100 Jahre Thüringen
Staatskanzlei Thüringen Weimarer Republik e.V. Forschungsstelle Weimarer Republik an der Uni-Jena

Vlad der Frauenfreund

Die linkssozialistische Neue Zeitung möchte den Kommunismus als vermeintlich befreiende Lebensweise propagieren und bringt zu diesem Zweck einen kurzen Text Lenins. Dieser ruft alle Kommunisten dazu auf die Erwerbstätigkeit von Frauen durch entsprechende soziale Einrichtungen zu fördern. Als Kehrseite dieser Politik soll das Modell einer ‚kleinbürgerlichen Familie‘ ausgemerzt werden.

Vladimir I. Lenin

Die Frau und der Sozialismus.

Von V. Lenin *)

*) Aus der neuesten Schrift Lenins „Die große Initiative“, Unionverlag, Bern 1920.

 

Die Frau ist trotz der befreienden Gesetze nach wie vor eine Haussklavin geblieben, sie wird von der Kleinarbeit der Hauswirtschaft erdrückt, erdrosselt, abgestumpft von der Hausarbeit, die sie an die Küche und an das Kinderzimmer kettet und ihre Kraft durch grotesk unproduktive, kleinliche, nervös machende, dummende und bedrückende Arbeit ausbeutet. Die wirkliche Emanzipation der Frau, der wirkliche Kommunismus beginnt erst dort, wo der vom Proletariat am Staatsruder geleistete Kampf der Massen gegen diesen Haushalt im kleinen einsetzt, oder richtiger, wo dessen Massenumwandlung in die sozialistische Großwirtschaft beginnt.

Befassen wir uns in der Praxis genügend mit dieser Frage, die theoretisch jedem Kommunisten einleuchtet? Mit nichten! Behandeln wir mit genügender Sorgfalt die Keime des Kommunismus, die bereits auf diesem Gebiete wahrzunehmen sind? Noch einmal, nein, und wieder nein! Volksrestaurants, Krippen, Kindergärten – das sind Beispiele dieser Keime, die einfachen, alltäglichen Mittel, ohne pompöse, schwülstige feierliche Voraussetzungen, sind Mittel, die in der Tat imstande sind, das Weib zu emanzipieren, ihre Ungleichheit mit dem Manne zu verringern, und aufzuheben, entsprechend der Rolle, die die Frau in der Produktion und im öffentlichen Leben spielt. Diese Mittel sind nicht neu, sie sind – wie überhaupt alle materiellen Voraussetzungen, des Sozialismus – vom Großkapitalismus geschaffen worden. Aber im kapitalistischen Staate waren sie erstens eine Seltenheit, und bleiben außerdem – was besonders zu beachten ist – entweder Geschäftsunternehmen mit all den üblen Seiten der Spekulation, Profithascherei, Betrug, Fälschung, oder „Affensprünge der bürgerlichen Philanthropie“, die mit Recht von den besseren Arbeitern gehaßt und verachtet wurden.

Es unterliegt keinem Zweifel, daß wir bedeutend mehr derartige Institutionen haben als früher, und daß sie im Begriffe sind, ihren Charakter zu verändern. Entschieden weisen die Arbeiterinnen und Bäuerinnen bedeutend mehr organisierte Talente auf als wir wissen, Persönlichkeiten, die die Fähigkeit besitzen, praktisch eine Sache durchzuführen, die für eine große Anzahl Arbeiter und eine noch größere Anzahl Konsumenten von Wichtigkeit ist, und das ohne jeden Aufwand von Redensarten, ohne das Getue, Gezänk und Geschwätz über Pläne, Systeme usw., diese ewige Krankheit der so eingebildeten Intellektuellen und der neugebackenen Kommunisten. Doch wir pflegen leider diese Keime lange nicht genug.

Schaut auf die Bourgeoisie. Wie großartig versteht sie, die Trommel für das zu rühren, was sie braucht! Wie werden von ihr die in den Augen der Kapitalisten „mustergültigen“ Unternehmen in Millionen von Exemplaren ihrer Zeitungen gepriesen. Wie wird aus den „Marteranstalten“ der Bourgeoisie ein Gegenstand nationalen Stolzes gemacht. Unsere Presse kümmert sich nicht, oder kümmert sich nur sehr wenig darum, wie die besten Volksrestaurants oder Krippen eingerichtet sind, sie sorgt nicht dafür, daß durch tägliche Hinweise die Einrichtungen mustergültig werden, sie macht keine Reklame für sie, setzt nicht ausführlich auseinander, welche Bequemlichkeit den Konsumenten aus ihnen erwächst, welche Produktionsersparnis, welche Entlastung der Frau, welche sanitäre Verbesserung sich aus der mustergültigen kommunistischen Arbeit ergibt, sich ergeben kann, sich auf die ganze Gesellschaft, auf alle Werktätigen erstrecken könnte.

Musterproduktion, Mustersamstage, eine mustergültige Sorgfalt und Gewissenhaftigkeit bei der Gewinnung und Verteilung jedes Zentners Brot, Musterrestaurants, die mustergültige Sauberkeit dieses oder jenes Arbeiterhauses, dieses oder jenes Viertels, alles das muß zehnmal soviel wie heute der Gegenstand der Beachtung und der Beschäftigung sowohl für unsere Presse, wie auch für jede Arbeiter- und Bauernorganisation sein. Alle solche Einrichtungen bedeuten Schößlinge des Kommunismus, und die Pflege dieser Schößlinge gehört zu unserer vornehmsten und ersten Aufgabe.

Quelle:

Neue Zeitung. Unabhängiges Sozialistisches Organ vom 16.5.1920

 

Bild:

https://de.wikipedia.org/wiki/Wladimir_Iljitsch_Lenin#/media/Datei:Bundesarchiv_Bild_183-71043-0003,_Wladimir_Iljitsch_Lenin.jpg