Bestrafung der Täter.

Gustav Heinemann (Aufnahme von 1969)

Ein Dokument akademischer Mordgier.

Wir haben seinerzeit bereits über die Bestialitäten der Marburger Studenten in Bad Thal berichtet. Die meisten ehrlichen Menschen haben damals wohl soviel tierische Mordlust und Schinderhannesgesinnung bei Leuten, die sich anmaßen, sich gebildet zu nennen, nicht zu glauben vermacht. Doch blieb unsere damalige Schilderung noch weit hinter der Wirklichkeit zurück, Wir lassen deshalb zur Erhärtung der Tatsachen noch folgenden objektiven Bericht folgen:

Die Angehörigen der „Volkskompagnie Marburg“ erlassen einen Protest gegen die viehische Abschlachtung von 15 Arbeitern in Bad Thal durch Marburger Studenten (Zeitfreiwillige). Dieser Erklärung, die folgende Unterschriften trägt: Knoeckel, Oberleutnant der Reserve, Müller, Student, Duderstadt, Leutnant, Heinemann, Student, Schmidt, Bürogehilfe, Bierwirth, Handlungsgehilfe, Preiß, Eisenbahner, Pörsch, Student, entnehmen wir folgendes:

„Nachdem die Volkskompagnie Marburg als 9. Kompagnie des Bataillons v. Buttlar, Regiment Frhr. V. Schenk, Brigade Rumschöttel, am 25. März d. Js. nach Eisenach in das bedrohte Gebiet abgerückt war, erlangten wir in den nächsten Tagen und Wochen genaue Kunde von Geschehnissen, die uns heute zwingen, zur Verhütung von Schlimmerem im Dienste des Vaterlandes mit folgendem an die Oeffentlichkeit zu treten.

In der Nacht vom 26. zum 27. März ward uns der Auftrag, den Kur- und Industrieort Ruhla im Hörsaal von Waffen zu säubern und die der Teilnahme am Aufruhr verdächtigen Personen des Ortes festzunehmen. Ruhla galt als ein Herd des Bolschewismus. Als wir gegen Morgengrauen des 27. März als erste in Ruhla einrückten und zur Umzingelung des Ortes schritten, bemerkten wir mit Verwunderung, daß beträchtliche Teile der Bevölkerung, von Furcht gepackt, sich gegen den Südausgang des Ortes wandten und mit größter Eile in die benachbarten Wälder flüchteten. Einzelne derselben, die von unseren Posten in ihrer Flucht überholt und zurückgeschickt wurden, verrieten im Anfang alle Anzeichen eines panischen Schreckens, kehrten aber nach verwundert angehörtem, vernünftigem Zureden in die Ortschaft zurück und stellten sich als gänzlich harmlose und unbewaffnete Menschen heraus. Die in Ruhla Verbliebenen zeigten zumeist gleichfalls Angst und Besorgnis: In einzelnen Geschäften wurden schleunigst die Rolladen heruntergelassen, schrubbende Frauen liefen kreischend und mit erhobenen Rücken, Eimer und Feudel im Stich lassend, in die Häuser zurück, und nur sehr vorsichtig betraten erst Kinder und ganz allmählich Erwachsene die Straßen. Wir alle standen unter dem schmerzlichen Eindruck, hier nicht als deutsche Landsmänner, sondern wie der ärgste und grimmigste auswärtige Feind empfangen zu werden.

Ueber dieses Verhalten der Bevölkerung höchlichst erstaunt, bemühten wir uns, festzustellen, woher dieses seltsame und unverständliche Mißtrauen stamme. Mit äußerster Vorsicht entgegnete man uns mit der Frage, ob wir auch Marburger seien? Wir seien doch dieselbe Truppe, die am Mittwoch vorher (24.) in Bad Thal gewesen wäre. Als wir dies vermeinten, ergab sich aus Rede und Gegenrede, daß im ganzen Hörsetale höchste Erregung herrsche, weil in Bad Thal 15 Einwohner durch Marburger Zeitfreiwillige auf die grauenhafteste Weise ermordet seien. Wir glaubten zuerst, auf das nachdrücklichste betonen zu müssen, daß dies ohne Zweifel erlogen, zum mindesten aber durch Verhetzung übertrieben sei. Allmählich verdichteten sich indessen diese Erzählungen immer mehr, und gegen Mittag gelangten wir in den Besitz der Nummer 50 der „Ruhlaer Zeitung“ vom 27. 3. 1920, die unter der Einleitung „Erschütterndes Herzeleid ist über zahlreiche Familien unseres Ortes hereingebrochen“ die Nachricht von der Ermordung der fünfzehn Thaler Bürger bestätigte. Immer noch freilich sträubte sich alles in uns, dieser Nachricht Glauben zu schenken, und auch jetzt noch gaben wir diesen Zweifeln der Bevölkerung gegenüber Ausdruck. Aber in der „Ruhlaer Zeitung“ (Amtsblatt mit volksparteilicher Leitung) konnten wir es schwarz auf weiß lesen. Ein Kamerad setzte sich sofort mit zuverlässigen Stellen in Bad Thal in Verbindung und erhielt folgendes erschütterndes Bild: Der Bürgermeister von Bad Thal, Herr Schein, berichtete, daß am Mittwoch, den 24. März gegen 7 Uhr abends, plötzlich Lastautos, mit Maschinengewehren und Geschütz bestückt und von Marburger zeitfreiwilligen Studenten besetzt, in die vollkommen friedliche Ortschaft eingefahren seien und die ahnungslose Bevölkerung unter Drohungen und Rufen: „Fenster zu! Es wird scharf geschossen!“ in größten Schrecken versetzt hätten. „Man fuhr vor mein Haus und das des Gendarmerie-Oberwachtmeisters Heß und verlangte an Hand einer mitgebrachten Liste die Bezeichnung der Wohnungen von 16 Männern der Gemeinde. Wachtmeister Heß wurde dann genötigt, auf Anordnungen eines Oberleutnants im Verein mit der Truppe die Verhaftungen vorzunehmen.“ Die mit rücksichtsloser Härte festgenommenen 15 Bürger, von denen ein Teil völlig unschuldig gewesen sei, der andere Teil sich während des Kappschen Putsches an der Waffensuche bei reaktionären Bauern der Dörfer Mechterstädt und Sättelstädt und vereinzelt an der Wegnahme einiger Lebensmittel beteiligt hatte, waren auf einen Leiterwagen verladen worden. Dieser sei an ein Auto gebunden und in Richtung Mechterstedt entführt worden. Herr Bahnassistent Rudolph fügte hinzu, daß die Verhaftungen unter großen Rohheiten und Bedrohungen auch von weiblichen Familienangehörigen vorgenommen worden seien. Der Arbeiter Herr Albert Rosenstock war ebenso wie die gesamte Bevölkerung einschließlich auch des Wachtmeisters Heß entsetzt über die brutale Form, in der die Verhaftungen vor sich gegangen seien, und schilderte das Aussehen der Lastautos, die mit von Totenköpfen gezierten Aufschriften, wie „Marburger Studentenkorps“, versehen gewesen seien. Außerdem seien die Gefangenen unter Bedrohungen auf dem Todesmarsch gezwungen worden, „Deutschland, Deutschland über alles“ zu singen. Der Amtsrichter von Thal machte die Angabe, daß die Verhaftungen lediglich durch diesen Studenten und Oberleutnant ohne weitere Legitimation vorgenommen worden seien. Von allen, welche späterhin die Leichen der Erschossenen gesehen haben, wurde ausgeführt, daß dieselben in einem grauenhaft entstellten Zustand aufgefunden seien. Die Personalien seien zum Teil nur an den Kleidungsstücken festzustellen gewesen.

