100 Jahre Thüringen
Staatskanzlei Thüringen Weimarer Republik e.V. Forschungsstelle Weimarer Republik an der Uni-Jena

Ein „eiserner Besen“ reicht nicht aus!

Die Kapp-Tage forderten viel unschuldiges Blut in ganz Deutschland. Auch im kleinen Tunzenhausen bei Sömmerda kam es zu einem Kriegsverbrechen durch Regierungstruppen, dass die sozialistische Presse mit Abscheu schildert. Es bräuchte härtere Mittel, um diese „Giftgewächse“ in der Truppe zu beseitigen.

Denkmal in Tunzenhausen

Aus den Sömmerdaer Blut- und Schreckenstagen.

Die rechtssozialistische „Freie Presse“ in Erfurt veröffentlicht folgenden Aufsatz, der sich auf amtliches Material stützt und der die bodenlose sittliche Verkommenheit der beteiligten Reichswehr, besonders aber ihrer Offiziere, grell beleuchtet.

„Der Monat März des Jahres 1920 wird in der deutschen Geschichte dermaleinst die dunkelsten Blätter füllen. Der Putsch verbrecherischer Offiziere, der in Berlin seinen Anfang nahm und sich allmählich im ganzen Lande fortsetzen sollte, war die Quelle, aus der die Leidenschaften flossen, die zu blutigen Grausamkeiten führten. Leider blieb unsere engere Heimat nicht unberührt. Das Wort Sömmerda spricht nicht nur Bände, sondern es will uns scheinen, das Blut müsse in den Adern erstarren, wenn wir vernehmen, mit welcher Bestialität vor den Toren dieses Städtchens gewütet wurde. Das Material häuft sich täglich und fortgesetzt laufen beim Zivilkommissar, Genossen Apel, Beweisstücke und Zeugenaussagen ein. Grausig ist zu lesen, wie Menschen von Fleisch und Blut es über sich gewinnen konnten, ruhige, nichtsahnende Personen in geradezu bestialischer Weise hinzumorden.

Heute sollen zwei Fälle, für die der Wahrheitsbeweis restlos angetreten wird, bei denen 8 Menschen im wahrsten Sinne des Wortes abgeschlachtet wurden, der Oeffentlichkeit übergeben werden.

Unter Major Hünneckens Befehl marschierte die Reichswehr am 24. März morgens in der Richtung auf Sömmerda. Zuvor (am 20. 3. 20) war der Truppe durch Aushang ein Bataillonsbefehl bekanntgegeben, in dem es am Schlusse wörtlich heißt:

„Ich weiß mich mit Euch allen einig, daß das Blut unserer Toten und Verwundeten (gemeint war Gotha, Red.) nicht umsonst geflossen sein darf.“

So zur „Ruhe“ und „Kaltblütigkeit“ vorbereitet, befand sich die Truppe etwa ½ Kilometer vor Schallenburg, als an ihr zwei Leute vorübergingen. Ohne die geringste Veranlassung wurden diese bedauernswerten Menschen, nachdem sie eine kurze Wegstrecke mitgeführt waren, von zwei Grenadieren buchstäblich erschlagen, und „so im Vorübergehen“ erledigt. (Der Schlag mit dem Gewehr wurde so geführt, daß der Kolben abbrach.) Einer dieser Helden, ein ganz unreifer Bursche, heißt Weiße und ist gebürtig aus Weißensee. – Der dichte Neben verhinderte, daß diese Bluttat von anderen als Militärpersonen beobachtet werden konnte. – Im Straßengraben hauchten die tödlich Verletzten schließlich ihr Leben aus.

Nach diesem grauenhaften Vorfall rastete die Truppe in Schallenburg. Hier wurde ihr durch den Hauptmann Hölze mitgeteilt, daß der „Herr Major keine Gefangenen sehe wolle.“ Welche Wirkung diese Majorsmeinung auslöste, beweist folgendes: Nach Tunzenhausen wurde der militärischen Sicherheit wegen eine Gruppe geschickt. Als der Haupttrupp kurze Zeit darauf an den Ort herankam, standen etwa 10-12 neugierige Arbeiter an der Straßenecke. Ihnen wurde zugerufen: „In den Ort!“ und fluchtartig liefen die Leute davon. In der nächsten Straße stießen sie auf die von entgegengesetzter Seite kommende Gruppe, die natürlich auf die geängstigten Menschen eine Hatz begann. Sechs Personen wurden „gefangen“ genommen und zum Leutnant Hagedorn geführt. Dieser befahl: „Sie werden erschossen!“ Am Straßenrande wurden sie nebeneinander aufgestellt. Unter ihnen befand sich ein Vater, mit seinen zwei Söhnen. Leutnant Hagedorn, ein Zeitfreiwilliger, wurde von mehreren Militärpersonen aufmerksam gemacht, daß die Leute unschuldig seien und nicht erschossen werden dürften. Was machts? Der Befehl war gegeben und die Gruppe Berger bekam den Auftrag, denselben auszuführen.

