100 Jahre Thüringen
Staatskanzlei Thüringen Weimarer Republik e.V. Forschungsstelle Weimarer Republik an der Uni-Jena

Weimarer Oberbürgermeister feiert seinen Abschied

In den Wirren des Kapp-Putsches war die Bürgermeisterwahl in der neuen Landeshauptstadt Thüringens fast untergegangen. Nun steht ein Nachfolger fest, Walther F. Müller, und Martin Donndorf kann aus dem Amt scheiden. Während seiner kaum 10 Jahre währenden Amtszeit hat sich Weimar rasant entwickelt. Die städtischen Finanzen machten einen Quantensprung und insgesamt wurde die Tätigkeit der Stadtverwaltung grundsätzlich ausgeweitet.

Das Weimarer Rathaus (um 1850)

Der Abschied des Oberbürgermeisters Dr. Donndorf aus seinem Amte.

Weimar, den 14. Mai 1920.

In mehrtägiger Arbeit wird zurzeit im Bernhardsaale des Rathauses der neue Voranschlag der Stadt Weimar beraten. Die hierzu notwendigen Gemeinderatssitzungen dehnen sich aus, sie haben bereits am Dienstag und Mittwoch stundenlang angehalten und werden am heutigen Freitag fortgesetzt.

Der Mittwoch aber war gleichzeitig der Abschiedstag des Herrn Oberbürgermeister Dr. Donndorf, der damit zum letzten Male an einer ordentlichen Gemeinderatssitzung teilnahm. Schlicht und einfach, wie es dem Wesen unseres bisherigen Oberbürgermeisters entspricht, war die Abschiedsfeier, die aber trotzdem bei allen Beteiligten eine tiefgehende Wirkung hinterließ. Ein schlichtes, bescheidenes Blumensträußchen wurde dem Scheidenden auf den Platz gestellt, aber gerade dieses einfache Zeichen der Verehrung machte einen rührenden Eindruck und es sagte mehr, als es vielleicht ein reiches Abschiedsgeschenk getan hätte.

Gemeinderatsvorsitzender Staatsrat Polz hielt, oft von Ergriffenheit übermannt, folgende Abschiedsrede:
„Verehrter Herr Oberbürgermeister! Nun ist die Stunde gekommen, in der es gilt, Abschied zu nehmen von Ihrem Amt. Zum letzten Male tagten Sie mit uns zum Wohle Ihrer lieben Vaterstadt Weimar. Ueber zwei Jahrzehnte haben Sie Ihre ganze Kraft in den Dienst unserer Stadt gestellt. Als Zweiter Bürgermeister 1908 berufen, waren Sie stets darin bestrebt, Ihr Bestes zu geben. Als dann Ihr Mitarbeiter, Oberbürgermeister Pabst, wegen hohen Alters von seinem Posten im Jahre 1911 zurücktrat, da berief Sie das Vertrauen der Bürgerschaft auf den Führerposten der Hauptstadt Weimar. Uebernahmen Sie 1908 und 1911 eine wohlgeordnete Stadtverwaltung, so mußten Sie jedoch bald erfahren, daß der ungeheure Weltkrieg alles auf den Kopf stellte. Die Jahre 1914 bis 1920 zehrten unabwendbar an Ihrer Körper- und Geisteskraft. Die Riesenarbeit, die Sie während dieser sechs Jahre geleistet haben, ist schier unermeßlich groß. Nur der, der fortgesetzt mit Ihnen zu arbeiten und Einblick in den durch tausenderlei Gesetze umgestellten Kommunalbetrieb hatte weiß, was Sie alles geleistet haben. Freilich verstanden auch Sie nicht die Kunst, es allen recht zu machen; das ist bekanntlich eine Kunst, die niemand kann, am allerwenigsten ein Oberbürgermeister. Sie bemühten sich aber nach bestem Gewissen und Wissen. Ihre Pflicht zu tun – trotz Ueberarbeitung, trotz Anfeindung. Wer einmal die Kommunalgeschichte Weimars während des Weltkrieges und der Revolution schreibt, kann gar nicht anders, er muß der hervorragenden Tätigkeit Dr. Donndorfs gedenken. Daß eine solche aufreibende Arbeit auch des stärksten Mannes Kraft aufzehrt, ist eine lapidare Wahrheit. So sind Sie eigentlich mit Ihren 55 Jahren auch ein Opfer der Kriegs- und Revolutionszeit geworden.

