100 Jahre Thüringen
Staatskanzlei Thüringen Weimarer Republik e.V. Forschungsstelle Weimarer Republik an der Uni-Jena

Der Feind in meinem Bett

Anders als das Bürgertum feiert die Arbeiterklasse den 9. November aus Überzeugung. Die Revolutionsfeier der MSPD in Jena war (sofern man dem hymnischen Bericht glauben möchte) ein voller Erfolg. Dumm nur, dass die USPD nicht schläft und am selben Tag, am selben Ort, nur wenige Stunden nach der MSPD eine eigene Revolutionsfeier organisiert. Interessant ist wie das MSPD-Blatt den Redner der USPD-Versammlung als "November-Revolutionär" abwertet. Der Redner - Karl Emonts, der von der SPD, in die USPD, dann wieder in die SPD und schließlich in die KPD wechselte - ist in dieser Logik kein "echter" Revolutionär, sondern nur ein Mitläufer ohne tiefere politische Überzeugungen.

Das Gedenken an die Revolution trennt offensichtlich nicht nur Arbeiterklasse und Bürgertum, sondern auch Gemäßigte und Radikale innerhalb des Proletariats. 

9. November 1918 in Berlin

Revolutionsfeier in Jena

Dem Rufe der Sozialdemokratischen Partei folgend, wallten am Sonntag vormittag eine große Anzahl Parteigenossen nach dem Volkshaus. Saal und Galerien waren um 10 Uhr voll besetzt. Die „Volkszeitung“ sowie die Gedenkschrift werden eifrig gelesen. Zwischen den Gängen wandelt in seltener Unverfrorenheit ein USP.-Mann, erfolglos die „Neue Zeitung“ anbietend. Orgelklänge erfüllen den weiten Raum, bald leidenschaftlich wühlend, Sturm und Umsturz verkündend, bald sanft klingend auf die Erlösung der Menschheit und einen glücklichen Zustand hinweisend. Dann betrat Genosse Kietz das Podium. In fast einstündiger, formvollendeter Rede, von der einzelne Sätze sich mit erzenen Lettern in die Herzen der Zuhörer eingruben, schilderte er Werden, Ziele und Erfolge der Novemberrevolution. In klarer Erkenntnis der Geschehnisse beantwortete er die Frage: Was haben wir erreicht? „Politisch alles, wirtschaftlich weniger!“ lautete die Antwort. Bezugnehmend auf die Revolutionen von 1789 und 1848, wo das Bürgertum die Arbeiterschaft als Vorspann für das Zustandekommen seiner Ziele benutzte, schilderte Genosse Kietz die Umwälzung vom 9. November 1918 als die Revolution des deutschen Proletariats, das hier Geschichte vollzog. Aus dem Herzen jedes Anwesenden gesprochen war die kurze und klare Formulierung unseres Weges: „Wir gehen nach Bern, und nicht nach Moskau!“ Mit einem warmen Appell zur Treue und zum Festhalten an unseren Zielen, Beseitigung des Klassenstaates, Einführung wirtschaftlicher Gleichheit auf dem Wege demokratischer Durchführung des Sozialismus, schloß der Redner, von reichem Beifall belohnt, seine tief angelegten, eindrucksvollen Ausführungen. Wieder erbrausten Orgelklänge, Feierstimmung in den Herzen erzeugend, und nach dem letzten Ton verließen die Teilnehmer der ernst und würdig verlaufenen Gedenkfeier den großen Volkshaussaal. In der Rede des Genossen Kietz, die wir ausführlich veröffentlichen werden, war auch des Kampfes gedacht, den wir noch gegen die dunklen Mächte des alten Regiments und der Reaktion zu führen haben. Lebhaft wurden die heimkehrenden Teilnehmer an der Gedenkfeier auf der Straße daran erinnert. Weiße Zettel an den Häusern forderten in bekannter schmutziger Weise zu Judenpogromen auf. Große Plakate an den Anschlagsäulen, unterzeichnet „Deutschnationale Volkspartei“, beschimpften die Revolution als die Urheberin aller gegenwärtigen Misere und verlangen ein Volkskaisertum. Schmutz, Lüge und offene Reaktion, das sind die Waffen, mit denen der Rest des alten Staates auch heute noch seinen Kampf führt, und daß er es am Gedenktage der Revolution schamloser und unverhüllter denn je tat, muß der Arbeiterschaft immer und immer wieder vor Augen führen, wo ihr Hauptfeind zu suchen ist. Parteigenossen! Seid wachsam und setzt das Gelöbnis, das Ihr am Gedenktage der Revolution erneuert habt, in die Tat um. Ihr habt politische Freiheit, haltet sie fest und baut sie aus. Wenn Ihr an die Wahlurne tretet, denkt daran, daß es noch weiter zu kämpfen und auszubauen gilt, bis wir endlich das Ziel errungen haben, wohin der 9. November die erste und schwerste Etappe war.

