100 Jahre Thüringen
Staatskanzlei Thüringen Weimarer Republik e.V. Forschungsstelle Weimarer Republik an der Uni-Jena

Geburtstag eines Kriegsverbrechers

Der 6. Mai ist für Monarchisten ein Feiertag. Zumindest ein kleiner, da der Kronprinz Wilhelm im Exil seinen Jahrestag begeht. Die deutschnationale Thüringer Tageszeitung ehrt einen Mann, der während des Weltkrieges u.a. die menschenverachtende Offensive bei Verdun mittrug und dessen Auslieferung wegen Kriegsverbrechen von der Entente vergeblich gefordert wurde.

Wilhelm von Preußen (1921 im niederländischen Exil)

Dem Kronprinzen!

Am Geburtstage des Deutschen Kronprinzen, der heute das 38. Lebensjahr vollendet, gedenken alle treuen Deutschen seiner in diesem Jahre in besonderer Wehmut. Schon deshalb, weil auf ihn der Haß unserer im Innersten noch immer beunruhigten Feinde sich dauernd richtet. Der Kronprinz Friedrich Wilhelm ist im Verlaufe dieses Krieges allen Unvölkischen und Undeutschen ein ganz besonderer Dorn im Auge gewesen wegen der Offenheit seines sich frei gebenden Auftretens, und die Verleumndung hat sich deshalb mit besonderer Gier an seine Schwächen geheftet. Das erscheint verständlich genug angesichts der Tatsache, daß er ein Jahr vor Kriegsausbruch mahnende Worte schrieb wider „die undeutschen Lebensauffassungen des internationalen Weltbürgertums, das sich in schwärmerischen Träumen von der Möglichkeit eines ewigen Weltfriedens gefällt.“ Und daß vor der Sorge erregenden Überwertung des Geldes, des ererbten oder errafften, die Wahrheit feststellte: das Schwert wird bis zum Untergange der Welt immer letzten Endes der ausschlaggebende Faktor sein und bleiben! Jahrelang haben wir diese aus der Geschichte unbestreitbar herausleuchtende Wahrheit von allen denen als Ruchlosigkeit predigen hören, die sich als die treuesten Freunde des deutschen Volkes hinzustellen beliebten und nun wie ein Krähenschwarm über die Leiche des Vaterlandes sich um die Beute streiten, während alle Feinde, die vor und in dem Kriege gegen den deutschen Militarismus eiferten, nach Deutschlands Selbstaufgabe keinen größeren Eifer haben bekunden können, als diesen verhaßten Militarismus bei sich selbst in verstärktem Maße ein- und durchzuführen.

Wie das Königtum der Hohenzollern für Preußen und nach dem Erlasse der Verfassung des Reiches für ganz Deutschland der selbständige Träger eines Geistes höherer Gerechtigkeit war, an der jeder Staatsbürger innerlichen Anteil nahm, davon ist niemand innerlicher und treuester überzeugt, als der Erbe der deutschen Krone, der jetzt in einsamer Verbannung von einer Lebensaufgabe fern gehalten wird, die doch kein einziger von denen erfüllen kann, die dem Kaiser das Zepter aus der Hand gewunden haben.

Die innigsten Segenswünsche aller derer, denen der alte deutsche Begriff der Treue noch inne wohnt, richten sich am heutigen Tage nach Wieringen in der festen Hoffnung auf eine dereinstige glückhafte deutsche Zukunft.

Quelle:

Thüringer Tageszeitung vom 6.5.1920

 

Bild:

https://de.wikipedia.org/wiki/Wilhelm_von_Preußen_(1882–1951)#/media/Datei:KronprinzWilhelmMerkelbach1921.jpg