100 Jahre Thüringen
Staatskanzlei Thüringen Weimarer Republik e.V. Forschungsstelle Weimarer Republik an der Uni-Jena

Der Nationalismus auf dem Vormarsch

Nach drei Parlamentswahlen in Frankreich, Belgien und Italien ist eines klar: der Sozialismus wird nicht so bald die Weltherrschaft übernehmen. Im Gegenteil sind in diesen drei Siegerstaaten des Ersten Weltkrieges die bürgerlich-nationalistischen Parteien deutlich vor den Linken gelandet. Die Weimarer Volkszeitung macht sich Gedanken über die nicht unbeträchtlichen Konsequenzen der Wahlen für das besiegte Deutschland.

Karikatur von Georges Clemenceau

Die Wahlen in West-Europa

Der 16. November war für fast ganz West-Europa Wahlsonntag. Die Ergebnisse sind für den Sozialisten einigermaßen verwirrend. Denn während der Sozialismus in Italien und Belgien sehr bedeutende Wahlerfolge gewann, erlitt er in Frankreich eine schwere Niederlage.

Der belgische Sozialismus war bei den Wahlen rechts orientiert, der französische wie der italienische links orientiert mit einem ziemlich starken Zug zum Bolschewismus. Man kann also auch nicht sagen, daß der Rechts-Sozialismus gut abgeschnitten habe und der Links-Sozialismus schlecht. In Frankreich und Italien war die Richtung dieselbe, der Erfolg aber sehr verschieden. Vielleicht wird das Bekanntwerden der abgegebenen Wählerstimmen für die französische Niederlage eine gewisse Erklärung bringen: die bürgerlichen Parteien kämpften unter dem Verhältniswahlsystem mit verbundenen Listen, die strenge Richtung des französischen Sozialismus ließ eine solche Listenverbindung nicht zu, sich ergebende Reste kamen also bei der Zuweisung von Mandaten nicht in Anrechnung. Aber selbst wenn die französischen Sozialisten durch eine andere Wahltaktik etwas mehr Mandate hätten erringen können, so scheint doch die Tatsache festzustehen, daß sich eine erdrückende Volksmehrheit gegen sie ausgesprochen hat. In Italien haben zwar die Sozialisten auch noch lange nicht mehr die Mehrheit erreicht, sie bilden dort auch nicht viel mehr als ein Viertel der neuen Kammer, aber sie haben doch an Mandaten gewaltig gewonnen, während sie in Frankreich außerordentlich starke Verluste erlitten haben.

Die Verschiedenheit der Wahlergebnisse läßt sich kaum anders erklären als so, daß die Enttäuschungen des Friedens in den verschiedenen Ländern verschieden gewirkt haben. In Italien und Belgien hat sich die erbitterte Stimmung in einer Vermehrung der sozialistischen Stimmen kund getan, in Frankreich, das noch immer unter der Wirkung des militärischen Siegesrausches steht, haben die Nationalisten gewonnen, die den Franzosen aus einer strengen Durchführung des Friedens von Versailles eine bessere Zukunft versprechen.

Der Mißerfolg der französischen Sozialisten ist ein Beweis dafür, daß die Hoffnungen auf eine Weltrevolution, die den Frieden von Versailles wegfegen werde, auf Sand gebaut waren. Italien ohne Frankreich wird keine „Weltrevolution“ machen können. Außerdem darf nicht übersehen werden, daß sich nur die Hälfte aller italienischen Wähler an den Wahlen beteiligte, und daß die Sozialisten von dieser Hälfte auch wieder nicht mehr als ein Viertel für sich zu gewinnen vermochten. Der italienische Sozialismus könnte seinen schönen Erfolg bei den Wahlen leicht wieder zunichte machen, wenn er in übertriebenem Machtgefühl mit schwellenden Segeln auf die Weltrevolution zusteuerte.

