100 Jahre Thüringen
Staatskanzlei Thüringen Weimarer Republik e.V. Forschungsstelle Weimarer Republik an der Uni-Jena

Vermischtes

Nach dem Wochenende findet sich in den Zeitungen allerlei Vermischtes, in diesem Fall auch die Aufdeckung von Skandalen: Neben der Kritik an der Besetzung politischer Positionen im Kleinen und Großen findet sich auch die Reichsgetreidestelle in den Ausführungen des Jenaer Volksblattes wieder.

Siegel der Reichsgetreidestelle

Freie Bahn dem – Organisierten.

In dem Berliner Organ der Unabhängigen Sozialdemokraten, in der Pfingstnummer der „Freiheit“, wird in einem Inserat für eine Kleinstadt im Harz von etwa 8000 Einwohnern ein Bürgermeister gesucht. Als Bedingung wird nicht etwa persönliche Tüchtigkeit gefordert, sondern da heißt es wörtlich nur:

„Bedingung ist, 5 Jahre politisch organisiert.“

Dies eigenartige Inserat ist eine treffende Illustration zu der Erklärung des früheren sozialdemokratischen Reichstagsabgeordneten Professor Lensch in der Pfingstnummer des roten „Tag“:

„Wenn schon früher die Besetzung der wichtigsten Posten im Staate bekanntlich nicht nach Tüchtigkeit und Verdienst geregelt wurde, sondern nach […], Korpsburschenverbindungen und Servilität, so daß Herr von Bethmann den Grundsatz: „Freie Bahn dem Tüchtigen!“ als ein ganz neues, beinahe revolutionäres Prinzip im Kriege proklamieren konnte, so ist in dieser Hinsicht sehr vieles nicht gerade besser geworden. Nur ist als Abzeichen der Zunft nicht mehr das feudale Korpsband, sondern das proletarische Mitgliedsbuch von Partei oder Gewerkschaft maßgebend geworden.“

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Brotverteuerung und Reichsgetreidestelle.

Blätter verschiedener Richtung bringen in letzter Zeit Angriffe gegen die Reichsgetreidestelle, der Überschußwirtschaft mit ganz ungeheuren Beträgen vorgeworfen wird. Tatsächlich macht die Reichsgetreidestelle seine Überschüsse, muß aber ein Defizit von mehreren Milliarden decken, das aus der Einfuhr ausländischen Getreides stammt, welche ungeheure Reichszuschüsse erforderlich gemacht hat und noch erfordert. Vom 1. April bis 15. August sind für Verbilligungsaktionen 3 Milliarden Mark, in der Hauptsache für Brotgetreide, zur Verfügung gestellt. Die Schuld an der Brotverteuerung trifft die Verwendung ausländischen Mehles, welches sich leider angesichts der Verhältnisse umgehen läßt; die reinen Verwaltungskosten der Reichsgetreidestelle betragen etwa 8 Pfennig für das Brot von 1900 Gramm.

Quelle:

Jenaer Volksblatt vom 31.05.20

In: https://zs.thulb.uni-je-na.de/rsc/viewer/jportal_derivate_00273597/JVB_19200531_125_167758667_B1_002.tif?logicalDiv=jportal_jpvolume_00371018

 

Bild:

https://de.wikipedia.org/wiki/Reichsgetreidestelle#/media/Datei:Siegelmarke_Reichsgetreidestelle_-_Gesch%C3%A4ftsabteilung_W0205271.jpg