Doch – es gibt noch Menschen, und zum Glück auch in der Reichswehr, die ein Herz in der Brust tragen und ihr Gewissen mit einem Morde nicht zeitlebens belasten wollen – die Gruppe Berger verweigerte die Ausführung des Hagedornschen Mordbefehls. Der ehrenwerte Erfurter Bürger Hagedorn bestimmte andere. Und herz- und seelenlos wurden die unbewaffneten, bei keinem Verbrechen ertappten sechs Menschen niedergestreckt. Einer nach dem anderen – der Vater muß in seelischer Verzweiflung mit ansehen, wie seine Söhne dahinsinken; der Freund sieht den Freund umbringen, und schließlich fällt „der Alte“ mit über dem Nacken gekreuzten Armen durch die Kugeln von Bestien in Menschengestalt. Der Straßengraben nimmt auch diese Opfer auf.

Inschrift des Denkmals

Und Herr Leutnant Hagedorn? „Wenn sich noch einmal jemand weigert, meine Befehle auszuführen, dann wird er von mir erschossen!“ Diese Worte schleudert er der Gruppe Berger entgegen.

Sind diese Vorgänge etwas anderes als Mord? Nein! Niemand wird wagen, sie als etwas anderes zu bezeichnen. Und wer sind die Schuldigen? Etwa die traurigen Gestalten, die willenlos und kalten Blutes auf Befehl ihre Knarre nach dem Opfer richten? Nein! Diese armen Wesen, die noch nicht einmal Menschen sind, sind das Produkt ihrer Erziehung, die sie erhalten durch gewisse Führer. Und hier muß der Hebel angesetzt werden. Wir brauchen bei der Reichswehr Führer, die uns Gewähr bieten, nicht Verführer der Truppe zu sein. Denn niemand anders ist für die Morde, die in Schallenburg und Tunzenhausen verübt wurden, verantwortlichals die Hünneckes und Hagedorns. Sie sind die intellektuellen Urheber, und auf ihr Haupt kommt alle Schuld.

Die berufenen Stellen werden pflichtbewußt genug sein, um hier mit aller Energie und rücksichtsloser Strenge einzuschreiten. Wir haben die Schuldigen genannt, nun möge gehandelt werden. Ganz besonders werden sich die vorgesetzten Stellen des Herrn Hagedorn annehmen müssen. Um so mehr, als es nicht das erste Mal ist, daß dieser militärische „Führer“ die Reichswehr in Verruf gebracht hat – ein Verfahren schwebt bereits gegen ihn.

Wo soll das hinführen, wenn dieser Zustand, wie wir ihn heute leider sehr oft finden, andauert? Heute kommen bereits Reichswehrleute auf die Schreibstuben und fordern ihre Entlassung mit den Worten: „Diese Mörderei machen wir nicht mehr mit!“ Sollen die besten Elemente davonlaufen und nur die zurückbleiben, die im Baltikumabenteuer ihren Befähigungsnachweis als „Ruhe- und Ordnungsstifter“ erbrachten? Wenn ja, dann würden wir lieber auf den ganzen Apparat verzichten, denn die Gefahr, die von ihm ausginge, würde wirklich nicht geringer sein als die, daß die gesamte Reichswehr nichts anderes mehr wäre, wie ein Haufen feiger Meuchelmörder. Man braucht sich nicht zu wundern, wenn jeder noch halbwegs anständige Mensch entsetzt aus solcher Truppe flüchtet. Wir brauchen hier nicht nur den berühmten eisernen Besen, sondern Axt und Beil, um mit Stumpf und Stiel die Giftgewächse in der sogenannten republikanischen Schutztruppe zu beseitigen.“

Quelle:

Neue Zeitung. Unabhängiges Sozialistisches Organ vom 4.6.1920

 

Bilder:

https://de.wikipedia.org/wiki/Tunzenhausen#/media/Datei:Tunzenhausen_Denkmal_Kapp-Putsch-Opfer.jpg

https://de.wikipedia.org/wiki/Tunzenhausen#/media/Datei:Tunzenhausen_Gedenktafel_der_Märzgefallenen_1920.jpg