100 Jahre Thüringen
Staatskanzlei Thüringen Weimarer Republik e.V. Forschungsstelle Weimarer Republik an der Uni-Jena

Wie soll ich meine Kinder ohne Prügel erziehen?

Gewalt gegen Kinder ist vor 100 Jahren allgemein verbreitet und mithin eine gesellschaftlich akzeptierte „Erziehungsmethode“. Dagegen regte sich jedoch bereits damals Protest. Diese Erziehungstipps aus einem Ratgeber des sozialistischen Politikers Julian Borchardt wären inhaltlich auch auf dem heutigen Buchmarkt an die Elternschaft zu bringen: keine unnützen oder willkürlichen Verbote, kindliche Emotionen ernst nehmen, Konstanz des eigenen Verhaltens und Kinder mit Argumenten aufklären, anstatt sie mit Furcht oder gar Gewalt zu disziplinieren. Berücksichtige man dies käme eine positive Eltern-Kind-Beziehung quasi von alleine. Borchardt sieht selbst, dass er mit diesen Tipps seiner Zeit voraus ist, aber behält die Hoffnung, dass selbst eine gewalttätige Erziehung nicht die angeborene kindliche Kreativität abtöten könne.

Julian Borchardt mit seiner Frau

Gehorsam ohne Prügel*).

Um die Anwendung der hier aufgestellten Grundsätze zu veranschaulichen, wird es nützlich sein, auf ein paar Einzelheiten einzugehen, die gewiß schon manchem eingefallen sind, und sicherlich jedem aufstoßen werden, der die neue Erziehung praktisch anwenden will.

Wenn des Kindes Fähigkeiten und darunter auch sein Wille frei wachsen sollen, wie steht es dann mit dem Gehorsam? – Jedes Kind muß gehorchen. Aber jedes Kind gehorcht auch, ob sich der Erzieher das Vertrauen des Kindes erworben hat. Ohne Vertrauen kann niemand erziehen. Vertrauen bedeutet die unerschütterliche Zuversicht des Kindes, daß der Erzieher es gut mit ihm meint. Dieses Vertrauen erwirbt jeder, dem es ernst darum zu tun ist. Allerdings nicht durch Worte. Man mag dem Kinde noch so schöne Reden haten, wie gut man es mit ihm meine und daß alles nur zu seinem Besten geschehe – damit erwirbt man sein Vertrauen nicht. Sondern nur durch die Tat. Wie aber muß die Tat beschaffen sein? Jeder kann sie vollbringen. Es gehört dazu weiter nichts, als daß man des Kindes Vertrauen wirklich verdient. Man muß nur wirklich und gar von dem Willen durchdrungen sein, des Kindes Bestes zu fördern, ohne jede Nebenabsicht, besonders ohne Rücksicht auf die eigene Bequemlichkeit. Man muß stets dessen eingedenk sein, daß die Kinder nicht der Eltern wegen, sondern die Eltern der Kinder wegen da sind. Von diesem Bewußtsein durchdrungen, muß man sich ungekünstelt so benehmen, wie es das eigene Gefühl eingibt. Mit einem Wort: Man muß die rechte Liebe zum Kinde haben, dann hat man sein Vertrauen. Denn des Kindes Empfinden ist in solchen Dingen außerordentlich sein; es merkt sehr schnell und sehr richtig – wenn es sich auch keine klaren Gedanken darüber machen kann –, wer es gut mit ihm meint, und dem öffnet es sein Herz ganz und gar, ihm schließt es sich mit Innigkeit an. Dann aber findet er ohne weiteres den Gehorsam, den er zur Erziehung braucht.

Wer aber diese rechte Liebe zum Kinde hat, den wird sein eigenes Gefühl treiben, sich fortdauernd darüber zu unterrichten, was er zu des Kindes Bestem tun muß. Und so wird er finden, daß das Vertrauen in folgender Weise zur Stärkung des Gehorsam benutzt werden kann: wo es irgend angeht, wird er für jedes Gebot und Verbot dem Kinde die Gründe sagen, so daß es selber einsieht, daß der Befehl zu seinem eigenen Besten gegeben ist, oder wenigstens, daß er nötig war. In allen Fällen geht das natürlich nicht. Aber wenn man es, so oft es ging, getan hat, so kann man in anderen Fällen getrost sagen: Hier mußt Du mir schon folgen, ohne zu verstehen, denn die Gründe faßt Dein Verstand noch nicht. Und auf diese Weise kommt man allmählich (was übrigens gar nicht lange dauert) zum unbedingten Gehorsam auf ein Wort, ja auf einen Blick, der allerdings nötig ist, weil ja zu solchen Erörterungen nicht immer Zeit und Gelegenheit ist. Das ist ein Verfahren, das stets Erfolg hat. Man muß nur den falschen Hochmut ablegen, als sei man zu erhaben, mit Kindern zu disputieren.