[…]

Als am 27. März abends die Ermordung unzweifelhaft feststand, war es für uns von der Marburger Volkskompagnie klar, daß hier mit allen Mitteln im Interesse von Freiheit, Ordnung und Recht, Klarheit und, falls Verbrechen geschehen waren, Sühnung erzwungen werden muß. Nach den traurigen Erfahrungen der Prozesse, Vogel, Marloh, Kessel und Hiller-Helmhale konnten wir uns der Erkenntnis nicht schließen, daß wir sowohl als auch die Bevölkerung zu seiner einseitig militärischen Untersuchung kein Vertrauen mehr haben könnten. Aus diesem Grunde bewogen wir nach der Rückkehr von Ruhla unseren Führer, der sich bereits unverzüglich an seine vorgesetzte Dienststelle, die Brigade Rumschöttel gewandt hatte, ein Telegramm an unseren nächsten zivilen Vorgesetzten, Herrn Reichskommissar Grzesinksi, das auf schleunigste Klarheit drängte, und ihm im Wortlaut nicht mehr vorgelegt werden konnte, mit seinem Namen zu decken. Dieses Telegramm wurde durch den Garnisionsältesten, Herrn Major Ahlers, angehalten und nicht durchgelassen. Auch der Hauptmann unserer Kompagnie, Prof. Dr. Hermelink, forderte eine schleunige und gründliche Untersuchung. Sein Gesuch, die Hinterbliebenen der Opfer aufsuchen zu dürfen, wurde in der Form eines direkten Verbotes abgeschlagen.

Noch in der Nacht vom 1. zum 2. April, kurz vor unserem Rücktransport nach Marburg, wandten wir uns schriftlich an Herrn Reichswehrminister Dr. Geßler direkt auch von Marburg aus unternahmen wir neue Schritte nach dort. So ließen wir nichts unversucht, um der Gerechtigkeit zum Siege zu verhelfen, und wir werden in unseren Anstrengungen fortfahren trotz aller Widerstände.

Wir verlangen also schnellste und rücksichtslose Klärung und Sichtung des Geschehens von Thal durch ordentliche bürgerliche Gerichte! Wir erklären hiermit öffentlich, daß wir nicht ruhen und rasten, bis unser gerechtes Ziel erreicht ist. –“

Diese Darstellungen sind ein Kulturdokument, das uns den deutschen Studenten zeigt, wie er zu 99 Prozent rasserein auf den Universitäten, den Hochburger der Reaktion, gezüchtet wird. Das Tollste dabei ist doch, daß es sich bei diesem Verbrechergesindel, gegen das die eigenen Kommilitonen Protest einlegen, um Studenten der Theologie, also angehende „Pfarrer und Diener Gottes“ gehandelt haben soll, wie aus den Ausführungen der Nr. 79 der bürgerlichen „Hessischen Landeszeitung vom 3. April 1920 ersichtlich ist.

Wir könnten uns natürlich der Forderung der Unterzeichneten auch mit anschließenden, und neben strengster Bestrafung dieser akademischen Tiere nochmals und erneut die Auflösung sämtlicher Zeitfreiwilligenregimenter fordern, wenn wir nicht heute schon wüßten, daß alle diese Forderungen kein Echo finden. Denn die wir um Hilfe, sind selbst hilfsbedürftig und werden über kurz oder lang selbst wieder nach Hilfe rufen. Warten wir also bis zum nächsten großen tabula rasa.

Quelle:

Neue Zeitung. Unabhängiges Sozialistisches Organ vom 9.5.1920

 

Bild:

https://de.wikipedia.org/wiki/Gustav_Heinemann#/media/Datei:Bundesarchiv_Bild_146-2007-0037,_Gustav_Heinemann.jpg