100 Jahre Thüringen
Staatskanzlei Thüringen Weimarer Republik e.V. Forschungsstelle Weimarer Republik an der Uni-Jena

Parlamentsdebatte der „schwarzen Schmach“

Die belgischen und französischen Besatzungstruppen im Rheinland bestehen zum Teil aus farbigen Soldaten, deren Einsatz in Deutschland als gezielte Demütigung empfunden wird (und vonseiten der Entente auch so gemeint war). In einer Interpellation fordern alle Parteien außer der USPD einen Abzug dieser Truppenteile. Die Debatte hierzu wurde sehr hitzig.

Elisabeth Röhl (MSPD)

Die Nationalversammlung über die schwarze Schmach.

(177. Sitzung.) Berlin, den 20. Mai 1920.

Präsident Fehrenbach eröffnet die Sitzung um 10 Uhr 20 Minuten.

Verwendung farbiger Truppen im besetzten Gebiet.

Abg. Frau Röhl (Soz.): Der Interpellation haben sich sämtliche Parteien mit Ausnahme der Unabhängigen angeschlossen. In einer Zeit, wo wir im Frieden aufatmen zu können meinten, muß uns die Verwendung schwarzer Truppen aufs tiefste empören. Derart kleinliche Maßnahmen der Rachsucht verletzen doppelt und dreifach. Massenhaft sind uns traurige und schauderhafte Vorkommnisse zur Kenntnis gekommen, daß man sich sträubt, darüber nachzudenken. Selbst Schulmädchen, die in Begleitung ihrer Lehrerin Ausflüge machten, mußten sich vor Marokkkanern, die sie anzufassen drohten, flüchten. Diese Maßnahmen der Belgier und Franzosen müssen in allen Ländern Empörung hervorrufen. Wir wenden uns nicht gegen die schwarzen Menschen als solche, aber wir wissen, daß Sitten und Gebräuche, Kultur und Moral des Abendlandes andere sind als bei den Senegalesen. Frankreich und Belgien sind und bleiben schuldig in unseren Augen. Wir wünschen, daß das besetzte Gebiet und seine Bewohner von einem unwürdigen Joch befreit werden.

[…]

Luise Zietz (USPD)

Die Besprechung der Interpellation.

Als erste Rednerin nimmt das Wort Abg. Frau Zietz (U. Soz.): Wir verurteilen Sittlichkeitsverbrechen bei Farbigen wie bei anderen. Ueberall, wo der Militarismus regierte, wird aber über solche Verbrechen geklagt. Wir haben in Frankreich ähnliche Dinge begangen. (Lebhafte Pfuirufe, Schlußrufe, Glocke des Präsidenten.) Was haben sich unsere Soldaten in China zuschulden kommen lassen? (Der größte Teil der Rechten, des Zentrums und der Demokraten verläßt während der weiteren Ausführungen der Rednerin den Saal.) Als die Rednerin auf die Judenhetze der deutschnationalen Versammlungen zu sprechen kommt, wird sie vom Präsident Fehrenbach ersucht, sich an die Tagesordnung zu halten. Die deutsche Kolonisation ist nichts als eine Geschichte von Greueln, begangen an Farbigen. (Präsident Fehrenbach ruft die Rednerin zur Ordnung.)

Abg. Frau Mende (D. Vp.): Nach dem, was wir hörten, kann Frau Zietz unmöglich als Vertreterin des deutschen Volksempfindens genannt werden. Gegen Verbrechen in Deutschland haben wir die Gerichte. Dagegen brauchen wir keinen Appell an die ganze Welt. Der Friedensvertrag macht uns eine Abwehr unmöglich. Und so bleibt uns nur dieser Appell. Es ist unerhört, was wir deutschen Frauen und auch die Männer, diese vielleicht noch mehr als jene, darunter zu leiden haben. Hier wäre ein Standpunkt, auf den sich alle deutschen Männer und Frauen stellen müßten. Diese Zustände sind eine Schmach und wir müssen alles tun, um sie zu beseitigen. Das Zentrum könnte sich wohl einmal an das Oberhaupt der katholischen Kirche wenden. Es könnte vielleicht helfen, da es gerade die größten katholischen Völker sind, die diese Vorgänge hervorgerufen haben. Die Frauen der Nationalversammlung sind einmütig mit dem von Frau Röhl Geäußerten durchaus einverstanden und ich habe ihm nichts hinzuzufügen. (Lebhafter Beifall.)

Abg. Frau Zietz: Es ist eine völlige Verdrehung der Tatsachen (Stürmisches Gelächter), daß ich die Vorgänge gutgeheißen hätte (Zuruf: Aber entschuldigt. Unruhe.) Ich verurteile Brutalitäten, ob sie von Weißen oder von Schwarzen kommen.

Die Aussprache schließt.

Abg. Bruckhoff (Dem.) persönlich: Ich hatte der Abg. Frau Zietz zugerufen: Unerhörte Gemeinheit. Frau Zietz hat mir unterstellt, ich hätte damit die Gemeinheit der deutschen Soldaten treffen wollen. Das ist mir nicht eingefallen. Außerdem muß jede anständige Frau und jeder anständige Mann der Nationalversammlung das Empfinden haben, Frau Zietz habe mit dieser Rede die unerhörte Gemeinheit der Neger decken wollen.

Quelle:

Weimarische Landes-Zeitung vom 21.5.1920

Original-Protokoll: https://www.reichstagsprotokolle.de/Blatt2_wv_bsb00000017_00654.html

 

Bilder:

https://de.wikipedia.org/wiki/Elisabeth_Röhl#/media/Datei:RöhlElisabeth.jpg

https://de.wikipedia.org/wiki/Luise_Zietz#/media/Datei:ZietzLuise.jpg