100 Jahre Thüringen
Staatskanzlei Thüringen Weimarer Republik e.V. Forschungsstelle Weimarer Republik an der Uni-Jena

Keine Wahlmüdigkeit vorschützen!

Kaum einen Monat ist die nächste Reichstagswahl fern und nicht nur die Parteien versuchen ihre Anhängerschaft zu mobilisieren. Auch die Frauen, die erst nach der Novemberrevolution 1918 das Wahlrecht erhielten, sollen mit gezielten Aufrufen zur Teilnahme motiviert werden. Die erkämpfte politische Mündigkeit müsse genutzt werden, so der Tenor dieses Artikels der Journalistin Louise Stein.

Vorkämpferinnen des Frauenwahlrechts

Die Reichstagswahlen und die Frauen.

Am 6. Juni soll der erste Reichstag der deutschen Republik gewählt werden. Er soll auf der Grundlage der von der Nationalversammlung geschaffenen Reichsverfassung alle jene Maßnahmen während der nächsten Jahre in die Wege leiten, die unser Vaterland zum ersehnten wahrhaft demokratischen Staat umbilden sollen. Die einzelnen Parteien haben ihr Wahlprogramm verkündet, ihre Listen aufgestellt und die ersten Wahlvorbereitungen getroffen. Zu diesen gehören auch die Wahlversammlungen, in denen die Notwendigkeit der Stellungnahme der Partei zu den verschiedenen richtungsgebenden Fragen der neuen Reichsverfassung erklärt und erläutert werden. Gar manches Dunkel wurde durch diese aufklärenden Wahlvorträge schon erhellt, wie durch Blitzlicht so manches Geschehnis in den Vordergrund gerückt, das für uns politisch noch wenig geschulten Frauen bisher nur schwer erkennbar war. Das, wie allgemein festgestellt wurde, nur schwache Interesse der Frauenwelt an allen politischen Fragen ist nun erfreulicherweise durch alle diese politischen Vorträge neu belebt worden. Die Wahlmüdigkeit, über die alle Parteien von der äußersten Linken zu klagen hatten, scheint allmählich schwinden zu wollen. Vielleicht trug dazu auch der so folgenschwere März mit seinen unerhörten Erschütterungen mit bei, Erschütterungen, die auch politisch Träge oder Uninteressierte aus ihrer selbstgewählten Ruhe und vermeintlichen Sicherheit rissen.
Daß es aber diesmal gilt, eine Volksvertretung zu wählen, die allen unseren heißen Wünschen nach einem wirtschaftlich gefestigten und gekräftigten Deutschland in möglichst absehbarer Zeit zur baldigen Verwirklichung verhelfen soll, das muß allen unseren wahlfähigen Frauen klar werden, gleichsam in Fleisch und Blut übergehen.
Die Kinderschuhe der politisch gleich-, also wahlberechtigten Frau haben wir bei der ersten Wahl zur Nationalversammlung hoffentlich ausgetreten. Jetzt gilt es für uns Frauen, zu zeigen, daß wir uns voll bewußt sind, was das uns verliehene Recht für jede einzelne von uns bedeutet. Jetzt gilt es für uns, den Männern zu zeigen, daß wir der Zeit der Unmündigkeit und politischen Unreife entwachsen sind, daß wir uns nicht mehr durch männliches Urteil, männliche Belehrung, politisch Richtung gebend, bewußt oder unbewußt, bei der künftigen Wahl leiten lassen müssen. Das eine Jahr unserer politischen Gleichberechtigung, dieses letzte Jahr mit seinen ständigen wirtschaftlichen Ueberraschungen meist unangenehmster Art, hat uns Frauen hoffentlich soweit wachgerüttelt, daß wir selbstaus eigenem Antriebe alle Gleichgültigkeit und im Gefühl unserer Ohnmacht erklärliche Apathie gegenüber volkswirtschaftlichen Maßnahmen der Regierung überwinden werden, wenn es gilt, Männer und Frauen am 6. Juni zu wählen, die unsere Interessen ganz in unserem Sinne während der nächsten Jahre vertreten werden.

Wir dürfen uns während der nächsten Wochen nicht daran genügen lassen, nur eine Partei in ihren Wahlreden zu hören, die von ihr in der Nationalversammlung erzielten Vorteile für uns Frauen kennen zu lernen. Sondern wir werden durch den Besuch aller Wahlversammlungen, gleichviel von welcher Partei veranstaltet, uns ein eigenes Urteil darüber bilden müssen, welche Partei unsere Interessen am besten vertritt und für die Zukunft: die beiden Garantien für die erwünschte gedeihliche Entwicklung unseres Vaterlandes bietet und damit auch uns wirtschaftliche Sicherheit und mögliches Wohlergehen verspricht.

Die kommende Reichstagswahl wird jedenfalls unter unseren Frauen, Haus- und Berufsfrauen, keine lauen und gleichgültigen von der Art jener Frauen mehr treffen, die zu vielen Tausenden, wie es bei der Nationalversammlung geschehen, aus Gleichgültigkeit der Wahlurne fernblieben und damit die Aufstellung manches tüchtigen, seiner Verantwortung für das Volkswohl vollbewußten Kandidaten verhinderten, der, wenn gewählt, wie das Zünglein an der Waage vielleicht so manche wirtschaftliche Maßnahme mit vereitelt hätte, die uns dann so schwer und fühlbar traf und belastete. Völlig selbstständig, immer im Hinblick auf die nachfolgenden Jahre und die während derselben erholten und so bitter notwendigen wirtschaftlichen Erleichterungen, werden diesmal wir Frauen jene Männer und Frauen wählen, die unsere Interessen im künftigen Reichstag wahren sollen. In diesem Sinne werden wir auch unsere Mitschwestern aufklären und aufrütteln und es hoffentlich auch erreichen, daß dank gemeinsamer Arbeit während der nächsten Wochen nur für dieses eine Ziel, der Wahlurne keine Frau fernbleibt, die das wahlberechtigte Alter erreichte.

Luise Stein.

Quelle:

Weimarische Landes-Zeitung vom 8.5.1920

 

Bild:

https://de.wikipedia.org/wiki/Frauenwahlrecht_in_Europa#/media/Datei:Stamps_of_Germany_(BRD)_1969,_MiNr_Block_5.jpg