Ihre Tätigkeit war aber auch schon vor Ausbruch des Krieges eine ersprießliche. Eine weitblickende Bodenpolitik mehrte und besserte den städtischen Grundbesitz ungemein, eine gerechte Wertzuwachs- und Besitzveränderungssteuer sind Ihr Werk. Der Wer des liegenden Grundbesitzes stieg unter Ihrer Verwaltung auf 5.952.700 M. im Jahre 1919, der Gebäudewert im gleichen Zeitraum im gleichen Zeitraum auf 3.038.700 M. Die Fläche des liegenden Grundbesitzes beträgt zurzeit 430 Hektar, die Fläche des bebauten Grundbesitzes 916 Hektar. Das Ergebnis der Einkommensteuer betrug bei Ihrem Amtsantritt 320.923,50 M., 1920 aber 3 ¾ Millionen. Die Wertzuwachssteuer stieg von 11.000 M. auf 160.000 M., die Besitzveränderungsabgabe von 36.000 M. auf 155.000 M. Der Etat schloß 1908 in Einnahme und Ausgabe mit 595.000 M. ab. 1920 voraussichtlich mit der Riesensumme von 5 ½ Millionen und einem Fehlbeitrag von 1 ½ bis 2 Millionen. 1920 standen unter des Oberbürgermeisters Aufsicht 290 Beamte und Angestellte gegen ungefähr 65 im Jahre 1908. Die Zahlen reden Bände! Der Volks- und Fortbildungsschulunterricht wurde ausgestattet, das Sophienstift in den Besitz der Stadt übergeführt. Auch hier drückt sich die Steigerung der Arbeit in folgenden Zahlen aus: 1898 wies der Bürgerschuletat in Einnahme und Ausgabe die Summe von 135.988,47 M. auf; heute beträgt sie 301.035,84 M. 1890 zählten wir an den Bürgerschulen insgesamt 97 Lehrkräfte. Die sogenannte Stiftungssparkasse wurde unter Dr. Donndorfs Leitung in städtischen Besitz überführt. Manche segensreiche Wohltätigkeitsstiftungen verdanken wir seiner Anregung, seiner engen Fühlung mit gemeinsinnigen Bürgern.

Aber nicht nur im praktischen Verwaltungsdienst waren Sie, Herr Oberbürgermeister, für Weimar unermüdlich tätig, nein, Sie haben unsere Stadt auch nach außen hin allezeit würdig vertreten. Als tüchtiger Jurist mit tiefgründigem Wissen und Können standen Sie als Vorstandsmitglied an der Spitze des Thüringer Städtetages; als feinsinniger Künstler förderten Sie unsere Kulturinstitute, nahmen regelmäßig an den für alle Kulturwelt in unseren Mauern tagenden bedeutungsvollen Versammlungen der Goethe- und Shakespeare-Gesellschaft teil. Wo es galt die Traditionen Weimars zu wahren, da fanden Sie immer das passende Wort. Als Gelegenheitsredner haben Sie uns oft mit Ihrem goldigen Humor entzückt. Als Mitfühlender ist Ihnen kein Ereignis in unserer Stadt entgangen; das Wohl Ihrer Vaterstadt Weimar ging Ihnen über alles.

So stehen Sie, Herr Oberbürgermeister, und wir mit Ihnen an einem Markstein. Wenn ich Ihnen heute namens des Gemeinderates und der Bürgerschaft ein Lebewohl zurufe, so spreche ich gleichzeitig den aufrichtigen Wunsch und die Hoffnung aus, daß Sie sich zunächst einmal gründlich erholen und Ihre Gesundheit wieder zu erlangen versuchen. Mögen Sie dann noch viele Jahre unter uns wandeln, wissen wir doch, daß Ihre nimmerermüdende Kraft auch fürderhin auf mancherlei Gebieten dem Gemeinwohl noch dienen wird. Der Dank Ihrer lieben Vaterstadt begleitet Sie auf Ihrem ferneren Lebenswege!“

[…]

Quelle:

Weimarische Landes-Zeitung vom 14.5.1920

 

Bild:

https://de.wikipedia.org/wiki/Rathaus_Weimar#/media/Datei:Weimar-1850-Rathaus.jpg