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Konsumvereine gegen Zwangswirtschaft

Der Verband nordwestdeutscher Konsumvereine hat eine Stellungnahme zur Abschaffung der Zwangswirtschaft veröffentlicht, und die Volkszeitung für Sachsen-Weimar-Eisenach begrüßt dies. Allerdings merkt sie an, dass aus ihrer Sicht, die Forderungen nicht weit genug gehen.

Heutiges Logo des Zentralverbandes deutscher Konsumvereine

Eine beachtliche Kundgebung gegen die Zwangswirtschaft

Der an den Zentralverband Deutscher Konsumvereine angeschlossene Verband nordwestdeutscher Konsumvereine, der 160 Vereine mit insgesamt 470 000 Mitgliedern umfasst, hielt in Hameln einen Verbandstag ab. Die Tagung beschäftigte sich auch mit der Frage der Zwangswirtschaft. Nach einem eingehenden Referat von Heinrich Kaufmann (Hamburg) und einer mehrstündigen Aussprache wurde fast einstimmig folgende Entschließung angenommen: „Der 35. Ordentliche Verbandstag nordwestdeutscher Konsumvereine kommt bei Würdigung aller Verhältnisse zu der Überzeugung, daß die Aufrechterhaltung der zwangsläufigen Bewirtschaftung der wichtigsten Nahrungsmittel und lebensnotwendigen Bedarfsartikel heute nicht mehr im Interesse der Verbraucher liegt. Die Zwangswirtschaft kann die von ihr erwarteten Aufgaben nicht erfüllen. Die Produktion wird nicht gefördert, sondern verhindert, eine gleichmäßige Versorgung der Bevölkerung wird nicht erreicht; die Bevölkerung muss sich einen großen Teil der Nahrungsmittel und Bedarfsartikel im Schleichhandel verschaffen. Eine Verbilligung der Waren wird heute durch die Zwangswirtschaft nicht mehr erreicht; der ganze bureaukratische Apparat belastet im Gegenteil die Waren mit ungeheuren Unkosten. Der Verbandstag fordert daher von der Regierung einen sofortigen Abbau der genannten zwangsläufigen Bewirtschaftung. Gerechtfertigt erscheint ein Übergangsstadium für Brotgetreide.“

Diese Kundgebung über die umstrittene Zwangswirtshaft ist zweifellos sehr beachtlich, aber wir vermissen und bedauern, daß mit der Forderung auf Aufhebung der Zwangswirtschaft, wenn auch mit Einschränkungen, nicht auch die Forderung auf Sozialisierung des landwirtschaftlichen Großgrundbesitzes erhoben worden ist. Nur in der gemeinwirtschaftlichen Wirtschaftsweise lassen sich u. A. neue Betriebsmethoden und eine intensive Bearbeitung des Bodens zum Zwecke der Erhöhung des Ertrages durchführen. Eine einfache Rückkehr zur freuen individuellen Wirtschaft halten wir im Interesse der Verbraucher für sehr bedenklich.

Quelle:

Volkszeitung für Sachsen-Weimar-Eisenach vom 12.05.1920

In: https://zs.thulb.uni-jena.de/rsc/viewer/jportal_derivate_00212343/WVZ_1920_04-06_0432.TIF?logicalDiv=jportal_jpvolume_00149292

 

Bild:

https://de.wikipedia.org/wiki/Zentralverband_deutscher_Konsumgenossenschaften#/media/Datei:ZdK_Logo.svg