100 Jahre Thüringen
Staatskanzlei Thüringen Weimarer Republik e.V. Forschungsstelle Weimarer Republik an der Uni-Jena

Die Thüringer Frage

Das Einigungswerk namens Thüringen hat in verfassungsrechtlicher Hinsicht noch nicht wirklich begonnen. Jetzt wird noch heiß über die späteren Grenzen des Landes debattiert. Erfurt, Coburg, Meiningen. Es gibt verschiedene Ansichten darüber, welche dieser Städte bzw. Staaten thüringisch ist. Der hiesige Autor setzt sich insbesondere mit der Streitfrage Thüringen oder Preußen auseinander und hat eine klare Meinung darüber, wohin die Erfurter gehören.

Der Erfurter Dom - 1919/20 kein Teil Thüringens

Die Thüringer Frage.

Von Staatsrat [Philipp Wilhelm] Kühner [DDP, Anm.]

In zwei großen Artikeln, die der „Thüringer Allgemeinen Zeitung“ in Erfurt von ihrer Berliner Redaktion zugehen, wird die Thüringer Frage besprochen. Die Auslassungen wollen von hoher Warte die Dinge, um die es sich handelt, beurteilen. Das wird wenigstens mehrfach versichert. Es ist in diesen Artikeln auch eine gewisse Kenntnis der Thüringer Frage vorhanden, namentlich bis zu dem Zeitpunkt der Revolution. Zugleich wird eine allgemeinere tiefere Wertung der Sachlage zur Geltung gebracht, insbesondere im Hinblick auf die große deutsche Frage. Es wird sehr richtig dabei betont, der deutsche Einheitsstaat werde einmal kommen müssen, den Plan dazu brauche man nicht erst zu machen, der mache sich, wie schon der Schöpfer der Reichsverfassung, Dr. [Hugo] Preuß [DDP, Anm.], sagte, ganz von selbst.

Der Artikelschreiber zieht aber aus seinen Deduktionen nicht etwa den Schluß zu einer geduldigen, der Sinnes- und Wesensart der Thüringer entsprechenden Entwicklung zu raten, sondern er meint, der Vereinheitlichungsprozeß Deutschlands müsse in Thüringen, im Herzen des Reiches, beginnen. Das führt ihn dazu, mehr und mehr zu behaupten, die Thüringer sollten preußisch werden, Thüringen solle sich an die preußische Provinz Sachsen anschließen. Er meint: „Wenn unsere Einzel- und Kleinstaatler erst einmal die Angst vor dem Verschlungenwerden vor dem „unersättlichen Magen Preußens“ überwunden haben, so werden sich auch die unsere Zukunft bestimmenden staatlichen Zusammenballungen einleiten.“

Das ist preußische Denkweise, die dem Volksempfinden der anderen deutschen Stämme ihrer Eigenart, ihrem Selbstständigkeitswillen und Drang selten gerecht zu werden vermag, die auch dieses Empfinden leider nicht nachfühlen kann. Wenn die Thüringer Kleinstaaterei begründeterweise anzufechten war und aus mannigfachen Gründen kritisiert werden konnte, so liegt eine gleiche Art Beurteilung dem Einheitsstaat Thüringen gegenüber nicht mehr vor und preußische Stimmen sollten sich deshalb ihre immerhin peinlich berührende Ueberheblichkeit sparen, wenn sie des neuen Nachbarn des Staates Thüringen gedenken.

Wenn auch auf Worte nicht viel ankommt, so wollen wir doch betonen, daß es für uns, die am Bau der neuen Vereinigung der Thüringer Staaten praktisch mitarbeiten, immer nur die Bezeichnung Thüringen gegeben hat. Das Wort „Großthüringen“ kommt für uns gar nicht in Frage. Selbst bei Hinzutritt aller preußischen Gebietsteile, die ihren natürlichen Anschluß an Thüringen hätten finden können, wäre geschmackvollerweise nur von Thüringen und nicht von Großthüringen die Rede gewesen. Das beweisen alle gesetzgeberischen Beschlüsse, die in dieser Richtung in den Thüringer Staaten im vergangenen Jahre gefaßt worden sind.

Wenn der natürlich scheinende Anschluß preußischer Gebietsteile an Thüringen heute als abgetan gilt, so ist es ebenso selbstverständlich, daß damit der Zusammenschluß Thüringens und aller Thüringer nicht aufgehalten und nicht geändert wird. In den Berliner Auslassungen des Erfurter Blattes wird die Sache so dargestellt, als habe der „großpolitisch denkende Teil der Thüringer“ früher die Dinge kühlrechnend , rein verstandesmäßig angesehen und darum den auf weite Gebiete Preußens ausgreifenden Wünschen zur Vereinigung mit Thüringen kein Hindernis bereitet. In neuerer Zeit aber habe man ins Volk hinein gehorcht.