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Die Revolutionsfeier der Unabhängigen

+ Die Unabhängigen hatten ihre Anhänger zu 12 Uhr zu einer Revolutionsfeier nach dem Volkshaus eingeladen und sich als besondere Zugkraft den ehemaligen Bankbeamten Karl Emonts als Redner verschrieben. Mit dieser Akquisition dürften aber die Geschulteren unter ihnen nicht auf ihre Rechnung gekommen sein. Es war ein Enfant terrible eines Politikers. Für die meisten eine große Enttäuschung und für diejenigen, die da glaubten, dem Redner, ohne ihn gehört zu haben, eine Beifallsbekundung zu veranstalten, eine Lehre, mit Vorschußlorbeeren etwas vorsichtiger umzugehen. Es war so recht der

Typ eines November-Revolutionärs

ohne tiefere politische Schulung, ohne die großen geistigen, sozialen und historischen Zusammenhänge der Gesellschaftsbildung begriffen und erfaßt zu haben. Aus den politisch indifferenten Kreisen, aus denen der Redner hervorgegangen ist und die bis zum Ausbruch der Revolution in Hundedemut erstarben, schossen ja diese Art Politiker und Revolutionäre in den Novembertagen wie Pilze aus der Erde. Die meisten sind allerdings längst wieder vom Schauplatz der Geschichte abgetreten und wieder zu Kreuze gekrochen. Was diesen Redner und „Revolutionären“ an politischer Schulung und geistiger Durchbildung mangelt, suchen sie mit unklarem, unverdautem Phrasengeklingel über Weltrevolution zu ersetzen. So geht es auch dem Herrn Emonts. Konfuseres Zeug über Weltrevolution wie gestern haben wir noch nicht gehört. Und solche politischen Embryos maßen sich an über Reife oder Unreife des Proletariats im sozialen Kampf zu reden! Und wenn diese Leute trotzdem Beifall finden, so sollten sich die politisch durchgebildeten Arbeiter, ganz gleich welcher Richtung sie angehören, nicht irritieren lassen: er kommt von denjenigen in Wirklichkeit politisch indifferenten Massen, denen eine geistige Durchbildung fremd ist, die von einer Stimmung in die andere fallen, die heute „hosiannah!“ und morgen das „Kreuzige!“ rufen. Das sollten sich auch die Unabhängigen vor Augen halten, wenn sie Neigung haben sollten, diesen Posten als aktiv in ihre Weltrevolutionsrechnung einzustellen.

Die Ausflüge des Redners in Historische über die Revolutionen 1789 und 1848 im Zusammenhang mit der vorjährigen Revolution waren jedenfalls der Gipfel der Konfusion und den politisch Fortgeschritteneren unter den Unabhängigen ist bei diesen Redeblüten sicher eine Gänsehaut überlaufen. Mit welcher Logik, historischem Verständnis und klassischer Klarheit hatte unser Genosse Kietz eine Stunde vorher von derselben Stelle den historischen Zusammenhang der Revolutionen von 1789, 1848 und 1918 dargelegt!

Wo der Redner sich gelegentlich auf Marx, Engels und Bebel berief – es geschah dies vorsichtigerweise nicht allzu oft – zeigten die Ausführungen, daß der Redner diese großen Sozialisten noch nicht gelesen oder, wenn gelesen, nicht verstanden hat. Wenn die Unabhängigen sich mit derartigen Unzulänglichkeiten abfüttern lassen, so ist das ihre Sache. Aber mit Abscheu, Ekel und Verachtung muß es jeden ehrlichen Proletarier erfüllen, wenn solche November-Revolutionäre davon sprechen, daß unsere um die Arbeitersache verdienten Genossen in der Regierung die Revolution verraten hätten und jetzt an der Regierungskrippe säßen wie früher an der Parteikrippe. Eine Schamlosigkeit, wo doch auch die Unabhängigen wissen, daß diese Genossen seit ihrer frühesten Jugend mit dem gesamten Proletariat gekämpft und gelitten haben und auch an der sog. Parteikrippe kein Schlemmerleben führen konnten.

Der Redner sprach auch noch davon, daß die Zeiten des Parteimitgliedsbuches und er Parteikasse überwunden seien und dürfte damit den Unabhängigen, die doch fortgesetzt ihre Anhänger zur politischen Organisation auffordern, keinen Dienst erwiesen haben.

Nach der Versammlung formierte sich ein Demonstrationszug. Die Straßen waren um diese Zeit leer und so nahm niemand Notiz davon. Die vorderen Gruppen sangen ein bekanntes sozialistisches Kampflied mit dem Refrain:

„Der Bahn, der kühnen folgen wir,

Die uns geführt Lassalle.“

Es klang matt und ohne innere Ueberzeugung, was ja auch nicht wunder nehmen kann, setzte sich ja doch Lasselle für freies Wahlrecht, Demokratie und Parlamentarismus ein, Attribute die die Jenaer Unabhängigen mit ihrem Beschluß auf Anschluß an die dritte Internationale und die bolschewistische Diktatur abgelegt haben. Im Zuge wurden auch einige Plakate mit revolutionären Aufschriften getragen und an der Spitze ritten hoch zu Roß zwei Herolde mit einer roten Fahne. Aeußerlichkeiten, die die innere Schwäche der unabhängigen Partei nicht verdecken können.

Quelle:

Volkszeitung für Sachsen-Weimar-Eisenach vom 10.11.1919

In: https://zs.thulb.uni-jena.de/rsc/viewer/jportal_derivate_00212318/WVZ_1919_10-12_0497.TIF?logicalDiv=jportal_jpvolume_00148836

 

Bild:

https://de.wikipedia.org/wiki/Novemberrevolution#/media/Datei:Bundesarchiv_Bild_183-B0527-0001-810,_Berlin,_Brandenburger_Tor,_Novemberrevolution.jpg