100 Jahre Thüringen
Staatskanzlei Thüringen Weimarer Republik e.V. Forschungsstelle Weimarer Republik an der Uni-Jena

Goethe als demokratisches Vorbild?

Das Bedürfnis der neuen Republik einen historisch legitimiertes Fundament zu bauen ist in den 1920er stark. Hier wird die diesjährige Tagung der Goethe-Gesellschaft dazu genutzt den „Zeus von Weimar“ auf seine Demokratietauglichkeit zu prüfen. Der Artikelschreiber versucht dem tradierten, nationalistischen Goethe-Kult eine republikanische Drehung zu verpassen, was keine leichte Aufgabe ist.

Goethe als Kultobjekt

Goethe der Befreier.

Zur diesjährigen Tagung der Goethe-Gesellschaft.

Gott grüß‘ euch Brüder,

Sämtliche Oner und Aner!

Ich bin Weltbewohner,

Bin Weimaraner.“

Zahme Xenien.

Heute, wo die Goethe-Gesellschaft zum zweiten Male in der Hauptstadt des Freistaates Weimar zusammentritt, dürfte es angebracht sein, daran zu erinnern, daß das Wesen des Goethischen Genius durchaus nicht mit der Eigenschaft des „Fürstendieners“ als aufs innigste verknüpft, verschmolzen gedacht werden muß! Gewiß, er war der Freund des Herzogs Karl August, indessen der Sohn der freien Stadt Frankfurt hat den „republikanischen Geist“ niemals verleugnet. Und vielleicht nicht mit Unrecht behauptete er einmal, er sei viel demokratischer als Schiller. Goethe verehrte und liebte seinen Herzog; doch je näher er dem Alter kam und sehen und erleben mußte, wie auch Herzog Karl August der trotz aller Freiheit in seine angeborene Sphäre eingehüllte „Fürst“ blieb, um so stärker fühlte er, der ewig Bürgerliche, diesen republikanischen, ihm angeborenen Geist. „Wehe dem“, sagte er in bezug auf Karl August, „der sich von großer Herren Gunst ins Freie locken läßt, ohne sich den Rücken gedeckt zu haben.“ Und weiter: „Der Hof nimmt alle Freude weg, und gibt nie Freude.“ Und die Spuren der „heimlich tückischen Hofleute“ hat er mehr denn einmal kennen gelernt. Aber eine Göttin hat ihn in seinen Leben immer aufrecht erhalten: die Ehrfurcht, Ehrfurcht nach oben, Ehrfurcht nach unten – dieses Gut, das niemand mit auf die Welt bringt, das gelehrt und erworben sein will.

Freilich, an die Politik in gewissen Sinne glaubte er nicht, selbst an deutsche Politik, zum allerwenigsten an die Politik der damaligen Freiheitskriege, deren Folge er ja in den Beschlüssen des Wiener Kongresses bereits aufdämmern sah. Seine Verse darüber sind noch unvergessen:

Sind Könige je zusammengekommen.

So hat man immer nur Unheil vernommen.

Wird aber demgegenüber davon erinnert, daß Goethe so ganz und gar ein Verehrer alles Unpolitischen gewesen sei, der das Wort prägte:

Da wo wir lieben.

Ist Vaterland!

so wäre natürlich Kinderei, Goethe mangelnde Vaterlandsliebe vorzuwerfen. Das Deutschtum dieses deutschesten aller deutschen Dichter braucht nicht mehr in Schutz genommen zu werden, – man muß es nur richtig verstehen. Und es kennzeichnet nicht nur sein eigenes Gerechtigkeitsgefühl gegen sich selber, sondern es spricht ein gewisser berechtigter Stolz daraus, wenn er einmal sagte: „Wenn sich aussprechen soll, was ich den Deutschen überhaupt geworden bin, so darf ich mich wohl ihren Befreier nennen,“ – Ansichten die er gelegentlich des Planes des Blücher-Standbildes in Rostock, an dem sich Goethe schon seit 1815 beteiligt hatte, in die Verse kleidete:

Ihr könnt mir immer ungescheut

Wie Blücher Denkmal setzen:

Von Franzen hat er euch befreit

Ich von Philister-Netzen.

Befreier Deutschlands! In dieser neuen Glorie beginnt heute erst den Enkeln seine unvergängliche Erscheinung aufzuglänzen, und neben den großen Dichter trat das Bild des Weisen, der seinen Volke so viel zu sagen, vorherzusagen hatte, das oft an biblische Prophetenweisheit gemahnt.

