100 Jahre Thüringen
Staatskanzlei Thüringen Weimarer Republik e.V. Forschungsstelle Weimarer Republik an der Uni-Jena

Es geht immer um die Wirtschaft

Nach der Niederschlagung des Kapp-Putsches und des Ruhraufstandes kommt das Reich langsam wieder zu (relativen) Ruhe. Die Weimarische Landes-Zeitung ist der Meinung, dass der Ausbruch von künftigen Links- oder Rechtsputschen davon abhängen wird, ob die Wirtschaft wieder leistungsfähig gemacht werden kann. Die Zeitung diskutiert einige Vorschläge, wie dies angesichts der Beschränkungen des Versailler Vertrages möglich wäre. Das Schlimmste wird Deutschland aber erst 1923 mit der Hyperinflation bevorstehen.

Geldtransport während der Hyperinflation 1923

Die Tür ins Freie.

Allen gruseligen Geschichten über Rechts- und Linksputsche zum Trotz kann festgestellt werden, daß, von einigen Raubzügen abgesehen, sich die Ruhe im deutschen Vaterlande zurzeit zu befestigen scheint. Wie es nach den Wahlen ausschauen wird, die auf eine Verdünnung der Mitte und eine Erstarkung der extremen Parteien hinzuzielen scheinen, ist ein Kapitel für sich. Wie sich aber auch schließlich die Parteien gruppieren, niemals dürfte es im Interesse des deutschen Wirtschaftslebens dahin kommen, daß eine Minderheit die Regierung übernimmt, um andergesinnten, für den Wiederaufbau des Landes wichtigen Volksschichten ihren Willen aufzuzwingen. So bedeutsam es auch ist, daß die freiheitlicheren und parlamentarischen Errungenschaften in Regierung und Verwaltung unangetastet bleiben; noch bedeutsamer ist die Herstellung einer Front, die es sich zur Aufgabe macht, über alle Auswüchse der Parteileidenschaften hinweg eine gemeinsame Basis zu finden, auf der praktische Arbeit für die Gesundung des deutschen Wirtschaftslebens geleistet werden kann. Eine einzige Partei wird niemals auf die Dauer mit Erfolg versuchen dürfen, ihren Willen andersgearteten Interessengruppen aufzuzwingen. Auf dem Boden der Wirtschaft allein strömt die Kraft des deutschen Volkes hinaus ins Freie, und nur aus dieser Keimstelle wird die Gesundung der mehr als bedenklichen Verhältnisse auf dem Gebiete der erstarrenden Geldwirtschaft und des Handels entstehen können.

Wie ausschlaggebend dieser wirtschaftliche Gesundungspunkt ist, hat der Vorstand der deutschen wirtschaftlichen Vereinigungen für Spanien klaren Blickes erkannt. Er erblickt mit Recht in der Wahrung der wirtschaftlichen Interessen der im Auslande ansässigen reichsdeutschen Angehörigen einen Angelpunkt, um auch der deutschen Inlandswirtschaft auf die Beine zu helfen. Im Bannkreis der Versailler Gegenkontrahenten wird vor der Hand in dieser Beziehung nicht viel zu machen sein, denn unser Gewinn durch Export wird zum größten Teile zur Ablösung unserer Wiedergutmachungspflicht aufgebraucht werden. Die Vorschläge der deutsch-spanischen Wirtschaftsvereinigung sind an sich sehr erwägenswert, besonders die Empfehlungen, daß die Auslandsvereinigungen beratende Funktion haben und in ihrem Vorstand als wirtschaftliche Beiräte der deutschen Konsulate und sonstigen Auslandsbehörden offiziell anerkannt werden müßten. Es darf allerdings nicht verkannt werden, daß die Artikel 264 ff. des Versailler Vertrages dem freien deutschen Auslandshandel schwere Beschränkungen auferlegt haben, die eine ersprießliche Ausnutzung besonders günstig liegender Handelsbeziehungen mit den Neutralen fast unmöglich macht. Durch das Gebot der generellen Anwendung der Meistbegünstigungsklausel für die Einfuhr von Waren aus den Ententestaaten sind der Entfaltung des deutschen Ueberseeverkehrs Fesseln angelegt. Ein Uebriges zur Lähmung der deutschen Unternehmungsfreudigkeit liegt in der vertragsmäßig zur Ohnmacht verurteilten deutschen Handelsflotte. Und dennoch muß Deutschland die Tür ins Freie aufstoßen, muß es gelingen in Spaa, wo der alliierte Gerichtsvollzieher erfahren möchte, was Deutschland an pfandbarem Gut besitzt, die Voraussetzung für erfolgreiche Arbeit zur Tilgung der Schuld zu schaffen. In Spaa muß es gelingen, wenn anders Deutschland seine Verpflichtungen abzubürden befähigt sein soll, die erdrosselnden Bestimmungen des Friedensvertrages über Zolltarife, Schiffahrt usw. außer Kraft zu setzen.

Es muß dem deutschen Ermessen vorbehalten bleiben zu bestimmen, welche zollpolitische Maßnahmen die besten sind, um die Wirtschaftskraft unseres Landes zu beleben, die so unerhört stark in Anspruch genommen wird, mag es sich nun schließlich um Ratenzahlungen oder Pauschquanten handeln. Die Denkschrift der deutschen wirtschaftlichen Vereinigung in Barcelona ist eine von vielen Anregungen, die in der Wiederbelebung des Handels mit deutschen Uebersee-Niederlassungen ein Mittel erblickt, wieder die Tür ins Freie zu öffnen, die uns nun fast sechs lange Jahre verschlossen blieb. Der Heißhunger nach deutschen Erzeugnissen, die in der neutralen Atmosphäre stark gebliebene deutsche Unternehmerkraft und mobile Leistungsfähigkeit machen es uns verhältnismäßig leicht, wertvolle Verbindungen anzuknüpfen. Aus diesen Gründen erwächst der deutschen Regierung die Pflicht, dafür zu sorgen, daß in Spaa auf diese deutschen Interessen, die auch mittelbar den alliierten Zielen entsprechen können, gebührende Rücksicht genommen wird. Soll Deutschland nicht dem wirtschaftlichen Siechtum verfallen, muß es die nicht ungünstige Konjunktur kräftig ausnützen und sich von einer Politik des „laisser faire“ abwenden. Dazu gehört vor allem die Unterhaltung von reichsdeutschen wirtschaftlichen Vereinigungen, wie es Frankreich und England seit langem mit reichlichen Mitteln zur Erstarkung ihrer Handelsbeziehungen mit bestem Erfolge getan haben.

Quelle:

Weimarische Landes-Zeitung vom 31.5.1920

 

Bild:

https://de.wikipedia.org/wiki/Deutsche_Inflation_1914_bis_1923#/media/Datei:Bundesarchiv_Bild_102-00131,_Berlin,_Reichsbank,_Geldtransport_mit_Taschen.jpg