100 Jahre Thüringen
Staatskanzlei Thüringen Weimarer Republik e.V. Forschungsstelle Weimarer Republik an der Uni-Jena

Woher kommt der nächste Putsch?

Nachdem der Umsturzversuch von rechts niedergeschlagen wurde, macht sich die Weimarische Landes-Zeitung Sorgen vor dem Ablauf und dem Ausgang der Reichstagswahlen. Wenn die SPD als bisher stärkste Partei voraussichtlich stark verlieren wird, wer wird davon profitieren? Tatsächlich werden nicht nur die Sozialdemokraten, sondern alle gemäßigten Parteien stark verlieren und die links- wie rechtsradikale Opposition dementsprechende Zugewinne machen.

Aufrufe zum Umsturz - Märzäufstand 1921

Die neue linksradikale Umsturzverschwörung.

Der Linksradikalismus macht kein Hehl daraus, daß er um die Zeit der Reichstagswahl herum einen neuen Umsturz plant. Der Plan geht dahin, nicht die Reichstagswahlen zu sabotieren, sondern zunächst den Ausfall der Wahl abzuwarten. Bringt diese Wahl eine starke linksradikale Verstärkung in den Reichstag, die durch eine Verstärkung der bürgerlichen Parteien bedroht erscheint, so soll der Zusammentritt des neuen Reichstages verhindert werden. Anscheinend stehen Teile der Mehrheitssozialisten diesem Plane nicht unfreundlich gegenüber, wenn die Wahlen eine Gefahr einer neuen bürgerlichen Koalition unter Einschluß der Deutschen Volkspartei bringen. Die Mehrheitssozialisten stellen täglich immer mehr fest, daß sie ihre Gefolgschaft nach links verlieren und daß große Teile ihres bürgerlichen Mitläufertums nach rechts abschwenken. Die regierende Sozialdemokratie kennt genau die Pläne der Linksradikalen und es scheint, daß sie für den Fall einer Wahlniederlage den Kampf gegen das Bürgertum unterstützen wird. Der Kampf gegen die U. S. P. D. wird sehr lau geführt und man hält sich Rückzugsstraßen in der S. P. D. offen. Die Regierung hat deshalb auch niemals einen energischen Kampf gegen die Waffenabgabe im Ruhrbezirk geführt und kennt heute genau die Waffenlager des Linksradikalismus. Bringen die Wahlen das Ergebnis, das man jetzt mitten im Wahlkampfe schon sich vorbereiten sieht, nämlich starke Rechtsparteien und ein Anschwellen der unabhängigen Welle, so bleibt nach den Absichten der linksradikalen Führer nur ein Ausweg, um die Ziele des Proletariats weiter zu erkämpfen und die Revolutionsziele zu verankern, nämlich ein neuer Bürgerkrieg gegen alle Anhänger der übrigen Parteien. Errichtung der Räterepublik und Abschaffung des neu gewählten Reichstages, der ihnen als größte Gefahr vor Augen steht, weil eine bürgerliche Mehrheit für sie Reaktion bedeutet. Der Plan ist diesmal so angelegt, daß Berlin zunächst unberührt bleibt. Ein Generalstreik ist selbstverständlich in Aussicht genommen. Obwohl angesagte Revolutionen niemals gefährlich waren, sollte man diesmal nicht zu sorglos sein. Es bleibt fraglich, ob das deutsche Volk sich von einem Teil der Wählerschaft in neuen Bruderkrieg stürzen lassen wird. Bemerkenswert ist allerdings, daß auch ein Teil des sogenannten „Friedensbundes der Kriegsteilnehmer“, der in Zukunft alle Kriege durch Vernichtung des Kapitals abschaffen will, betreffs des Bürgerkrieges einen anderen Standpunkt einnimmt, weil dieser Bürgerkrieg als ein Krieg der Ausgebeuteten gegen das Ausbeutertum betrachtet wird. Hoffentlich erkennt das Volk bald, wer jetzt in Deutschland das Ausbeutertum darstellt.

Quelle:

Weimarische Landes-Zeitung vom 18.5.1920

 

Bild:

https://de.wikipedia.org/wiki/Märzkämpfe_in_Mitteldeutschland#/media/Datei:Bundesarchiv_Bild_119-2303-0019,_Märzkämpfe,_Plakatwand.jpg