100 Jahre Thüringen
Staatskanzlei Thüringen Weimarer Republik e.V. Forschungsstelle Weimarer Republik an der Uni-Jena

Thüringen lässt das Mittelalter hinter sich

Spöttisch beschreibt die sozialdemokratische Volkszeitung die überwundene Kleinstaaterei der Minifürsten und freut sich über die endlich vollzogene Landesgründung. Thüringen sei nun endlich auf dem Weg in die Moderne.

Grenzverläufe der bisherigen thüringischen Staaten

Der Thüringer Grenzenwirrwarr beseitigt.

Mit der Vereinheitlichung Thüringens, die vom 1. Mai d. J. in Wirksamkeit tritt, wird die bunte Musterkarte von kleinen und kleinsten Ländern, wie sie bisher das Herz Deutschlands bildete, von den Atlanten verschwinden. Nirgends in der Welt, soweit sie zivilisiert ist, hat es bis in die neueste Zeit Aehnliches gegeben. Die verworrenen Grenzverhältnisse in Thüringen, die verschiedenen Schwarzburg und Reuß, der Coburg-Gotha, Weimar, Altenburg und Meiningen mit den hineingesprenkelten preußischen Enklaven, erzeugten vielfach geradezu groteske Zustände. Es gab Landesgrenzen, so schreibt die „Ostthüringer Volkszeitung“, die mitten durch Wohnhäuser, durch Werkstätten und Ställe führten; bei Tische saß vielleicht das Familienoberhaupt in Schwarzburg-Rudolstadt, während der jüngste Sprößling seine Suppe in Sachsen-Weimar verzehrte. Und es gab Viehställe, wo die Wiederkäuer ihr Futter im Altenburgischen verzehrten, um es in Reuß j. L. der Landwirtschaft wieder nutzbar zu machen. Und der lose Spötter Heine konnte, als ihn der Ausweisungsbefehl eines dieser Duodezfürsten zugestellt wurde, mit gutem Grund höhnend erklären: „Wollen Hoheit sich gnädigst auf den Balkon Ihres Schlosses bemühen, um sich mit eigenen Augen zu überzeugen, wie ich die Grenzen Ihres Reiches verlasse.“ Und im Zeitalter des Eisenbahnverkehrs konnte man die in bunter Abwechslung einander folgenden Grenzen buchstäblich im Fluge, hier und da innerhalb weniger Minuten, überschreiten, konnte man in einer Stunde ohne Mühe ½ Dutzend Bundesstaaten durcheilen. Nun wird einer der letzten Reste deutschen Mittelalters verschwinden, und das alte Land Thüringen wird sich, wenn auch ohne die preußischen Gebietsteile und ohne Coburg, das sich an Bayern anschließt, wieder aus der Vergangenheit erheben, aufs neue geeint durch sein Volk, nachdem seit länger als einem halben Jahrtausend seine Fürsten es durch Erbteilung und Besitzhader zersplittert hatten.

Quelle:

Volkszeitung für Sachsen-Weimar-Eisenach vom 3.5.1920

 

Bild:

https://de.wikipedia.org/wiki/Thüringische_Staaten#/media/Datei:Thueringen_1910.svg