Aus Goethes Hermann und Dorothea (von Eugen N. Neureuther)

Was sein Deutschtum anlangt, so sei nur daran erinnert, wie seine Dichterarbeit mit dem „Götz“ anhebt und mit dem „Faust“ abschließt. Er war es, der in seinem „Hermann und Dorothea“ den flammenden Mahnruf ausstieß:

Wahrlich, wäre die Kraft der deutschen Jugend beisammen,

An der Grenze verbündet, nicht nachzugeben den Fremden,

O, sie sollten uns nicht den herrlichen Boden betreten! –

Und der gleichen Dichterbrust, nachdem es das Paradies Hesperiens genossen hatte, entsprang das deutsche Bekenntnis: „Ich kann nicht außerhalb des Vaterlandes leben!“ Wohl prägte er das Wort Weltliteratur: aber bei deren Genuß schon damals ahnungsvoll bekennend, daß vielleicht darunter wieder die Deutschen Einbuße erleiden dürften. Und erinnert sei auch noch statt vieler an das Wort aus dem Jahre 1815: „Der Verlust, den wir alle mehr oder weniger erlitten haben, kann nur verschmerzt werden, wenn wir uns immer treuer aneinander schließen und der Deutsche immer mehr einsehen lernt, daß nirgends für ihn Heil zu finden sei als bei seinen Landsleuten“ – Worte, die tiefer denn je gerade heute an diesem Tage, zu dieser Stunde in jedes Deutschen Brust lautesten Widerhall finden möchten. Gleich daneben sei aber auch die Goethesche Warnung nicht vergessen: „So wie ein Dichter politisch wirken will, muß er sich einer Partei hingeben und sowie er dieses tut, ist er als Poet verloren; er muß seinem freien Geiste, seinem unbefangenen Ueberblick Lebewohl sagen und dagegen die Kappe der Borniertheit und des blinden Hasses über die Ohren ziehen.“

Jenen viele aber, die, ohne helfen zu können, im Augenblicke des Vaterlandes Not, ja schmachvolle Erniedrigung mit ansehen müssen, sei die zahme Xenie ins Gehirn gehämmert:

Gut verloren – etwas verloren,

Mußt dich besinnen

Und neues gewinnen.

Ehre verloren – viel verloren!

Mußt Ruhm gewinnen,

Da werden die Leute sich anders besinnen.

Mut verloren – alles verloren,

Da wär‘ es besser nicht geboren.

Diese Zuhöchststellung des Mutes gegenüber dem Begriffe der Ehre bezeugt wohl gleichzeitig am besten die Urstimmung des demokratisch fühlenden Altmeisters, seines „republikanischen Geistes“. Und wenn er in seinem „Epimenides“ sang:

So rissen wir uns rings herum

Von fremden Banden los.

Nun sind wir Deutsche wiederum

Nun sind wir wieder groß.

So waren wir und sind es auch

Das edelste Geschlecht,

Von biederm Sinn und reinem Hauch

Und in der Taten Recht –

so könnten für den Augenblick diese Zeilen gleich blutigem Hohn klingen! Aber der Deutsche, der nach dem Homerverse bekennen muß: „Dulde, mein Herz, du hast viel Hündisches bereits erduldet,“ darf sich dem erhebenden Trostgefühl hingeben, es kommt auch wieder der Tag, wo er den Vers Goethes als Prophezeiung laut jubeln darf:

Nun sind wir Deutsche wiederum!

Bühnenbild zu Goethes Faust (von Helmut Jürgens)

„Goethes Deutschtum deckt,“ – wie Chamberlain hervorgehoben hat – „wie das Himmelsgewölbe liebend die ganze Heimat dessen, was deutsch ist sowohl geographisch wie ideell, sowie die Zukunft wie die Vergangenheit.“

Gewiß, von der allermodernsten Göttin, der Politik und der alleinigen Beschäftigung mit ihr, wollte Goethe nicht viel wissen. Wenn nur Ordnung gehalten wird, so ist es ganz einerlei, durch welche Mittel. Und voll olympischen Uebermutes erweitert er diese Grundmeinung einmal sogar dahin: „Ich mag mich sehr gern regieren und besteuern lassen, wenn man mir nur an der – – Oeffnung meines Fasses die Sonne läßt.“ So ist es nicht weiter verwunderlich, daß er, der Anbeter der Tat, im Grunde genommen gegen jede äußere Regierungsform gleichgültig gestimmt ist. Da lautet es bei ihm: „In allen Regierungsformen, wie sie auch heißen, regieren Freiheit und Knechtschaft zugleich polarisch.“ wobei er zugibt, daß er eine gewisse Geheimliebe für Despotie hege; denn sie schaffe große Charaktere, sie „fördert die Autokratie eines jeden, indem sie von oben bis unten die Verantwortlichkeit den Individuen zumutet und so den höchsten Grad von Tätigkeit hervorbringt.“ Wird dagegen die „Masse absolut“, so kommt es zur entgegengesetzten Erscheinung: zur Vernichtung der Persönlichkeiten. „Revolutionär und Sklave“ gehören begrifflich zusammen.

