100 Jahre Thüringen
Staatskanzlei Thüringen Weimarer Republik e.V. Forschungsstelle Weimarer Republik an der Uni-Jena

Frauen vor der Wahl

Im Reichstagswahlkampf wird, wie auch schon bei der vergangenen Wahl zur Nationalversammlung, um die Gunst der Wählerinnen geworben. Der hiesige Artikel richtet sich dabei gezielt an bürgerliche Wählerinnen und mahnt diese an nicht hinter ihren sozialistischen, vermeintlich wahleifrigeren Geschlechtsgenossinnen zurückzustehen.

Karikatur des Kladderadatsch

Die Bürgerpflicht der Frauen.

Nur wenige Wochen noch – am 6. Juni soll Wahltag sein – trennen von dem Zeitpunkt, an dem der deutsche Staatsbürger wieder aktiv am politischen Schicksal des Deutschen Reiches teilhat: durch die Wahlen zum Reichstag. Der deutsche Staatsbürger – dieser Begriff umfaßt heute die ganze Volksgemeinschaft, Männer und Frauen, und legt beiden Geschlechtern die Pflicht auf, ihre Stimmen für diejenige Person abzugeben, deren Richtlinien mit den eigenen Anschauungen und Auffassungen übereinstimmen.

Der Wahlkampf, der jetzt beginnt, wird einer der heißesten werden, die das Reich je durchmachte. In außerordentlicher Schroffheit stehen sich heute Weltanschauungen gegenüber, deren äußere Form das politische Uebergewicht der einen oder die andere sein wird. Kommunismus, Individualismus und die nach Ausgleich beider strebende Demokratie werden miteinander ringen. Im Laufe des letzten Jahres hat sich weiter Kreise eine politische Müdigkeit und Interessenlosigkeit bemächtigt, namentlich auch der bürgerlichen Frauen. Ihren Niederschlag findet diese Stimmung in einer Neigung zur Wahlverweigerung.

Namentlich sind die Frauen vielfach enttäuscht, hatten sie doch von der Verleihung des aktiven und passiven Wahlrechts an das weibliche Geschlecht, von der Wahl zahlreicher Abgeordneten in die Nationalversammlung und in die Landesparlamente, von der verfassungsmäßigen Gleichberechtigung der Frauen vor allem in sozialer Beziehung mehr erwartet, als erreicht wurde. Auch in kultureller Hinsicht blieb der Eintritt der Frauen ins politische Leben recht wirkungslos, und keine der Hoffnungen hat sich erfüllt, die eine Verfeinerung der politischen Sitten voraussagten, wenn er weiblicher Einfluß in Versammlungs-, Presse- und Parlamentspolemik möglich sei.

So sehen denn viele Frauen der Bürgerkreise in dem ihnen überraschend gewordenen und vielfach nicht gewünschten Wahlrecht nur eine Belastung, der sich zu entziehen, es sie vielfach lockt.

Dennoch: jetzt weniger denn bei den Wahlen zur Nationalversammlung dürfen sie abseits stehen. Die bürgerlichen Frauen dürfen nie vergessen, daß die Frauen der Arbeiterklasse von der Mehrheitssozialdemokratie bis zur U. S. P. D. so gut wie restlos politisch organisiert sind und mit dem ganzen Gewicht ihrer numerischen Stärke für diese Parteien eintreten. Jede Stimmenthaltung von bürgerlicher Seite ist ein Zuwachs für die sozialistischen politischen Organisationen. Und wie die Verhältnisse liegen, ist mit einer starken Abwanderung mehrheitssozialdemokratischer Stimmen in die linken Flügel der Partei zu rechnen. Wer also einem Radikalisierungsprozeß der deutschen Politik widerstrebt, muß einer der bürgerlichen Parteien seine Stimme geben.

Abermals ist den Frauen, die zahlenmäßig die Stimmen der Männer überwiegen, eine schwere und verantwortungsvolle Aufgabe zugewiesen. Wenn auch das letzte Jahr, das erste ihrer politischen und staatsbürgerlichen Mündigkeit, ihnen nicht eigentliche Erfolge in Parteien und Parlament gebracht hat, so war es doch in einer Beziehung von außerordentlichem Wert: es hat ihr kritisches Urteil gegenüber der politischen Phraseologie geschärft. Schon bei der Aufstellung der Wahllisten sollten die Frauen nicht versäumen, ihren Einfluß zur Geltung zu bringen, wird es doch wesentlich von den neugewählten Persönlichkeiten abhängen, ob das deutsche Volk in der neuen Wahlperiode die Führer findet, die ihm nottun.

Das Vaterland ruft auch seine Frauen zur Wahlurne, und keine Beschönigung eigensüchtiger Bequemlichkeit, verbitterter Abkehr spricht diejenigen Staatsbürgerinnen frei, die sich ihrer Pflicht zur Wahl entziehen!

Quelle:

Weimarische Landes-Zeitung vom 10.5.1920

 

Bild:

https://de.wikipedia.org/wiki/Frauenwahlrecht_in_Europa#/media/Datei:Kladderadatsch_Damenwahl_Gustav_Brand_1919.jpg