100 Jahre Thüringen
Staatskanzlei Thüringen Weimarer Republik e.V. Forschungsstelle Weimarer Republik an der Uni-Jena

Preisrevolution in der Landwirtschaft

Die Steigerung der Produktionskosten und die damit verbundenen finanziellen Herausforderungen für die heimischen Landwirte stellen die Politik im Jahr 1920 vor eine große Herausforderung. Als Lösung gelten die sogenannten Indexziffern in Kombination mit einer möglichst großen Produktion der heimischen Landwirtschaft, denn schon im Jahr 1920 steht man in Konkurrenz zu ausländischen Produkten.

Erntearbeit per Hand (1943)

Zur Hebung der Inlandsproduktion.

Am 27. April 1920 hat der Reichsminister für Ernährung und Landwirtschaft in seiner Rede in der Nationalversammlung besonders hervorgehoben, daß die Forderung der landwirtschaftlichen Erzeugung eine Änderung in der Preispolitik erforderlich mache. Während noch im vorigen Jahr die Höchstpreise für die öffentlich bewirtschafteten landwirtschaftlichen Erzeugnisse vor der Ernte festgesetzt wurden, sind dieses Jahr bereits durch Verordnungen vom 13. März vorläufige Preise (Mindestpreise) für Getreide und Kartoffeln aus der Ernte des Jahres 1920 bekanntgegeben worden. Die so frühzeitige Veröffentlichung der Preise erfolgte, um den Landwirten eine gewisse Beruhigung hinsichtlich der Preisgestaltung zu geben. Diese gegen das Vorjahr wesentlich erhöhten Preise beruhen auf Berechnungen, die zu Angang dieses Jahres angestellt worden waren, um den Stand der derzeitigen Produktionskosten zu ermitteln. In der erwähnten Verordnung wird ausdrücklich betont, daß die endgültige Festsetzung der Preise bis zum Beginn der Ernte unter entsprechender Berücksichtigung der bis dahin entstandenen Produktionskosten erfolgen soll. Dieses Verfahren, die landwirtschaftliche Produktion dadurch zu fördern, daß dem Landwirt die Sicherheit gegeben wird, in den Preisen der Erzeugnisse die von ihm aufgewendeten Kosten zurückerstattet zu erhalten, fand auch die Billigung der zu den Verhandlungen über die Preisfestsetzung hinzugezogenen Verbraucherkreise. Diese sahen ein, daß im Interesse der Verbraucherschaft die inländische Produktion auf einen möglichst hohen Stand gebracht werden muß, selbst wenn dies nur unter Erhöhung der Preise für die landwirtschaftlichen Erzeugnisse möglich ist, da die Kosten für eingeführte Nahrungsmittel sich auch bei erhöhten inländischen Preisen um ein Mehrfaches höher stellen als diese.

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Entsprechend der Vorschrift der Verordnung vom 13. März müssen bis zum Beginn der Ernte die Steigerungen der Produktionskosten verfolgt werden. Dies soll mit Hilfe von Indexziffern geschehen. Zur Beratung des Ministeriums ist vor einigen Tagen eine besondere Indexkommission aus hervorragenden landwirtschaftlichen Sachverständigen und Vertretern der Verbraucherschaft gebildet worden. In ihrer ersten Sitzung hat die Kommission dazu Stellung genommen, nach welcher Methode die Indexziffern ermittelt werden sollen, und außerdem diejenigen Güter und Leistungen bestimmt, deren Preisentwicklung durch die Indexziffern verfolgt werden soll. Im Ministerium für Ernährung und Landwirtschaft werden zurzeit die von der Kommission vorgeschlagenen Berechnungen durchgeführt. Die Kommission tritt in Kürze zu weiteren Verhandlungen wiederum zusammen. Die Ergebnisse der Berechnungen werden der Öffentlichkeit unterbreitet werden.

Quelle:

Jenaer Volksblatt vom 11.05.20

In: https://zs.thulb.uni-jena.de/rsc/viewer/jportal_derivate_00273582/JVB_19200511_110_167758667_B1_001.tif

 

Bild:

https://de.wikipedia.org/wiki/Geschichte_der_Landwirtschaft#/media/Datei:Bundesarchiv_Bild_101I-468-1419-16A,_Bauern_bei_der_Heuernte.jpg