Von der Lehre der politischen Freiheit wollte er eigentlich wenig wissen. Oratorik und Parteiwesen waren ihm, dem Dichter, verhaßt. Jede Einführung des einzelnen ins Regiment führe mit löblichen Anfängen zu unabsehbar unglücklichen Folgen. Und im Hinblick auf Volksvertretungen sind wohl die Worte gedacht: „Die Chorführer der Menge sind gar aufmerksame Leute, ohne sich beredet zu haben, handeln sie zu gemeinsamem Vorteil. Meister der Redekunst gelangen sie zu dieser Machtstellung.“ Anfang, Mittel und Ende dieser Kunst sei durchaus Verstellung. Da kommt die Mehrheit zustande, und da sagt Goethe wieder: „Nichts ist widerwärtiger als die Majorität; denn sie besteht aus wenigen kräftigen Vorgängern, aus Schelmen, die sich akkomodieren, aus Schwachen, die sich assimilieren, und der Masse, die nachtrollt, ohne nur im mindesten zu wissen, was sie will.“

Für ihm, der nicht umsonst die große französische Revolution mit ihren Folgen und ihrem schließlichen Ende an sich erlebt und innerlich mit empfunden hatte, steht über der Tagespolitik, höher noch, die fortschreitende Natur als Notwendigkeit, das heißt die sozialkulturelle Entwicklung der Gesamtheit.

Und da vergesse man nicht, daß er schon den Menschen im voraus verkündete, wie noch Eisenbahn, Dampfschiff und Telegraph auf die Entwicklung Europas wirken würden. Er empfand schon das bedrohlich Aengstigende des sonst von ihm gepriesenen Uebergangs vom Handwerk zum Maschinenwerk, der künstlich Bedürfnisse züchtete, um überflüssige Arbeit zwecklos tätig zu erhalten. „Das überhand nehmende Maschinenwesen quält und ängstigt mich; es wälzt sich heran wie ein Gewitter, langsam, langsam, aber es hat seine Richtung genommen, es wird kommen und treffen.“ sagt er in den „Wanderjahren“, in demselben Werke, in dem es an anderer Stelle heißt: „Allem Leben, allem Tun, aller Kunst muß das Handwerk vorangehen, welches nur in der Beschränkung erworben wird.“

Doch genug. Das wichtigste über einen Goethe als Befreier ist in diesen Auszügen gesagt. Jeder, welcher Partei er sei, kann daraus sein Teil entnehmen und es begeistert unterschreiben. Er darf nur nicht vergessen, daß neben und über dem Menschen der auf keiner Parteiwarte stehende, unabhängige Dichter zu ihm spricht, der oft von dem gleichen großartigen Humor erfüllt ist wie Gott zu seiner eigenen Schöpfung. Goethes Werk und Lebensauffassung ist so sibyllarisch geheimnisvoll wie das heilige Buch der Bücher selbst geworden.

Schließlich gilt auch für Goethe wie für Kant das Wort:

Sofort nun wende dich nach innen,

Das Zentrum findest du da drinnen,

Woran kein Edler zweifeln mag.

Wirst keine Regel da vermissen:

Denn das selbstständige Gewissen

Ist Sonne deinem Sittentag.

Und so konnte er, der unverbesserlich göttlich edle Optimist, den man figürlich nicht mit Unrecht den Zeus von Weimar genannt hat, ausrufen:

Alle Tag‘ und alle Nächte

Rühm‘ ich so des Menschen Los,

Denkt er ewig sich ins Rechte,

Ist er ewig schön und groß –

Er, der einem sterbenden Faust zum Schlusse seines Weltgedichtes die Worte sprechen ließ:

Nur der verdient sich Freiheit wie das Leben,

Der täglich sie erobern muß,

Und so verbringt, umrungen von Gefahr,

Hier Kindheit Mann und Greis sein tüchtig Jahr.

Solch ein Gewimmel möchte ich sehen,

Auf freiem Grund mit freiem Volke stehen.

Ist es Zufall, daß am Schlusse dieses Goetheschen Hauptwerkes just das Wort frei in dreifacher Abwandelung wiederkehrt? Da war sicherlich in der Seele, in der Brust des über Achtzigjährigen die jugendliche Stimme des „republikanischen Geistes“ neu erwacht, die ihn trotz Hof und Freundschaft für Herzog Karl August, dem auch doch anders frei gesinnten, durchaus Leben wundersam geführt hat.

Goethe der Befreier – möge er als solcher seinem freien Volke noch durch die Jahrhunderte leuchten. So lange es ihn hat, braucht es nicht den Mut zu verlieren, zu zagen, zu verzweifeln. Das Exzelsior bleibt ihm.

Quelle:

Weimarische Landes-Zeitung vom 29.5.1920

 

Bilder:

https://de.wikipedia.org/wiki/Johann_Wolfgang_von_Goethe#/media/Datei:Goethe2583.JPG

https://de.wikipedia.org/wiki/Hermann_und_Dorothea#/media/Datei:Eugen_Neureuther_Aus_Goethes_Hermann_und_Dorothea_1864.jpg

https://de.wikipedia.org/wiki/Faust._Der_Tragödie_zweiter_Teil#/media/Datei:Goethe,_J._W._Faust_II_(München,_1949).JPG