100 Jahre Thüringen
Staatskanzlei Thüringen Weimarer Republik e.V. Forschungsstelle Weimarer Republik an der Uni-Jena

Gleiche Post für alle

Postbotinnen. Heutzutage eine Selbstverständlichkeit, aber erst die Weimarer Reichsverfassung hat Frauen dieselben Berufs- und Aufstiegschancen in dieser Männerdomäne eröffnet. Die Verfassung bestimmte in Artikel 128, dass alle Ausnahmebestimmungen gegen weibliche Beamte beseitigt werden. Die Konsequenzen sind weitgehend.

Schild der Reichspost (1923)

Die Postbeamtin und die Verfassung

Von Margarete Kinsberger, Hilfsreferentin im Reichspostministerium.

In keinem anderen Frauenberuf spiegelt sich augenfälliger die Aufwärtsbewegung ab, als in dem der Frau im Postdienst. Während im Jahre 1864 der erste Versuch mit 100 Beamtinnen gemacht wurde, die von der badischen Staatsbahnverwaltung eingestellt wurden, sind heute 36.000 Beamtinnen im Dienste der Reichs-Post- und Telegraphenverwaltung beschäftigt. Aber erst die politische Neugestaltung des Staatswesens stellt die Arbeit der Beamtin vollwertig und gleichwertig neben die männlichen Beamten.

Daß die Frau bei der Verwendung im Postdienst sich bisher in so verhältnismäßig engen Grenzen bewegen mußte, ist nicht etwa unvollkommener dienstlicher Tätigkeit oder geringer Eignung zuzuschreiben. Die Postverwaltung hat nie mit Anerkennung über die dienstliche Bewährung ihrer weiblichen Beamten zurückgehalten. Während des Krieges gelang der Versuch mit weiblichem Personal trotz des zur Hochflut gesteigerten Verkehrs über Erwarten gut, wenngleich er nicht überall – bei der bisherigen absichtlichen Fernhaltung der Frau von diesen Dienstzweigen erklärlich – völlig reibungslos vor sich gehen konnte.

In ein neues Stadium sind diese Anstrengungen aber erst durch die Verabschiedung der Reichsverfassung vom 11. August 1919 getreten. Der äußerst weittragende Artikel 128 bestimmt bekanntlich, daß alle Staatsbürger ohne Unterschied nach Maßgabe der Gesetze und entsprechend ihrer Befähigung und ihren Leistungen zu den öffentlichen Aemtern zugelassen seien. Alle Ausnahmebestimmungen gegen weibliche Beamte müssen beseitigt werden, d.h. also, daß bei der Stellenbesetzung in Zukunft Vorrechte des Geschlechts nicht mehr anerkannt werden können. Lediglich Vorbildung und Leistung haben zu entscheiden. Es wird deshalb nicht mehr möglich sein, weiter wie bisher strenge Grenzstriche und unübersteigbare Umfriedungen für die bisher nur von männlichen Beamten innegehabten Verwaltungs- und Betriebsstellen aufzurichten.

Es kann aber auch keinem Zweifel unterliegen, daß die unbedingt zu erwartende Neuordnung der Dinge durchaus keine revolutionierenden Wirkungen auf den Postbetriebs- und –verwaltungsdienst ausüben wird. Dazu erfordert der Dienst zu große Stetigkeit und ist seine Stellenvergebung an zu hohe Voraussetzungen in bezug auf Vor- und Ausbildung geknüpft. Ebenso können auch gerechterweise die lebensnotwendigen Interessen der vorhandenen Beamten beiderlei Geschlechts nicht rücksichtslos beiseite geschoben werden. Die Verhältnisse nötigen deshalb die Behörde sowohl wie alle beteiligten Interessenkreise, die Ausarbeitung der notwendigen neuen Bestimmungen nur in engster gegenseitiger Fühlungnahme und unter Achtung der verschiedenen, zum Teil stark entgegengesetzten Interessen vorzunehmen.

Das Reichspostministerium plant eine von der Beamtenschaft seit langem für unbedingt notwendig gehaltene großzügige Personalreform, in der selbstverständlich auch die grundlegenden Bestimmungen über Beamtenwesen und –recht der neuen Reichsverfassung berücksichtigt werden sollen. Die Reichsarbeitsgemeinschaft der großen Beamtenverbände hat der Verwaltung vor kurzem einen ersten Entwurf für diese Personalreform unterbreitet, in dem unter ausgiebiger Mitwirkung der Organisation der weiblichen Beamten auch deren Interessen und insbesondere die Freiheiten des oben erwähnten Artikels 128 Berücksichtigung fanden.

Durch die früheren engen Vorschriften war ein Teil treibender, werteschaffender Geisteskraft gefesselt. Durch seine ungehemmte Entfaltung wird unserem schwer ringenden Wirtschaftsleben in Zukunft Nutzen gebracht werden.

Daß nur durch die Möglichkeit des Weiterkommens Arbeitskraft und Arbeitsfreudigkeit jedes denkenden Menschen rege gehalten werden, ist eine Erfahrungstatsache. Die Beamtinnen werden der Reichs-Post- und –Telegraphenverwaltung deshalb länger und freudiger dienen, wenn sie ein Ziel dienstlichen Strebens vor sich sehen, wie es sich durch die Verfassung für sie öffnet.

Quelle:

Volkszeitung für Sachsen-Weimar-Eisenach vom 20.11.1919

In: https://zs.thulb.uni-jena.de/rsc/viewer/jportal_derivate_00212318/WVZ_1919_10-12_0617.TIF?logicalDiv=jportal_jpvolume_00148849

 

Bild:

https://de.wikipedia.org/wiki/Deutsche_Postgeschichte#/media/Datei:Reichspost.jpg