„Und da mußte man bei der preußischen Bevölkerung eine peinliche Ueberraschung erleben. So weit Erfurt in Frage kam, war ohne jeden Zweifel eine überwältigende Mehrheit gegen den Anschluß an Thüringen oder besser gesagt, gegen die Loslösung von Preußen. Aehnlich war die Stimmung in den anderen preußischen Gebietsteilen. Hier sprach eben in erster Linie das unbeeinflußte, gesunde, vaterländische Gefühl, die in den Herzen wurzelnde Anhänglichkeit an die preußische Ueberlieferung und an den großen, starken, einst so mächtigen Staat. Selbstverständlich war auch bei den in Frage kommenden preußischen Bezirks- und Provinzialverwaltungen keinerlei Stimmung für die Preisgabe ihres Gebiets an einen neuen Staat. Sie waren ziemlich kurz angebunden und sagten: Wenn die Thüringer Kleinstaaten in einer größeren Gemeinschaft leben wollen, mögen sie sich Preußen anschließen.“

Der Refrain des Liedes heißt also auch hier wieder, die Thüringer sollen preußisch werden. Es erübrigt sich wohl, nochmals auseinanderzusetzen, wie man in Thüringen über diesen Vorschlag denkt. Nicht unwidersprochen kann aber bleiben, was bezüglich der „peinlichen Ueberraschung“ gesagt wird. Gegen die „Loslösung von Preußen“ machten in erster Linie die höheren preußischen Verwaltungsbeamten, durchaus erfüllt von preußischem Gefühle. […] In den Massen aber, die die preußischen Gebietsteile Thüringens bewohnen, hatte in neuerer Zeit die Vereinigung mit Thüringen jeglichen Reiz verloren, weil die Bevölkerung sich mit Recht sagen ließ, der Augenblick, Teile Preußens abzusplittern, sei jetzt nicht gut gewählt. Jetzt nach Abschluß des tieftraurigen Friedens von Versailles, der Preußen ohnedies vermindere und beraube, dürfe an eine Verminderung seiner Gebietsteile nicht gedacht werden. Dieser ausschlaggebende Gedankengang gegen den Anschluß preußischer Landesteile an Thüringen ist aber gerade in Thüringen vollauf gewürdigt worden und hat zu der klaren Erkenntnis geführt, daß möglichst rasch der neue Staat Thüringen, und zwar auch ohne Preußen, geschaffen werden muß.

Der Artikel des Erfurter Blattes schildert in seiner Art die weitere Entwicklung und behauptet, man sei auch innerhalb Thüringens von einer Einheit weit entfernt. In Weimar gehe man selbständig vor, nur um die Stadt Weimar zur Hauptstadt Thüringens zu machen, und hätte die Sache wirklich dahin gelangen lassen, wohin sie eigentlich nicht hätte kommen sollen. Der Verfasser behauptet ferner ohne allen Grund, Altenburg mache nicht mit, Schwarzburg sei noch unentschieden, Meiningen sei ebenfalls preußenfreundlich und Koburg wollen durchaus zu Bayern.

So wird, heißt es dann zuletzt, die Thüringer Frage nicht gelöst! Allerdings. Wäre alles das, was der Verfasser sagt, richtig, dann müßte man ihm recht geben. Die Dinge liegen aber wesentlich anders. Fraglich ist im Augenblick nur die Haltung Koburgs, das in diesen Tagen durch eine Volksabstimmung sich entscheiden wird, ob es bei Thüringen bleiben oder seinen Anschluß an Bayern nehmen will. Von allen übrigen Thüringer Staaten darf mit Bestimmtheit angenommen werden, daß sie der Thüringer Gemeinschaft im Gesamtstaat Thüringen in Zukunft angehören. Die Thüringer Frage ist also auf dem besten Wege und wird in absehbarer Zeit gut gelöst werden. Der Artikelschreiber in dem Erfurter Blatt irrt aber auch, wenn er noch mehrfach sagt, es bleibe Thüringen nichts übrig, als den Anschluß an den großen Nachbarn, an Preußen, zu nehmen.

Wenn die bisherigen sechs oder sieben, vielleicht sogar acht thüringischen Staaten ihren Zusammenschluß, der absolut feststeht, in allen Einzelheiten vollzogen haben, wird sich zeigen, daß ein ordentlicher lebensfähiger Staat Thüringen gebildet ist, der neben der Pflege seiner Eigenart, seiner Kunst- und Kulturaufgaben ein wertvolles Bindeglied zwischen Nord- und Süddeutschland darstellen wird zum Besten seiner Bewohner und des Reiches bis zu jenen fernen Zeiten, da einmal an die weit größere Aufgabe, an die Errichtung des Einheitsstaates Deutschland wird gedacht werden können.

Quelle:

Weimarische Landes-Zeitung Deutschland vom 30.11.1919

 

Bild:

https://de.wikipedia.org/wiki/Erfurt#/media/Datei:Erfurt_cathedral_and_severi_church-2.jpg