Für die Regierungsbildung kommen die Sozialisten anscheinend nur in Belgien in Betracht. In Frankreich sind sie zu schwach, um in einer Koalition einen irgendwie bedeutenden Einfluß ausüben zu können, auch fehlt es angesichts der gleichzeitigen Niederlage der bürgerlichen Radikal-Sozialisten an einem bündnisfähigen Partner. In Italien wird die starke Kammerfraktion, wie übrigens in Frankreich die schwache auch, auch aus Gründen des Prinzips eine gemeinsame Regierungsbildung mit den bürgerlichen Parteien verwerfen. Die belgischen Sozialisten scheuen vor einer Koalition mit den bürgerlichen Parteien nicht zurück, sie werden wahrscheinlich mit ihnen ein Konzentrationskabinett bilden, dem die Aufgabe zufällt, das durch den Krieg schwer geschädigte Belgien wieder aufzurichten. Freundschaftsdienste hat Deutschland von einer solchen belgischen Regierung natürlich nicht zu erwarten.

In allen drei Ländern werden wir bald Regierungen am Ruder sehen, die sich bestrebt zeigen werden, aus dem Frieden für ihr Land so viel wie möglich herauszuholen. In unserem wichtigsten Nachbarland, Frankreich, werden wir mit einer entschiedenen nationalistischen und antisozialistischen Regierung zu rechnen haben. Wir werden daher mehr noch wie bisher auf die beiden einander widerstreitenden Tendenzen im französischen Nationalismus Rücksicht zu nehmen haben, von denen die eine aus wirtschaftlichen Gründen ein leistungsfähiges, d.h. zur Leistung von Entschädigungen fähiges Deutschland, die andere aus machtpolitischen und militärischen Gründen ein möglichst, ohnmächtiges und zerrissenes Deutschland will. Der zweite ist und bleibt unter allen Umständen unser gefährlichster Feind, der erste kann Möglichkeiten einer Wiederannäherung und Wiederverständigung eröffnen. Wir können die erste stärken, indem wir beweisen, daß die zweite realpolitisch im Unrecht ist und unmögliche Ziele verfolgt. Je geschlossener sich das deutsche Volk zeigt, und je weniger Boden die in Westen und Süden betriebenen Losreißungsbestrebungen finden, desto mehr wird in Frankreich die Einsicht gestärkt werden, daß man statt des unmöglichen Zieles, Deutschland noch weiter zu zerstückeln, das einzig Mögliche verfolgen müsse, nämlich Deutschland zur teilweisen Erfüllung der Friedensbedingungen (die vollständige ist unmöglich) fähig zu machen. Auf diese Weise könnte sich trotz allem mit der Zeit eine gewisse Interessen-Solidarität entwickeln, und der französische Sozialismus würde beiden Völkern dienen, wenn er die ihm verbliebene Kraft dazu benutzen würde, solche Möglichkeiten zu pflegen und zu fördern.

Der Krieg ist zu Ende, der Traum von der Weltrevolution, die sich ihm als jäh ausbrechendes Elementarereignis anschließen sollte, muß nach dem 16. November ausgeträumt sein. Was übrig bleibt, ist nüchterne Arbeit zum Wiederaufbau des durch den Krieg verwüsteten Kontinents und die Zuversicht, durch Bewährung in dieser Arbeit für die Zukunft Größeres gewinnen zu können. „It is a long way to Tipperary“, „es ist ein langer Weg nach Tipperary – es ist ein langer, langer Weg!“ So sangen die englischen Soldaten auf ihrem Marsche. Auch wir Sozialisten aller Länder haben noch einen langen Weg vor uns. Aber es heißt: „Nicht müde werden!“

Quelle:

Volkszeitung für Sachsen-Weimar-Eisenach vom 24.11.1919

In: https://zs.thulb.uni-jena.de/rsc/viewer/jportal_derivate_00212318/WVZ_1919_10-12_0661.TIF

 

Bild:

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