100 Jahre Thüringen
Staatskanzlei Thüringen Weimarer Republik e.V. Forschungsstelle Weimarer Republik an der Uni-Jena

Setzt den Dreispitz auf und schnappt eure Musketen!

Als deutsche Version der heutigen Tea-Party-Bewegung vereint der Thüringer Bauernbund reaktionär antidemokratische Politikziele mit dem Selbstbild den ‚kleinen Mann‘ gegen die bösen Bureaukraten ‚da oben‘ zu verteidigen. Zwar gibt es Thüringen als demokratische Alternative den DDP-nahen Deutschen Bauernbund (siehe Blog-Eintrag vom 26.3.), aber die Mehrheit der Bauernschaft steht der jungen Demokratie leider ablehnend gegenüber.

Ein Dreispitz - Kleidungsstück der 'guten alten Zeit'

Dem „Thüringer Landbund“ zum einjährigen Bestehen!

Ein Jahr ist in diesen Tagen vergangen, seitdem im benachbarten Erfurt der „Thüringer Landbund“ gegründet worden ist als Arbeitsgemeinschaft von 15 Thüringer Bauernbünden. Restlos und zielbewußt ist in diesem Jahr gearbeitet worden, so daß die Gesamtzahl aller im „Thüringer Landbund“ organisierten Bauern jetzt bereits 50.000 Mitglieder beträgt.

Und die Zahl wird noch wachsen! Der festen Zuversicht ist jeder, der sich in den Dienst dieser großen Bauernbewegung gestellt hat und der einen Einblick bekommen hat in die treue Arbeit, die hier geleistet wird, und in die Ziele, die man sich gesteckt hat.

Freilich noch steht ein kleines Grüppchen Thüringer Bauern abseits dieser bäuerlichen Massenbewegung, das ist der sogenannte „Deutsche Bauernbund“, der korporativ der Deutschdemokratischen Partei angehört. Recht verschiedenartig ist er zusammengesetzt. Er mag noch Anhänger haben, die aus der Gründungszeit des „Deutschen Bauernbundes“ stammen, als dem Jahre 1909, wo der Bund er Nationalliberalen Partei zuneigte. Diese Zeiten sind jedoch längst vergangen! Jetzt ist der „Deutsche Bauernbund“, wie einer spöttisch gesagt hat, das Hündchen auf dem Schoß von Frau Demokratie. Ab und zu läßt sie’s zur Erde gleiten, dann bellt es mit schwacher Stimme, um sich hernach wieder willfährig streicheln zu lassen von den „hohen und höchsten Herren der Demokratie“.

Paßt dieser Vergleich nicht gar gut für unsere Weimarer Verhältnisse? Hohe und höchste Herren, Räte jeglicher Branche, die da reden und streicheln und schmeicheln?

Diese Herren, deren Herz für alles andere schlägt, nur nicht für die Landwirtschaft, sie sind es auch, die immer von neuem wieder einen Keil in unsere Thüringer Bauernschaft zu treiben suchen! Die da hetzen und schüren und auf die niedrigen Instinkte Urteilsloser spekulieren.

Ein besonderer Trick ist, den bestehenden Landhunger der Bauernschaft für agitatorische Zwecke auszunutzen. Unbeschäftigte Versicherungsbeamte, redeeifrige Schullehrer stellen sich hin im Dienst der Demokratie, weisen mit den Fingern auf ein größeres Bauerngut oder Kammergut und sprechen: „Dies alles wird euch gehören, wenn ihr zu uns kommt!“

Erinnert’s nicht fast an die Geschichte Jesu, den der Besucher auf einen hohen Berg führt und ihm die Reiche der Erde verspricht, wenn er ihm dienen wolle?

Höchste Zeit aber auch wird es, daß sich die paar Hunderte, die jenem noch aus lüsterner Gewinngier anhängen, in sich gehen und der großen reinen Bauernbewegung anschließen, die weiter denkt, als nur ein paar Morgen Landes noch zu erraffen … die durch einen großen allgemeinen Zusammenschluß unsere gesamte deutsche Landwirtschaft wieder auf beide Füße stellen und damit unserem Volk im ganzen helfen will. Nicht Dienerin der Gewerkschaften will sie sein, nicht Dienerin des heiligen Bureaukratius, der dem Bauer zur Qual die Zwangswirtschaft erfand…

Nein, frei und ungehemmt will unsere Bauernschaft wieder werden, wie einst, wo der Urahne hocherhobenen Kopfes mit dem Dreispitz und dem festen Tuchrock den Kirchweg entlang wandelte.

[…]

Alle müssen zusammenhalten! „Einer für alle, alle für einen!“ muß allzeit der große Leitgedanke bleiben. Kleinliche, niedrige Gesichtspunkte müssen überwunden werden; dann erst wird die Landbundbewegung ihre letzten höchsten Ziele erreichen und nicht in egoistischem Dornengestrüpp hängen bleiben, wie die sozialistische Bewegung, die in ihren Idealen den Gedanken des Gottesmannes aus Nazareth nahekommt, die aber praktisch zu einer einseitigen Lohnbewegung herabgesunken ist, aus der heraus nie und nimmer Weltbeglückung kommen kann.

Kämpfen werden wir gegen unheilvolle Sozialisierungspolitik, gegen verklauselte Zwangsbestimmungen, die frohe, freie Arbeit auf Hof und Acker unterbinden. …

Aber der Kampf für diese Freiheit wird nicht unser Letztes sein. Darüber hinaus schauen wir Heimat und Volk… Seinem Glück und einer besseren Zukunft unseres ganzen Vaterlandes weihen wir unsere letzten höchsten Gedanken. Dem Vaterland gilt es, wenn wir mit scharfer Pflugschar die Scholle durchschneiden oder Samen über den Acker streuen!

Quelle:

Thüringer Tageszeitung vom 26.5.1920

 

Bild:

https://en.wikipedia.org/wiki/Tricorne#/media/File:Tricorne_MET_DP-642-001.jpg