100 Jahre Thüringen
Staatskanzlei Thüringen Weimarer Republik e.V. Forschungsstelle Weimarer Republik an der Uni-Jena

Die Los-von-Berlin-Bewegung

Kriegsniederlage, Revolution und Nachkriegskämpfe haben den deutschen Staat destabilisiert. Die Reichseinheit ist zudem keine zwei Generationen alt und prekärer als es angesichts der militärischen Stärke Deutschlands während des Weltkrieges scheinen mag. Reichswehrminister Otto Geßler gibt hier ein Lagebild zu den bedrohlichsten Separationsbestrebungen und macht Vorschläge wie diese abzuwehren seien. Die konstante Einmischung von Deutschlands größten Nachbarn – namentlich Frankreich und Polen – in die inneren Angelegenheiten des Reiches sind natürlich eine schwere Belastung für die zwischenstaatlichen Beziehungen. Auch anderthalb Jahre nach Kriegsende sehen sich viele Deutsche, so wie Geßler, von „Feinden“ umringt.

Parade der rheinischen Separatisten in Koblenz 1923 (x - Josef F. Matthes)

Die Separationsbestrebungen.

Von Reichswehrminister Dr. Geßler.

Drei Separationsherde sind zu verzeichnen: Bayern, Rheinland, Schlesien. Gemeinsam ist ihnen sicher der Wille, bei Deutschland zu bleiben, aber in verschiedenen Abstufungen auch die Tendenz, der wachsenden Zentralisierung des Reichs durch Berlin auszubiegen. Bayern war schon im kaiserlichen Deutschland der Bundesstaat, der am wenigsten in der Reichseinheit aufgegangen war. Nicht ohne Schuld gewisser Richtlinien der Wirtschaftspolitik der früheren Reichsregierung, deren Fehler die Republik nicht wiederholen sollte. Wodurch war es nämlich gelungen, den deutschen Westen und Norden viel inniger mit der Reichsseele zu verschmelzen? Durch Industrialisierung und Handelsbeziehungen, die sehr weitwirkende Bindemittel sind. Vielleicht hätte das Reich etwas mehr für Bayerns Industrialisierung tun, hätte durch seine Verkehrstarifpolitik den deutschen Süden weniger benachteiligen sollen, um den vorwiegend agrarischen Charakter der bayerischen Bevölkerung, mit dem seine psychologische Eigenart noch auf Jahrzehnte hinaus festgelegt ist, etwas zu mildern.

Wie die Zentralisierung der Kriegswirtschaft in Berlin und in neuerer Zeit die drohende Radikalisierung der Berliner Politik die berlinfeindliche Stimmung Bayerns gefördert haben, ist hinlänglich bekannt. Wenn eine Radikalisierung der Reichsgewalten zu befürchten ist, möchte man nicht wieder mit revolutionären Errungenschaften beglückt werden, die man schon einmal am eigenen Leibe erlebt hat und die bayerischen Separatisten mögen den Traum haben, Bayern durch vorherige Verwaltungstrennung vom Reiche für die Dauer der schlimmen Zeiten sozusagen einzukapseln, bis ringsherum die Flammen ausgebrannt sind, worauf dann am bayerischen Wesen Deutschland noch einmal genesen könnte.

In jüngster Zeit sind von den bayerischen Separatisten Fäden zu den rheinischen Separatisten gesponnen worden, wie die bekannten Kölner Besprechungen dargetan haben. Die Freunde des bayerischen Lostrennungsgedankens wissen, daß der deutsche Süden nicht leben kann ohne die Ruhrkohle, ohne die sein Verkehr wie seine Industrie nicht einen Tag existieren kann. Umgekehrt kann das Reich im Besitz der Ruhrkohle den süddeutschen Separatisten (die auch in Württemberg ihren Anhang haben, der nur viel klüger, daher schweigsamer ist, aber gern von den Kastanien nascht, die die Bayern aus dem Feuer holen) jederzeit im Schach halten. Daraus erhellt, wie wichtig es ist, daß das Ruhrgebiet nie vom Feinde besetzt wird. Was wieder bedingt, daß wir selber über die Mittel verfügen müssen, die Ordnung im Ruhrgebiet aufrechtzuerhalten, um gewissen ausländischen Politikern keinen Vorwand zu liefern, mit dem sie ihrerseits als Ordnungsstifter ins Ruhrgebiet einmarschieren können. So ist die Verknüpfung unserer innen- und außenpolitischen Fragen!

