100 Jahre Thüringen
Staatskanzlei Thüringen Weimarer Republik e.V. Forschungsstelle Weimarer Republik an der Uni-Jena

Wählen gehen gegen links

Die rechtsnationale Jenaische Zeitung befürchtet einen Zusammenbruch des Wirtschaftssystems unter der aktuellen Regierung und ruft daher flammend zum Wählen auf, wenn auch mit einem recht bedenklichen geprägten Bild von bestimmten Teilen der Bevölkerung.

Wahlwerbung der DNVP von 1932

Wahlrecht und Wahlpflicht

Was unserem schwergeprüften Lande vor allem nottut, ist der Wiederaufbau unseres Wirtschaftslebens. Dazu gehören Ruhe und Ordnung, vermehrte Arbeit, erhöhte Sparsamkeit und Gesundung unserer Finanzen. Vorläufig bewegt sich unser Wirtschaftsleben noch abwärts. Der Staat macht immer neue Schulden ohne Aussicht auf Deckung (Post und Eisenbahn allein rechnen mit einem Fehlbetrag von 15 Milliarden in diesem Jahre). Die Löhne und die Warenpreise treiben sich fortgesetzt gegenseitig in die Höhe – bekanntlich mit dem Erfolge, daß die Lohnerhöhungen immer hinter den Preiserhöhungen zurückbleiben, mit anderen Worten: die Arbeitnehmer aller Art (Handarbeiter, geistige Arbeiter) kommen, je länger die Steigerung der Warenpreise anhält, immer mehr ins Hintertreffen. Die Rentner (Pensionäre usw.) werden allmählich ganz verarmen. Auf der anderen Seite werden zahlreiche Unternehmen bessere Gewinne als je ab, und eine neue Art von Reichtum entsteht, der Reichtum der „Schieber“, die jetzt bei den tollen Preissteigerungen und Schleichhandelsmöglichkeiten sicheren und mühelosen Gewinn einheimsen. Es ist ein eigenartiges Schauspiel, daß gerade unter der sozialdemokratischen Regierung die Arbeitnehmer trotz fortgesetzter Lohnerhöhungen wegen der noch mehr steigenden Warenpreie immer schlechter fahren, und daß auf der Seite der „Schieber“ das Geld so mühelos wie noch nie verdient wird. Immer mehr sinkt unsere Wirtschaft, und mit Schrecken denkt man an den unvermeidlichen Zusammenbruch.
Wir müssen uns aufraffen zur Abwehr der Katastrophe.

Was und nottut, ist eine zielbewusste Führung, um den Einfluss des Staates auf unser Wirtschaftsleben wieder zur Geltung zu bringen, die Lohn und Preisbewegung sachgemäß zu beeinflussen und die Bahn frei zu machen für den planmäßigen Wiederaufbau. Dazu brauchen wir eine fachverständige Regierung, die solche Probleme erkennen und lösen kann. Jeder Deutsche hat durch sein Wahlrecht Einfluss darauf, daß wir solche Regierung bekommen. Das ist der bedeutsame Sinn des Wahlrechts, daß jeder die Zusammensetzung der Regierung beeinflussen kann. Denn sie gruppiert sich aus der Volksvertretung und jeder Wähler hat es in der Hand, da hinein solche Männer zu wählen, die die schwierigen volkswirtschaftlichen Fragen richtig beurteilen können; Männer die nicht bloß Schlagworte aus Parteiprogrammen herbeten und auf die anderen politischen Parteien schimpfen, sondern die durch eigene Wirksamkeit im praktischen Wirtschaftsleben bewiesen haben, daß sie Erfahrung und Urteil in wirtschaftlichen Fragen besitzen.

Wer sein Wahlrecht nicht ausübt, hat für 4 Jahre seinen Einfluss auf die Zusammensetzung von Volksvertretung und Regierung aufgegeben. Viele laue Wähler und Wählerinnen meinen, es sei nicht viel daran gelegen. Sie mögen erwägen, daß gerade die weniger urteilsfähigen Massen der Industriearbeiter fast vollzählig wählen, weil sie straff organisiert sind, und das es daher für die Kreise des Mittelstandes und der Intelligenz mit ihrem selbstständigeren, reiferen Urteil erst recht Pflicht ist, bei der Wahl das bessere Urteil zur Geltung zu bringen. Was auf dem Spiele steht, ist zweifelsfrei: es ist der Wiederaufbau unseres Wirtschaftslebens, die Wiederaufrichtung eines deutschen Rechtsstaates. Eine sozialdemokratische Regierung würde – wie bisher – nur umstürzen, aber nicht wiederaufzubauen imstande sein. Sie würde in kürzester Zeit abgelöst werden von der Willkür der äußeren Linken, der todbringenden Rätediktatur!

Quelle:

Jenaische Zeitung vom 28.05.1920

In: https://zs.thulb.uni-jena.de/rsc/viewer/jportal_derivate_00277666/JZ_Jenaische_Zeitung_169419428_1920_05_0136.tif?logicalDiv=jportal_jpvolume_00376238

 

Bild:

https://de.wikipedia.org/wiki/Deutschnationale_Volkspartei#/media/Datei:Bundesarchiv_Bild_183-2006-0329-503,_Berlin,_zur_Reichstagswahl,_Werbefahrt_der_DNVP.jpg