100 Jahre Thüringen
Staatskanzlei Thüringen Weimarer Republik e.V. Forschungsstelle Weimarer Republik an der Uni-Jena

1 Jahr Revolution - Feier oder Einkehr?

Der erste Jahrestag der Novemberrevolution ist beileibe nicht für Alle ein Grund zu feiern. Auch linksliberale Demokraten wie der hiesige Autor Otto Schreiber können dem Ereignis nur wenig Positives und dafür viel Negatives abgewinnen. Angesichts der anhaltenden politischen und wirtschaftlichen Verwerfungen mag dies nicht überraschen. Die Lehren, die Schreiber aus dem Jahrestag zieht, kreisen denn auch um die Idee des gesellschaftlichen Ausgleichs und eine scheinbar verlorene Harmonie.

Wahlfähnchen der DDP

Zum 9. November 1919

Von Dr. Otto Schreiber [Jurist und Reichsgeschäftsleiter der DDP, Anm.]

Jahrestag der Revolution! – Für das, was sich am 9. November und seitdem ereignet hat, ein etwas gewagtes Wort. Wir alle haben uns eine Revolution anders vorgestellt. Es war nicht eigentlich vulkanischer Ausbruch, der Bauten einwarf, sondern mehr herbstlicher Sturm, vor dem welke Blätter fielen. Aber noch sind wir nicht am Ende, vielmehr stehen wir mitten darin und wissen nicht, wie sich alles weiter gestalten wird.

Wir haben keinen Anlaß, diesen Tag festlich zu begehen. Es kann nicht verschwiegen werden, daß die Ereignisse des 9. November und was sich daran knüpfte, unserem Volk und Vaterland schweren Schaden getan haben. Insbesondere, daß unser im Krieg schon schwer genug mitgenommenes Wirtschaftsleben dadurch in jeder Beziehung weiter heruntergebracht und geschädigt ist. Auch daß die Achtung vor Recht und Gesetz, das erste Erfordernis demokratischer Freiheit, vom Kriege bereits unterhöhlt, neue schwere Stöße erlitt. Alles in allem: daß die Niederlage, mit welcher der Krieg für uns abschloß, durch die Revolution in Wesen und Folge vergrößert wurde.

Nein, zum Feiern haben wir an diesem Tage keinen Grund! Aber zur Einkehr, zum Rückblick und Ausblick. Wir hätten gewünscht, unser Staatsleben in organischer Entwicklung zu jenem Grade politischer Freiheit emportragen zu können, den es heute erreicht hat. Daß das nicht geschehen konnte, daß mit katastrophaler Schnelligkeit eines Tages erschien, was schon längst für das Dasein reif war, daß diese Katastrophe, die Gutes brachte, so viel Wertvolles mit sich fortriß, daß ist gewiß nicht die Schuld weltfremder, fanatischer Hetzer, sondern es ist die Schuld eines wirklichkeitsfremden, starrköpfigen Regierungssystems, dessen Vertreter es nicht verstanden, der jungen Kraft rechtzeitig ein breites Betätigungsfeld zu schaffen, durch vorausschauende Reformen dem Umsturz seinen Nährboden zu zerstören. Schlimm genug, daß wir diese im Laufe der Geschichte schon so oft mit blutiger Deutlichkeit erteilte Lehre von neuem empfangen mußten. Möge es das letzte mal sein! Dafür zu sorgen, ist Aufgabe freiheitlicher und demokratischer Politik.

Nun gilt es, das Gute, das dieses letzte Jahr brachte, die politische Freiheit und Gleichberechtigung aller Deutschen, aus der Verfassung in der sie niedergelegt ward, in die Wirklichkeit des täglichen Lebens zu überführen. Es gilt zugleich, die schädlichen Restbestände aus Krieg und Umsturz auszurotten. Die Zügellosigkeit, mit der viele einzelne nur sich und ihren Vorteil wollen, ohne das Gemeinwohl im Auge zu behalten, die stete Bereitschaft, Gesetz und Recht beiseite zu schieben, ja offen zu brechen, wo augenblicklicher Vorteil oder gar nur persönliches Gelüst den Anreiz dazu geben, das Uebermaß politischer Erregung und damit im Zusammenhang die Abneigung gegen stetige Werktagsarbeit – das alles muß mit fester Hand und nötigenfalls rücksichtslosem Durchgreifen in diejenigen Schranken verwiesen werden, die das Allgemeinwohl und das Wesen des Rechtsstaats fordern.

Nicht nörgelnde Abwendung von dem, was die Revolution heute als Tatsache vor uns stellt, kann uns helfen; nicht die unfruchtbare Opposition, wie sie die Rechtsparteien trieben und sogar bis zur Etatsverweigerung [d.i. Staatsfeindlichkeit, Anm.] übertreiben, weist uns den Weg in die Zukunft. Ebensowenig das einsichtslose Geschrei radikaler Gruppen, denen nichts schnell genug geht und die zu glauben scheinen, man könne das kalte Haus wärmen, indem man die Fensterscheiben einwirft. Sondern helfen kann und wird nur der Entschluß und die Tat treuer und zäher Arbeit auf dem Boden des Vorhandenen, mit dem Willen zum Aufbau, im Kampf gegen die Zersetzung.

Diesen Entschluß und diese Tat stärker zu machen als je, sei die Frucht des ersten Jahrestages seit dem 9. November 1918! Dann werden wir Zeiten heraufführen, in denen das deutsche Volk zu Begehung festlicher Jahrestage wieder das innere Recht hat.

Quelle:

Jenaer Volksblatt vom 9.11.1919

In: https://zs.thulb.uni-jena.de/rsc/viewer/jportal_derivate_00259186/JVB_19191109_263_167758667_B1_001.tif

 

Bild:

https://de.wikipedia.org/wiki/Deutsche_Demokratische_Partei#/media/Datei:DDP-Wahlkampf_1929.jpg