100 Jahre Thüringen
Staatskanzlei Thüringen Weimarer Republik e.V. Forschungsstelle Weimarer Republik an der Uni-Jena

Schwört ab der Gewalt!

Die Arbeit der Nationalversammlung ist an ihrem Ende angelangt. Die Aufgabenfülle und –schwere war enorm und trotz aller Defizite wurde viel geleistet. Reichspräsident Ebert wendet sich in einem Dankesschreiben an die scheidenden Abgeordneten und wünscht sich und der Nation einen gewaltfreien Wahlkampf.

Friedrich Ebert (von Lovis Corinth)

Wir treten in die Tagesordnung ein:

Entgegennahme einer Kundgebung des Reichspräsidenten.

Der Herr Reichspräsident hat folgende Kundgebung zur Bekanntgabe in der Nationalversammlung an mich gerichtet:

Berlin, den 20. Mai 1920.

Meine sehr verehrten Damen und Herren!

Mit dem heutigen Tage schließt einer der bedeutungsvollsten Abschnitte im parlamentarischen Leben Deutschlands. Seit dem 6. Februar 1919 waren Sie die Träger einer politischen Entwicklung, so überreich an Geschehnissen, Arbeiten und Leiden, wie keine je zuvor. Sie waren berufen, unter den schwersten Umständen die schwersten Entschließungen zu fassen, und Ihre Arbeiten standen Tag für Tag und manchmal Stunde für Stunde unter den inneren Erschütterungen der Nachkriegszeit und unter den Bedrohungen der Gegner von außen. Wenn es Ihnen trotzdem gelungen ist, die Grundmauern für eine neue politische und wirtschaftliche Wiedererhebung des deutschen Volkes zu errichten, so ist es mir Ehre und Pflicht, Ihnen für alles Geleistete zu danken.

Die Fülle der Arbeit, die hinter Ihnen liegt, zeigt sich am deutlichsten, wenn wir an das Trümmerfeld denken, das am Tage des Waffenstillstandes vor uns lag.

(Sehr richtig! bei den Deutschen Demokraten.)

Es galt nicht nur, ein Volk aus der Verwilderung und den Blutopfern des Krieges, aus der dumpfen Verzweiflung der endgültigen Niederlage in die Menschlichkeit zurückzuführen, Arbeit und Brot zu beschaffen und an eine Freiheit in Selbstzucht zu gewöhnen, sondern vor allem die ganze Volkswirtschaft, das ganze Denken und Fühlen, die Anschauungen eines ganzen Volkes den neuen Verhältnissen anzupassen.

(Sehr richtig!)

Es galt, dem deutschen Volke im Wege der Selbstbestimmung neue Formen seines Daseins, die neue Verfassung zu geben und somit das Fundament zu schaffen, auf dem sich die gegenwärtige und kommende Geschichte des deutschen Volkes aufbauen wird. Die Rückwirkungen des Krieges auf die Weltwirtschaft, die Entwertung unseres Geldes und unseres Geldkredits mit allen ihren Folgen zwangen zum Umbau unseres Wirtschaftslebens. Eine grundlegende neue Gestaltung der Stellung des Arbeitnehmers in Industrie und Handel im Sinne einer Mitwirkung aller schaffenden Volksteile in der Verwaltung der wirtschaftlichen Unternehmungen war geboten. Der Zusammenbruch des alten Heeres machte die Schaffung einer neuen Wehr notwendig, die kein Instrument einer irgendwie gearteten Kriegspolitik sein dürfte. All diese Umgestaltungen und Neuschöpfungen sind noch im Fluß, das Ereignis der deutschen Revolution ist noch auf keinem Gebiet abgeschlossen, da und dort haben wir bittere Rückschläge erlitten, wie beim Kapp-Putsch mit seinen katastrophalen Folgen. Aber Sie, verehrte Damen und Herren, haben das Verdienst, die neuen Grundfesten in das Chaos hineingebaut zu haben, und wenn einst das Richtfest eines völlig erneuten und wieder gefestigten deutschen Volkshauses gefeiert werden wird, dann wird man Ihrer als der ersten Bauleute der Republik in Treue gedenken.

Sie gehen nun hinaus, um den Kampf für den neuen Reichstag zu führen. Erlauben Sie mir, in dieser letzten Stunde der verfassunggebenden Nationalversammlung an die erste zu erinnern, als ich die Ehre hatte, Sie im Namen der Reichsregierung zu begrüßen. Damals habe ich unter Ihrer Zustimmung gesagt: „Sobald das Selbstbestimmungsrecht des Deutschen gesichert ist, kehrt er zurück auf den Weg der Gesetzmäßigkeit. Nur auf der breiten Heerstraße der parlamentarischen Beratung und Beschlußfassung lassen sich die unaufschiebbaren Veränderungen auf wirtschaftlichem und sozialem Gebiete vorwärtsbringen, ohne das Reich und seine Wirtschaftslage zugrunde zu richten“. Ich möchte diese Worte, die an der Wiege der Nationalversammlung gesprochen wurden, heut an der Schwelle des neuen Reichstages wiederholen. Alle Parteien haben sich für den Kampf mit dem Stimmzettel erklärt, alle haben dadurch die geistigen Waffen als die einzig erlaubten proklamiert.

(Zustimmung bei den Mehrheitsparteien.)

Welcher Partei die Damen und Herren immer angehören und für welche sie in den nächsten Wochen werben wollen: im Namen und der Existenz des deutschen Volks willen geht an Sie alle meine inständige Bitte: Zeigen Sie auch im erbittertsten Wahlkampf Ihren Anhängern immer und immer wieder den Weg der Gesetzmäßigkeit als den einzigen, der aufwärts führt.

(Lebhafter Beifall bei den Mehrheitsparteien. – Zurufe von den Unabhängigen Sozialdemokraten.)

Nur wenn alle Parteien der Gewalt als einer Macht, einzig der Zerstörung, abschwören, kann Deutschland wiedererstehen. Das ist mein heißester Wunsch an den ersten Reichstag der Republik, dessen Kern ja wieder von Ihnen gebildet wird: daß er eine gewaltige Mehrheit für den geistigen Kampf und gegen jede Gewalt von jeder Seite bringen möge!

Der Reichspräsident Ebert.

Gegengezeichnet: der Reichskanzler Müller.

(Lebhafter Beifall bei den Mehrheitsparteien. – Zischen bei den Unabhängigen Sozialdemokraten.)

Quelle:

Stenographische Berichte der verfassungsgebenden Deutschen Nationalversammlung, 180. Sitzung, 21. Mai 1920, S. 5731ff.

In: https://www.reichstagsprotokolle.de/Blatt2_wv_bsb00000017_00695.html

 

Bild:

https://de.wikipedia.org/wiki/Friedrich_Ebert#/media/Datei:Corinth_Ebert.png