100 Jahre Thüringen
Staatskanzlei Thüringen Weimarer Republik e.V. Forschungsstelle Weimarer Republik an der Uni-Jena

„Thüringen Hoch“

Im Anschluss an den gestern geschilderten Spaziergang nach Tiefurt kommen die Parlamentarier im Nationaltheater zusammen, um die erste Feier der Thüringer Verfassung zu begehen. Mit Festreden und einer Aufführung von Goethes „Torquato Tasso“, über den gleichnamigen italienischen Dichter.

Torquato Tasso und die beiden Leonoren (von Karl F. Sohn)

Zum Abschluß der Beratungen über die vorläufige Verfassung von Thüringen hatte der Volksrat von Thüringen am Himmelfahrtstage sich zu verschiedenen festlichen Veranstaltungen vereinigt. Am Vormittag pilgerte die Mehrzahl der Abgeordneten mit Mitgliedern des Staatsrates und einer Anzahl Weimarischer Staatsbeamten nach Tiefurt, wo Schulrat Dr. Scheidemantel in liebenswürdigster Weise den Teilnehmern am Ausflug die Goethezeit mit den Tiefurter Park- und Schäferspielen, daß Wirken der Fürstin Anna Amalia im Kreise der Gelehrten und Poeten nahe zu bringen suchte. Der Nachmittag war einer Festvorstellung im Nationaltheater gewidmet, Ernst Hardt bot eine äußerst wohl gelungene Aufführung Goethes Torquato Tasso. – Am Abend machte ein geselliges Beisammensein im Fürstenhof den Schluß der Verfassungsfeier. Der Präsident des Volksrates L e b e r gedachte in einer Ansprache der Hemmungen und Schwierigkeiten, die sich dem Zusammenschluß der Thüringer Länder entgegentürmten. – Minister Dr. P a u l s s e n widmete den Mitarbeiter und Helfer am Aufbau des Verfassungswerkes und am Zusammenschluß freundliche Worte des Dankes und des Gedenkens. Staatsrat H o f f m a n n -Saalfeld erinnerte daran, wie von den einstigen Landeshoheitsrechten in thüringischen Ländern wegen seiner Kleinstaaterei ein Stück nach dem andern verloren ging, den Fürsten abgenommen wurde, bis die Revolution ganz mit diesen fürstlichen Hoheitsrechten ein Ende machte. Alle Reden waren durchglüht von dem einen Gedanken: „Thüringen Hoch“, Reife heran zu einem Schutz und Schirm vollster Demokratischer Freiheit; wandle weiter in den Bahnen, die die Entwicklung gezeichnet: ein Hort freiester und höchster Geisteskultur, blühen und gedeihen im Kranze deutscher Lande, wirke befruchtend und laß aus dem Herzen Deutschlands strömend, frisches lebenskräftiges Leben sprühen. Das Blut durch alle Teile des großen deutschen Volkskörpers pulsieren, führe dein Volk zu Wohlstand, Friede und Glück. – Auch Dr. Rosenthal, der Verfasser des Gesetzentwurfes zur vorläufigen Verfassung sprach in diesem Sinne. Den weiteren Teil des Abends füllten Musik- und Gesangsvorträge von Mitgliedern des Nationaltheaters, Frau Priske, Aich, Herr Brock, Herr Reitz und Herr Laßko, denen Minister Dr. Paulssen schon im Voraus gedankt hatte und die den Dank in Form lebhaften Beifalls später noch einmal einheimsten, bis nach 11 Uhr die Polizeistunde auch die Gesetzesmacher aus der Gaststätte heraus nach Hause trieb.

Quelle:

Volkszeitung für Sachsen-Weimar-Eisenach vom 15.5.1920

 

Bild:

https://de.wikipedia.org/wiki/Torquato_Tasso_(Goethe)#/media/Datei:Carl_Ferdinand_Sohn_-_Torquato_Tasso_and_the_Two_Leonores_-_Google_Art_Project.jpg