100 Jahre Thüringen
Staatskanzlei Thüringen Weimarer Republik e.V. Forschungsstelle Weimarer Republik an der Uni-Jena

Heißersehnter Frühling

Wenn der kalte und manchmal auch düstere Winter vergeht, freuen wir uns alle über den Frühling, die Wärme, das Blühen der Natur. Doch im Jahr 1920 wurde der Beginn der neuen Jahreszeit besonders euphorisch begrüßt.

Eine Frühlingswiese

Rückblick auf Pfingsten.

In blendendes Licht getaucht, liegt Pfingsten hinter uns. Schwellendes Leben, quellende Schönheit des Frühlings. Sinnverwirrende Düfte über den Gärten und in den Gründen des Waldes. Was in Wintertiefe friedsam in der Erde schließ in dem Dunkel unerkannter Ewigkeiten, das ist zu Pfingsten ausgebrochen in weißer Blütenfülle, die sich wie der reine Geist des Lichtes auf alle Dinge legt. Über all den blühenden Blumen steht der Jelänger-jelieber mit seinem berauschenden Duft. Trunken von Seligkeit segelten Silberwölklein in die Unendlichkeit, die Reste des Frühnebels, der am ersten Feiertag durch Jenas Fluren zog. Dem hohen Feste zu Ehren haben Garten. Und Gedenkrosen ihr Festtagskleid angelegt, auf den Wiesen find alle Blumen und Gräser in üppigster Entfaltung, die Wiesen sind reif zur ersten Mahd [altmodisch für das Mähen, Anm.] – alles so früh, wie seit Menschengedenken nicht. Will sich wirklich ein guter Gott des verarmten Deutschlands erbarmen? –

Selten hat ein Pfingstfest im Mai solch hohe Wärmegrade ausgewiesen wie das heurige. In Ostdeutschland lagen vorige Woche die Temperaturen bereits früh 8 Uhr bei 22⁰ C, von Breslau bis hinaus zur Ostsee. In Thüringen beobachtete man eine sogenannte Temperaturumkehr, denn auf dem Thüringer Walde betrug die höchste Tageswärme im Schatten 31⁰ C, während sie in Jena, Erfurt, Coburg usw. nur 24⁰ C erreichte. Ein durchdringender Gewitterregen, der die ganze Freitagnacht bis Sonnabend früh anhielt, sorgte dafür, daß alle Wege staubfrei waren. Am Sonnabend vertrieb eine frische östliche Brise die Regenwolken und beseitigte bei allen, die eine Pfingstwanderung geplant hatten, die letzten Bedenken. Fremde sah man, entgegen den Friedensjahren, wenig in Jena. An Vergnügungen auf den Dörfern fehlte es dagegen für die Städter nicht; überallhin hatte man zum Pfingsttanze eingeladen. Die ländlichen Wirte scheinen den Nachkriegsmenschen für ein recht verfeinertes Geschöpf zu halten: die Bierdorfschwofe, da, wo ehedem Bruder Studio nach des Dichters Weise sich vergnügte: hier bin ich Mensch, hier darf ich´s sein, sind plötzlich umgetauft worden. Die altgebräuchliche Einladung zu „starkbesetzter Tanzmusik“ ist einer neuen Wortprägung gewichen, indem selbst der entlegenste ländliche Tanztempel weit hinten im Gebirge zu „seinem Ball“ einladet – ob mit Recht, das könnte Schreiber dieser Zeilen, der unter dem jungen Volk nichts mehr zu suchen hat, noch nicht entscheiden.

Quelle:

Jenaer Volksblatt vom 25.05.20

In: https://zs.thulb.uni-je-na.de/rsc/viewer/jportal_derivate_00273592/JVB_19200525_120_167758667_B1_002.tif?logicalDiv=jportal_jpvolume_00371013

 

Bild:

https://de.wikipedia.org/wiki/Fr%C3%BChling#/media/Datei:XN_Fruehjahrswiese_00.jpg