Die Schwierigkeiten, die das Reich hat, um seine losstrebenden Glieder festzuhalten, wiederholen sich bei dem Problem: Preußen und seine Provinzen. Aus Kurbrandenburg hat sich das große Preußen ja nicht aus ökonomischen Voraussetzungen, sondern nur durch die Hausmacht der Hohenzollern entwickelt. Jetzt ist die dynastische Klammer weggefallen, und die Provinzen fragen sich, warum sie sich ihr eigenes Leben von dem in vielen Dingen wesensfremden Berlin diktieren lassen sollen. Das gilt augenblicklich besonders in Schlesien.

Gefährlich werden alle Separationsbestrebungen erst, wenn sie von jenem Teil der Gegner Deutschlands, der noch immer unsere Balkanisierung wünscht, in seine Zwecke eingespannt werden. Wenn unsere Lostrennungspolitiker das begünstigen, ist es Hochverrat. Andererseits werde ich es für das Reich nützlich halten, wenn es begreiflichen Mißstimmungen, aus denen die Parole „Los von Berlin!“ erwuchs, den Boden abzugraben sucht. Die Reichseinheit kann nicht theoretisch von Papierparagraphen her erzwungen werden. Kulturell, innerpolitisch und wirtschaftlich wird in tausend Dingen die Dezentralisation, die Selbstverwaltung der Länder auch im Interesse des ganzen Reichskörpers fruchtbarer sein als die Diktatur einer Berliner Bürokratie. Namentlich für die Kulturausgaben möchte ich befürworten, daß zum Beispiel das Reich seine Unterstützungen für die einzelnen wissenschaftlichen und künstlerischen Unternehmungen in den Ländern nicht einzelnen Anstalten direkt, sondern zunächst pauschaliter an das Land oder die Provinz gibt, die dann von sich aus die Verteilung an die Einzelanstalten regeln. Dann muß auch der Süden durch Handel und Industrie inniger mit dem übrigen Reiche verknüpft werden, namentlich mit dem Osten. Der deutsche Osten darf kein Gebiet bleiben, das mit dem Süden nur durch das Fluidum der Berliner Paragraphentinte verknüpft ist, es müssen direkte organische Beziehungen geschaffen werden. Umgekehrt verspreche ich mir viel davon, wenn man meine süddeutschen Landsleute darauf hinweist, daß ein starker, lebenskräftiger Osten, den sie stützen helfen müssen, auch sie vor der slawischen Flut schützt, für die sonst in fünfzig oder hundert Jahren auch sie nicht unerreichbar sind!

Es kommt die Reifezeit. Da möchte ich alle Nichtbayern bitten, München und Garmisch-Partenkirchen so wenig für Bayern zu halten, wie Berlin Preußen und den Norden repräsentiert. Geht mit dem Rucksack und dem Bergstock auch einmal nach Franken und ins bayerische Schwaben, nicht um zu bekehren, sondern nur als stille Zuhörer. Dann wird sich leichter begreifen, wie kompliziert die Frage des Südens und die ganze deutsche Frage ist, die nicht mit so einfachen Formeln zu lösen ist, wie sie in manchen Berliner Zeitungsartikeln über München manchmal schnell gefunden werden. …

Quelle:

Weimarische Landes-Zeitung vom 25.5.1920

 

Bild:

https://de.wikipedia.org/wiki/Rheinische_Republik#/media/Datei:Separatisten_der_Rheinischen_Republik_vor_dem_Kurfürstlichen_Schloss_in_Koblenz,_22_November_1923.jpg