100 Jahre Thüringen
Staatskanzlei Thüringen Weimarer Republik e.V. Forschungsstelle Weimarer Republik an der Uni-Jena

Die letzte Fahrt der „Gneisenau“

Das Ende des Kolonialismus verschmerzen nicht alle Deutschen. Die „Pflege des Deutschtums im Auslande“ ist in der Weimarer Republik eine beliebte, patriotische Aktivität zur Erhaltung des Kontaktes in die ehemaligen deutschen Kolonien und zur deutschsprachigen Minderheit weltweit. Der hiesige Vortragsabend thematisierte den Seekrieg vor der Küste Südamerikas während des Ersten Weltkrieges.

Seegefecht bei den Falklandinseln (von William Lionel Wyllie)

Vortragsabend des Vereins für das Deutschtum im Auslande.

Der von der Ortsgruppe Jena des Vereins für das Deutschtum im Auslande veranstaltete Vortragsabend konnte sich eines sehr guten Besuches erfreuen. Der Vorsitzende der Männerortsgruppe Professor Mentz begrüßte die Anwesenden, wies hin auf die engen Beziehungen, die stets zwischen unserer Marine und den Auslandsdeutschen bestanden haben, und erteilte dann dem mit lebhaftem Beifall begrüßten Redner des Abends, Fregattenkapitän Hans Pochhammer, einst erstem Offizier auf der „Gneisenau“, das Wort zu einem Vortrag über „Graf Spees letzte Fahrt“. In 1 ¼ stündigen Ausführungen schilderte Herr Pochhammer zunächst die Tätigkeit des ostasiatischen Kreuzergeschwaders („Scharnhorst“, „Gneisenau“, „Nürnberg“, „Leipzig“ und „Emden“) in Tsingtau und in der Südsee im Sommer 1914. Das Geschwader war gerade auf einer Rundfahrt durch die deutschen Kolonien in der Südsee begriffen, als es die Nachricht vom Ausbruch des Krieges erhielt. Als die Kunde von der Kriegserklärung Englands einlief, waren Offiziere und Mannschaften sich darüber klar, daß über ihr Leben entschieden sei und daß es nur noch darauf ankomme, dem Feinde möglichst großen Schaden zu tun. In fesselnden und ergreifenden, auch mit Humor gewürzten Schilderungen behandelte der Redner weiter die Fahrt des Geschwaders an die südamerikanische Küste, die nur durch die anstrengende Uebernahme von Kohlen von deutschen und feindlichen Schiffen unterbrochen wurde, die Seeschlacht bei Coronel am Abend des 1. November, die erste Seeschlacht, die eine englische Flotte seit Nelsons Zeiten schlug, die mit der Versenkung der englischen Panzerkreuzer „Good Hope“ und „Monmouth“ endete, den kurzen Besuch in Valparaiso, wo die deutschen Schiffe von den dortigen Auslandsdeutschen mit Jubel begrüßt wurden und sich vor der Menge der sich meldenden Freiwilligen kaum retten konnten, die Fahrt um das Kap Horn und schließlich die Schlacht bei den Falklandinseln am 8. Dezember. Obgleich der Ausgang des Kampfes bei der bedeutenden Ueberlegenheit der beiden englischen Schlachtkreuzer, die hier den beiden deutschen Panzerkreuzern entgegentraten, von vornherein entschieden war, nahmen diese doch mit Mut den ungleichen Kampf auf. Der Redner schilderte anschaulich, wie der Kampf sich von der „Gneisenau“ aus darstellte, und zollte dem Opfermut und der Pflichttreue der Mannschaften das höchste Lob. Rühmend gedachte er auch des Grafen Spee, der den Versuch machte, die „Gneisenau“ zu retten, indem er sich und die „Scharnhorst“ opferte. Es war aber schon zu spät; die „Gneisenau“ war auch bereits dem Tode geweiht. Der Vortragende, der mit etwa 200 Ueberlebenden seines Schiffes von den Engländern gerettet wurde, sprach am Schlusse seines Vortrages die feste Zuversicht aus, daß das deutsche Volk einst doch wieder ehrenvoll dastehen werde und daß, wenn nicht das jetzige Geschlecht, doch unsere Kinder künftig mit leutendem Auge sprechen werden: Ich bin ein Deutscher, will ein Deutscher sein.

Mit dem Dank an den Redner verband der Vorsitzende die Mahnung an die Anwesenden, die Heldentaten unserer Marine nicht nur als eine trostbringende Erinnerung in der jetzigen schweren Zeit zu betrachten, sondern auch als ein Vorbild, indem jeder an seinem Platze durch Opfermut und treue Pflichterfüllung mitzuarbeiten sich bemüht an dem Wiederaufbau unseres Vaterlandes. Da zu diesem Zwecke außerordentlich viel auf die Pflege des kulturellen Zusammenhaltes aller Deutschen in der Welt ankommt, kann gerade der Verein für das Deutschtum im Auslande in erheblichem Maße dabei mitwirken. Der Vorsitzende ging etwas näher auf die mannigfaltigen Aufgaben ein, die der Verein gerade jetzt zu lösen hat, und schloß mit einer dringenden Aufforderung an die Anwesenden, sich dem Verein anzuschließen, nicht nur im Interesse der Auslandsdeutschen, sondern des gesamten Deutschtums, also auch jedes einzelnen von uns.

Quelle:

Jenaer Volksblatt vom 23.11.1919  (2. Ausgabe)

In: https://zs.thulb.uni-jena.de/rsc/viewer/jportal_derivate_00259197/JVB_19191123_274_167758667_B2_003.tif?logicalDiv=jportal_jparticle_00652364

 

Bild:

https://de.wikipedia.org/wiki/Seegefecht_bei_den_Falklandinseln#/media/Datei:Battle_of_the_Falkland_Islands,_1914_(retouched).jpg