100 Jahre Thüringen
Staatskanzlei Thüringen Weimarer Republik e.V. Forschungsstelle Weimarer Republik an der Uni-Jena

„Wir Deutsche fürchten Gott – und manchmal auch den Sozialismus“

Die Landesgründung tritt am Tag der Arbeit in Kraft. Doch ob sich der Volksrat mit diesem Datum einen Gefallen getan hat, ist fraglich. Die Arbeiterschaft feiert wie üblich ohne der Landesgründung zu gedenken, während das Bürgertum sich an diesem Tag Sorgen um den Vormarsch des Sozialismus macht.

Karikatur des Simplicissimus

Die Stunde des Bürgertums.

Wir Deutsche fürchten Gott – und manchmal auch den Sozialismus. Gerade in den vergangenen Wochen war uns der sozialistische Staat greifbar nahe gerückt: noch ein solcher Putsch – und wir wachen anderntags im Sowjet-Deutschland auf.

Es ist hier nicht der Ort, den Gehalt der sozialistischen Meinung an sittlichen, politischen und wirtschaftlichen Ideen einer Kritik zu unterziehen. Es genügt, als tatsächliches Ergebnis einer anderthalbjahrelangen stark sozialistischen Regierung festzustellen: Alle Ansätze zur praktischen Verwirklichung des sozialistischen Prinzips sind gescheitert an der Struktur unseres Wirtschaftslebens, an der natürlichen Eigenart des menschlichen Einzelcharakters. Die kapitalistische Wirtschaftsweise ist heute die einzig mögliche Form der Produktion, mit der die Existenz des ganzen Volkes bis in ihre letzten Fasern verknüpft ist, womit nicht den widerlichen Wucherungen des Kapitalismus das Wort geredet sein soll.

Die sozialistischen Führer sind sich über diesen natürlichen Zusammenhang durchaus im klaren. Ihrem Verantwortungsgefühl ist es auch in erster Linie zu danken, daß die Novemberräte des Jahres 1918 den legalen Volksvertretern weichen mußten, und vor allen Dingen, daß wir in dem ganzen langen Jahr des wirtschaftlichen Niederbruchs, den die militärische Niederlage restlos auslösen mußte, vor sozialisierenden Experimenten verschont geblieben sind. Ja, die Zeit sozialistischer Vorherrschaft hat uns so wenig aus dem Erfurter Programm gebracht, daß man schlechterdings von einem Fiasko der sozialistischen Theorie reden möchte.
Doch damit ist die sozialistische Gefahr nicht aus der Welt geschafft. Und zur bodenlosen Gefahr wird der Sozialismus, wenn die vernünftige Führerschaft in der radikalen Strömung ertrinkt, wenn die Scharfmacher die Massen hinter sich bringen, eine Entwicklung, die als Folge des Putsches deutlich zu erkennen ist. Wie das Häuflein der reaktionären Unentwegten nach Kapps Köpenickiade ausrief: Der Putsch ist tot – es lebe der nächste Putsch! so glüht auch in der Masse des Proletariats der Gedanke weiter: Die Nationalversammlung hat’s nicht gebracht – aber der Reichstag muß es bringen! Und mit der radikalen Phrase zieht man in den Wahlkampf und hämmert man den Glauben an das sozialistische Wunder in die Arbeiterbirne. Und nicht in diese allein.

Machen wir uns keine Illusionen: die sozialistische Lawine hängt über dem aufgrünenden Talboden. Eine nochmalige kappitale Dummheit wird sie entlockern.

Aber noch eine andere Möglichkeit ist vorhanden, die geeignet ist, die dumpfen Proletariergefühle aufzuwühlen und zu entschlossenem, alles niederbrechenden Tatwillen zu treiben: eine sozialistische Mehrheit im kommenden Reichstag.

[…]

Dazu kommt, daß gerade der Kapp-Generalstreik die Sozialisten an einen Tisch getrieben hat, daß die sozialistische Bewegung ein entschlossenes, drohendes Gesicht zeigt. Wie stark der Einigungsgedanke im Proletariat lebt, und wie heftig die radikale Strömung geworden ist, zeigt in aller Deutlichkeit die jüngste Konferenz der mehrheitssozialistischen Parteifunktionäre. Und daß die sozialistische Wahloffensive, die mit beispielloser Entschlossenheit und Opferwilligkeit einsetzt, keine Chancen sich entgehen lassen wird, ist unzweifelhaft.
Es ist ohne Frage: der Sozialismus steht vor der Tür.

Blind, wie alle, die dem Verderben geweiht sind, spielen die bürgerlichen Kreise mit Phantasmen. Da streiten sich die Leute herum, um Kaisertum und Bolschewismus, um Teuerung und Achtstundentag – dieweil der programmatische Sozialismus seinen Hebel ansetzt. Wie viele Millionen sind nicht in die Kassen der antibolschewistischen Liga, der antisemitischen Vereine, der Putschpolitiker geflossen – mit dem Resultat, daß die Stimmung der Masse weiter und weiter nach links rückte.

Bolschewismus und radikaler Sozialismus sind nur zu überwinden durch den versöhnlichen Gedanken der Demokratie. Darum weg mit blinder Hetze und kleinlichem Klassendünkel! Die Bürgerschaft war und ist der breite Träger unserer kulturellen und wirtschaftlichen Werte, die es heute zu schützen gilt. In der bürgerlichen Demokratie allein kann die Rettung liegen, wenn sie groß und stark genug ist, der sozialistischen Brandung widerstreben zu können. Und der Geist der Klassenversöhnung, der in ihr glüht, wird Macht gewinnen, um das Ererbte festzuhalten, um die zerrissene Nation wieder zusammenzuschweißen, um die Brücken zu schlagen im eignen Volk. Aber es ist hohe Zeit!

W.

Quelle:

Weimarische Landes-Zeitung vom 1.5.1920

 

Bild:

http://www.simplicissimus.info/uploads/tx_lombkswjournaldb/pdf/1/24/24_20.pdf