Noch wichtiger aber zur Erhaltung des Gehorsams ist die Vermeidung unnützer Verbote. Es liegt das ja schon in dem eben Gesagten. Man muß eben nur solche Befehle erteilen, die wirklich zum Besten des Kindes nötig sind. Und die Begründung, die man dem Kinde gibt, ist ein gutes Mittel zur Selbsterziehung. Wenn man nämlich dem Kinde die Gründe angeben soll, so muß man sie sich selbst jedesmal klarmachen und wird dann einsehen, daß eine Menge Verbote ganz überflüssig sind. Darin wird gegenwärtig kolossal gesündigt. Unzählig sind die Verbote, die nur aus Laune und Bequemlichkeit erteilt werden. Da soll das Kind still sitzen; jetzt soll es nicht aus dem Zimmer hinaus-, dann wieder nicht ins Zimmer hineingehen; bald soll es mit diesem Spielzeug nicht spielen, bald mit jenem nicht; jetzt soll es nicht singen, dann nicht sprechen, und so jagen sich den Tag über hundert Verbote, die, wenn man es genau überdenkt, keine andere Ursache haben als die Bequemlichkeit der Eltern, aber nicht die mindeste Rücksicht nehmen auf des Kindes Betätigungsdrang.

Viele dieser verkehrten Verbote mögen freilich noch einen anderen Grund haben. Sie wurzeln in der alten Erziehungsweise und bezwecken, dem Kinde Entsagung anzugewöhnen. Wie oft wird dem Kinde nicht eine Bitte abgeschlagen, ein Wunsch versagt, ein Spiel verboten usw., nur mit der Begründung, daß es nicht an allem Teil zu haben brauche! Viele Eltern meinen ja besonders klug zu handeln, wenn sie das Kind recht früh daran gewöhnen, daß man nicht immer alles haben kann, was man wünscht. Sie vergessen, daß jedes Kind ohnedies genug Wünsche hat, die man ihm nicht erfüllen kann, so daß Gelegenheit genug vorhanden ist, mit guter Begründung gar manchen Wunsch abzuschlagen. Und sie wissen nicht, daß sie mit ihrer Methode es nur dahin bringen, daß das Kind nie lernt, seine Wünsche mit seinen Kräften und umgekehrt in Uebereinstimmung zu setzen. – Ein dritter sehr häufiger Grund falscher Verbote ist die Unwissenheit der Eltern. Sie wissen nicht, was dem Kinde zuträglich ist. Es gibt Eltern, die schon das Schreien des Säuglings, wenn es ihnen unbequem wird, durch Zwang (manchmal sogar durch Schläge!) zu unterdrücken suchen. Sie wissen nicht, daß Schreien bis zu einem gewissen Maße für die Gesundheit des Säuglings nötig ist, und daß ein gesunder, satter und sauber gehaltener Säugling nicht mehr schreit, als ihm zuträglich ist. Finden also die Eltern, daß das Kind zu viel schreit, trotzdem es sauber und satt ist, so muß sein Gesundheitszustand untersucht, aber nicht Zwang angewendet werden.* – Arg gesündigt wird auch, indem man Kinder zwingt zu essen, was sie nicht mögen. Allmählich fängt man ja an einzusehen, daß im allgemeinen dem Kinde das am besten bekommt, was ihm schmeckt. Freilich, nachdem einmal durch verkehrten Zwang ein Kind eigensinnig und ungehorsam gemacht worden ist, wird es oft schwer zu unterscheiden sein, ob Eigensinn oder wirklicher Widerwille vorliegt. Als Unart wird es auch häufig angesehen, daß ein Kind selten lange bei einer Beschäftigung verweilen mag, sondern bald nach Abwechslung verlangt. Das ist keine Unart, sondern die kindlichen Nerven sind noch nicht imstande, die Aufmerksamkeit lange und anhaltend auf einen Gegenstand zu richten. Es tritt natürliche Ermüdung ein und mit ihr das Verlangen nach Abwechslung. Mit Verboten ist dagegen nichts zu machen.

Die unnützen Verbote sind die eigentliche Quelle des Ungehorsams. Ein Kind wird nie verstehen, warum es zum Beispiel gerade jetzt mit seinen Kameraden nicht spielen soll, obgleich es Lust dazu hat, wenn man ihm als einzigen Grund angibt: Du brauchst nicht immer Deinen Willen zu haben. Es wird nie verstehen, warum es eine ihm widerwärtige Speise durchaus essen soll, nur weil es eben befohlen wird. Alles, was es aus solchen Befehlen entnimmt, ist, daß man es nicht gut mit ihm meint, daß man es quält. Sein Vertrauen zum Erzieher geht dabei in die Brüche, und wenn sein eigener Wille noch nicht ganz und gar zerdrückt ist – was denn doch glücklicherweise der raffiniertesten „Erziehung“ nicht oft gelingt – dann wird es einfach darauf sinnen, solche unsinnigen Verbote zu umgehen, entweder durch Trotz oder durch List. Das Ergebnis ist Ungehorsam und Lüge.

Aus diesem Grunde ungehorsam sind vermutlich alle Kinder. Und es ist gut, daß sie es sind. Denn wenn die Kinder sich nicht mit gesundem Instinkt gegen die ewigen unnützen Verbote zur Wehr setzten, dann würde die grundverkehrte übliche Erziehungsweise schon längst alle Intelligenz und allen Willen vernichtet haben. Wenn die jetzige Generation trotz all der Malträtierungen, aus denen ihre „Erziehung“ bestand, doch noch zu brauchbaren Menschen geworden ist, so verdankt sie das wesentlich ihrem Trotz und ihrem Ungehorsam in der Jugend.

