100 Jahre Thüringen
Staatskanzlei Thüringen Weimarer Republik e.V. Forschungsstelle Weimarer Republik an der Uni-Jena

Pazifist, Kommunist, vogelfrei

Hans Paasche hatte als Marineoffizier den Maji-Maji-Aufstand in Deutsch-Ostafrika miterlebt, der weit mehr Todesopfer in der afrikanischen Zivilbevölkerung gefordert hatte als der parallel stattfindende Völkermord der Deutschen Schutztruppen an den Herero und Nama. Anders als praktisch alle seine Standesgenossen wandelte sich Paasche unter dem Eindruck des kolonialen Horrors zum Pazifisten. In seinem satirischen Roman über den fiktiven Europaforschers Lukanga Mukara lässt er seinen Protagonisten die Sitten und Gebräuche der „wilden“ Europäer erkunden und auch sonst entwickelte sich Paasche zu einem der bekanntesten Kulturkritik des Wilhelminismus. Nachdem er sich nach der Novemberrevolution dem Kommunismus zugewandt hatte, war er vermehrt Anfeindungen ausgesetzt, die schließlich in seiner Ermordung durch Reichswehrsoldaten gipfelte. Die Täter blieben, wie auch sonst in solchen Fällen, straffrei.

Buchcover mit Autorenfoto

Die Ermordung des Kapitänleutnants Paasche.

(Eigene Drahtmeldung der „Neuen Zeitung“.)

Am Freitag, den 22. Mai, um 3 Uhr weilte Hans Paasche an einem zu seinem Gute gehörigen See. Er hatte gerade gebadet, als er von dem Gendarmerie-Wachtmeister Wendlandt aufgefordert wurde, in sein (Paasches) Haus zu kommen, weil er ihm etwas mitteilen wollte. Ahnungslos ging Paasche, der nur mit Badehosen und Jackett bekleidet war, mit, und als er sich zirka 100 Meter dem Hause genähert hatte, sah Paasche an der Böschung versteckt, mehrere Soldaten. Paasche, der sich das plötzliche Auftauchen offenbar nicht erklären konnte und wohl eine Falle fürchtete, machte kehrt. Darauf wurde von drei Soldaten auf ihn Feuer abgegeben, ein Schuß traf ihn ins Herz und führte den sofortigen Tod herbei. Paasches Haus wurde einer Haussuchung unterzogen. Hierbei wurden einzelne Nummern der „Roten Fahne“ und der „Freiheit“ sowie die Wahlliste zu den Gemeindewahlen gefunden und beschlagnahmt. Der führende Oberleutnant erklärte der Hausdame frohlockend, da haben wir ja ausreichendes Belastungsmaterial. Im übrigen war die Haussuchung ergebnislos.

Der Befehl zu der ganzen Aktion soll von dem Staatskommissar für die öffentliche Sicherheit ausgegangen sein. Der führende Offizier erklärte der Hausdame, es lägen in Berlin bestimmte Anzeichen vor, daß Paasche zu kommunistischen Zwecken ein großes Waffenlager unterhalte. Bemerkenswert ist auch, daß bereits am Tage vorher in den umliegenden Dörfern Hochzeit, Selchowhammer und Wiesenthal der Fernsprechverkehr unterbrochen wurde, damit nicht eine Warnung über die geplante militärische Aktion nach Paasches Gut Waldfrieden gelangte. Gleichzeitig hatte man die Dörfer militärisch von jedem Verkehr mit dem Gut abgeschlossen, um auch eine mündliche Warnung unmöglich zu machen. Auf der anderen Seite hatte man auf dem Gute selbst, um einen Verdacht nicht aufkommen zu lassen, den Telephonverkehr nicht gehindert.

Der Gendarmeriewachtmeister Wendlandt, der Paasche vom See herausgeholt hatte, hat wiederholt betont, Paasche sei nicht von ihm verhaftet worden, er hätte auch kein Recht dazu gehabt. Unter diesen Umständen handelt es sich bei der Erschießung um einen glatten Mord; da Paasche nicht verhaftet war, stand es in seinem Belieben, ob er weiter mit dem Gendarmen gehen wollte. Er war, solange die Verhaftung nicht ausgesprochen, völlig frei in seinen Bewegungen und Entschließungen. Zu seiner Entfernung laug auch aller Grund vor, weil Paasche schon häufig militärischen Willkürakten zum Opfer gefallen war. Auch beim letzten Kapp-Putsch war er von verschiedenen Seiten bedroht worden.

Zu der Aktion waren zirka 60 schwerbewaffnete Soldaten aufgeboten worden, die in Autos mit Maschinengewehren nach dem Gut Paasches transportiert wurden. Nähere Angaben über den Truppenteil sowie über die militärische Kommandostelle folgen noch.

Der Oberleutnant, der die Aktion befehligte, ordnete an, daß alle Personen, die eine ganz bestimmte Sperrlinie überscheiten, erschossen werden sollten! Die Sperrlinie wurde von ihm ca. 100 Meter vom Haus entfernt bestimmt.

Der unglückliche Paasche hat vor ungefähr einem Jahr seine Frau verloren. Er hinterläßt vier kleine unmündige Kinder.

Wir kommen auf den Fall Paasche noch zurück.

Quelle:

Neue Zeitung. Unabhängiges Sozialistisches Organ vom 27.5.1920

 

Bild:

https://de.wikipedia.org/wiki/Hans_Paasche#/media/Datei:Hans_Paasche_-_Die_Briefe_des_Negers_Lukanga_Mukara.jpg