100 Jahre Thüringen
Staatskanzlei Thüringen Weimarer Republik e.V. Forschungsstelle Weimarer Republik an der Uni-Jena

Korruption bei den Deutschnationalen

Die DNVP ist eine offen republikfeindliche, monarchistische und antisemitische Partei. Ihre Verwicklung in den Kapp-Putsch ist hinlänglich bekannt und nun erscheinen Enthüllungen über parteiinterne Korruption. Wirklich schaden tun solche Berichte der Partei aufgrund ihrer (noch) sehr festen Bindung an das agrarisch-protestantische Milieu nicht.

Wahlwerbung der DNVP von 1930

Intimes aus der Deutschnationalen Volkspartei

Berliner Blätter veröffentlichen bemerkenswerte Mitteilungen aus einer soeben erscheinenden Schrift „Das deutschnationale Gewissen“. Ihr Verfasser, der frühere Generalsekretär der Deutschnationalen A. W. Kroschel, der jetzt Generalsekretär in der Deutschen Volkspartei ist, erklärt in der Schrift, daß er im September 1919 wegen der unhaltbaren Zustände innerhalb der Deutschnationalen Partei und der unverantwortlichen finanziellen Wirtschaft in deren Hauptgeschäftsstelle aus der Partei ausgeschieden sei. Nach seinen Angaben hat die Deutschnationale Volkspartei

in 10 Monaten etwa 3 Millionen Mark ausgegeben.

Finanziert wurde sie in der Hauptsache von der Schwerindustrie und den Agrariern. Einige der an führender Stelle stehenden Herren hätten sich selbst oder ihre Freunde auf Grund ihrer Parteitätigkeit privatim bereichert. Besonders soll das für den ersten Generalsekretär der Partei gelten. Ferner sind bemerkenswert die Mitteilungen, die Kroschel über die Zusammenhänge zwischen der Deutschnationalen Partei und der antisemitischen Hetze macht, die bekanntlich der Parteiführer Hergt in der Landesversammlung abgestritten hat, obwohl nach der Broschüre

aus der Parteikasse 10 000 Mark für anonyme antisemitische Flugschriften gezahlt

worden ist. Ferner teilt Kroschel allerlei über die unlauteren Wege mit, auf denen das Material für die Erzbergeraktion beschafft wurde, und über die Beteiligung der Deutschnationalen am Kapp-Putsch. Hierüber sagt er: Es kann keinem Zweifel unterliegen, daß die gesamte Parteileitung der Deutschnationalen Volkspartei bis ins kleinste von dem Staatsstreich Kapp-Lüttwitz unterrichtet war und mit Kapp und Traub

an der Vorbereitung des Putsches beteiligt

war. Die moralische Verantwortung für den Staatsstreich und dessen Auswirkung trifft Hergt und Lindeiner, die Häupter der Partei.

Gleichzeitig veröffentlicht der „Vorwärts“ ein vertrauliches Schriftstück, das von einem deutschnationalen Großgrundbesitzerausschuss in Köslin an die dortigen ländlichen Besitzer versandt worden ist. Sie werden darin aufgefordert, den Betrag ihrer gesamten Jahreseinkommensteuer mit Zuschlägen an die Kasse der Deutschnationalen Volkspartei als Beitrag zu dem Wahlfonds zu senden. Wer nicht antwortet, von dem werden zunächst 1000 M durch Postnachnahme zu erheben versucht.

Quelle:

Jenaer Volksblatt vom 22.05.1920

In: https://zs.thulb.uni-jena.de/rsc/viewer/jportal_derivate_00273591/JVB_19200522_119_167758667_B2_001.tif?logicalDiv=jportal_jpvolume_00371012

 

Bild:

https://de.wikipedia.org/wiki/Deutschnationale_Volkspartei#/media/Datei:Bundesarchiv_Bild_183-2006-0329-504,_Reichstagswahl,_Propaganda_der_DNVP.jpg