Andrerseits läßt sich der Ungehorsam ohne weiteres beseitigen, und zwar auf jeder Alterstufe und bei jedem Kinde. Das Mittel, das oben angegeben wurde, versagt nie. Es kann auch bei einem schon „verdorbenen“ Kinde jeden beliebigen Tag begonnen werden und wird stets Erfolg haben. Man weiß ja doch, wie oft es vorkommt, daß der eine Lehrer trotz aller Strenge, trotz Anwendung der brutalsten Mittel keinen Gehorsam erzwingen kann, während der andere bei denselben „wilden“ Kindern unmittelbar darauf nur in die Klasse zu treten braucht, um sogleich Achtung und vollen Gehorsam zu finden, ohne daß er auch nur zu strafen nötig hätte. Woher mag das kommen? Nun einfach daher, daß er seinen Unterricht anziehend, interessant macht und daß er die Kinder nicht mit unnützen Verboten quält. In beiden zeigt sich, daß er die rechte Liebe zu den Kindern hat, und das hat ihm ihr Vertrauen erworben. Die Eltern stehen aber den Kindern um so viel näher, ihnen ist es um so viel leichter, ihr Vertrauen zu gewinnen. Und wenn sie das bisher verpfuscht haben, was ja wohl meistens der Fall sein wird, so können sie an jedem beliebigen Tage die neue Methode anfangen, und sie werden sehen, welch schönen Erfolg sie damit erzielen. In jedem Falle von Ungehorsam muß sich der Erzieher fragen, nicht was die Kinder falsch gemacht haben, sondern was er selbst falsch gemacht hat. – Natürlich ist dann weiter notwendig, daß man diejenigen Befehle, die man im Interesse des Kindes als erforderlich erkannt hat, mit ruhiger Entschiedenheit durchführt. Zum Beispiel soll ein Kind etwa unter sieben Jahren keinen Kaffee oder Tee bekommen, selbstverständlich mit Angabe des Grundes, wenigstens sobald es ihn verstehen kann. Meist werden nun die Kinder gerade das Verbotene sehnsüchtig zu haben wünschen und werden versuchen, es zu erlangen. Teils mit List – sie werden naschen, was kein Unglück ist, denn viel können sie auf diese Art ja noch nicht bekommen und das schadet weniger, als wenn man daraus eine große Affäre macht –, teils durch Bitten, vielleicht gar Weinen. Dann darf man nicht nachgeben, sonst werden die Befehle nicht mehr Ernst genommen und mit dem Gehorsam ist es vorbei. Der Erzieher muß wissen, was er will, er darf nur Befehle erteilen, die er sich wohl überlegt hat, und davon darf er sich nicht abbringen lassen.

Wenn man nun bedenkt, daß die allermeisten Prügel wohl durch Ungehorsam herbeigeführt werden, so haben wir schon hier ein wichtiges Mittel, unsere Kinder ohne Prügel zu erziehen.

Es sei hierbei bemerkt, daß man mit den Nerven der Kinder vorsichtig umgehen muß, und zwar von frühester Jugend auf. Ein schlafendes Kind darf man unter keinen Umständen wecken, schon gar nicht im Säuglingsalter, aber auch später womöglich nicht. Soll das Kind morgens zur Schule gehen, so muß es am Abend vorher so zeitig zu Bett gebracht werden, daß es von selbst zur rechten Zeit aufwacht. Man soll Kinder niemals erschrecken, was leider recht häufig „Spaßes halber“ geschieht. Man soll ihnen keine Furcht einflößen, also keine schaurigen Geschichten vom „schwarzen Mann“ und dergleichen erzählen. All das stört ihre Nerven. Die Folge ist eine dauernd gereizte unbehagliche Stimmung, die sich in allerlei wirklichen Unarten, besonders auch in Ungehorsam, Luft macht. Da nützen denn auch keine Schläge, sondern in Zukunft all solche Störungen sorgfältig vermeiden!

* Wirklich übermäßiges Schreien kann aber auch gefährlich werden. Es kann dadurch z. B. ein Bruch entstehen. „Daher muß (so schreibt Preyer Seite 95) übertriebenes Schreien ohne Nachsicht durch Beseitigung der veranlassenden Umstände oder Herbeiführung starker Unlustgefühle unterbrochen werden. Die Benetzung des Gesichts mit kaltem Wasser und ähnlicher Ueberraschungen bringen Schreikinder oft plötzlich zum Schweigen.“

*) Aus der Broschüre „Wie sollen wir unsere Kinder ohne Prügel erziehen?“ von Julian Borchardt. Verlag Gesellschaft u. Erziehung, Berlin.

Quelle:

Neue Zeitung. Unabhängiges Sozialistisches Organ vom 31.5.1920

 

Bild:

https://de.wikipedia.org/wiki/Julian_Borchardt#/media/Datei:Julian_Borchardt_1912.jpg