100 Jahre Thüringen
Staatskanzlei Thüringen Weimarer Republik e.V. Forschungsstelle Weimarer Republik an der Uni-Jena

Ich, ein Antisemit?

Antisemitismus ist ein wesentlicher Teil der rechtsnationalistischen Ideologie. Für die rechten Parteien bedeutet dies, dass sie sich in dieser Hinsicht positionieren müssen und sowohl die DVP als auch die DNVP geben sich zwiegespalten, auch da sie nicht auf jüdische Spender verzichten wollen. Das Jenaer Volksblatt hält diesen Parteien ihre inkonsequenten bis scheinheiligen Positionen in dieser Sache vor. In der Praxis finden sich in beiden Parteien zahlreiche Antisemiten, die das Judentum für eine „fremdstämmige“ und deutschfeindliche Religion halten.

Antisemitische Karikatur (von 1897)

Antisemitische Zuverlässigkeit.

Zwischen den offiziellen Korrespondenzen der Deutschnationalen Volkspartei und der Deutschen Volkspartei hat sich eine Art Wettstreit entsponnen, wer antisemitisch zuverlässiger ist, die Deutsche Volkspartei oder die Deutschnationale Volkspartei. Die Leitung der Deutschnationalen Volkspartei wird vielfach von antisemitischer Seite beschuldigt, antisemitisch nicht recht zuverlässig zu sein. Gewissermaßen, um darzutun, daß die Deutsche Volkspartei erst recht nicht zuverlässig in antisemitischer Beziehung ist, hat die offizielle „Korrespondenz der Deutschnationalen Volkspartei“ am 10. November folgenden Brief des Vorsitzenden der Deutschen Volkspartei, des Abg. Staatsminister Dr. Heinze, an den Zentralverein der deutschen Staatsbürger jüdischen Glaubens veröffentlicht:

„Anläßlich Ihres an ein Mitglied unseres Vorstandes gerichteten Schreibens vom 21. v. Mts. Nehme ich Veranlassung, Ihnen mitzuteilen, daß die Deutsche Volkspartei von Antisemitismus in jeder Form ablehnt und bekämpft und jede Verallgemeinerung etwa in Einzelfällen berechtigter Vorwürfe gegen deutsche Staatsbürger jüdischen Glaubens als unsachlich und ungerecht verwirft.

gez. Heinze.“

Die Veröffentlichung dieses Schreibens ihres Vorsitzenden scheint der Leitung der Deutschen Volkspartei sehr unbequem zu sein. Denn die parteioffizielle „Nationalliberale Korrespondenz“ glaubt am 14. November hervorheben zu müssen, daß es sich „nicht um ein Schreiben des Vorsitzenden der Deutschen Volkspartei handelt, sondern um ein privates Schreiben des Abg. Dr. Heinze“, der allerdings der Vorsitzende der Deutschen Volkspartei ist. „Die Deutsche Volkspartei selbst“ habe ihre Stellung zu dieser Frage in ihrem Programm niedergelegt, das aber damals, als Abg. Heinze seinen Brief schrieb, noch nicht existierte. In dem Programm der Deutschen Volkspartei ist die Rede von der Bekämpfung aller Zersetzungsbestrebungen, von der Verwerfung der internationalen und wesensfremden Auffassung in und vor dem Kampfe gegen „die seit der Revolution eingetretene Ueberflutung Deutschlands durch fremdstämmige Personen“. Die „Nationallib. Korresp.“ bemerkt dazu: „So klar hier die Deutsche Volkspartei allen zersetzenden Elementen, also auch den jüdischen, den Kampf ansagt, so deutlich rückt sie auch von einem Radauantisemitismus ab, wie ihn gewisse Kreise gegenwärtig pflegen.“ – Die „Nationallib. Korresp.“ glaubt sich aber weiter noch für die Veröffentlichung des Briefes des Abg. Dr. Heinze rächen zu können durch Veröffentlichung eines entsprechenden Briefes des Vorsitzenden der Deutschnationalen Volkspartei, des Abg. Staatsministers Hergt. Man merkt der „Nationallib. Korresp.“ die Schadenfreude an, mit der sie den folgenden Brief des Abg. Hergt an eine dem Vorstand der Deutschnationalen Volkspartei angehörende Persönlichkeit, „die sich über die antisemitischen Tendenzen einzelner Gruppen der Partei beschwert hat“, abdruckt:

„Sie haben den bisherigen Verhandlungen des Hauptvorstandes über die antisemitische Frage regelmäßig beigewohnt und wissen über die Gründe, wegen deren das Programm sich auf die bezüglich der Konfession darin enthaltenen Punkte beschränken mußte, und über die Schwierigkeiten zu einer präziseren Fassung zu kommen, genau Bescheid. Ich kann daher meine Verwunderung nicht unterdrücken, daß Sie gleichwohl auf eine gegenwärtig unmögliche Lösung der Frage, etwa in Ihrem Sinne, drängen. Viel richtiger würde es mir scheinen, wenn die Herren jüdischer Abstammung, die auf unserem Boden stehen, durch ihr Verhalten, durch ihre Propaganda und durch Opfer, die sie der Partei bringen, die von ihnen erstrebte Stellung in der Partei und die Sicherung ihrer Interessen bei derselben erkämpften. Es wäre mir erwünscht gewesen, wenn ich auch von Ihnen statt der beiden Schreiben Beweise dafür erhalten hätte, daß Sie gleichfalls von der Wichtigkeit dieser Auffassung durchdrungen sind und sich entsprechend betätigen.“

Die Unterstreichungen in diesem Brief, die auf den Rat deuten, daß sich die Juden durch Geldopfer für die Deutschnationale Partei unentbehrlich machen sollen, rühren von der „Nationallib. Korresp.“ her, die dem Brief noch die Bemerkung anfügt: „Dieser Brief ist in der letzten Zeit von mehreren Blättern zitiert worden und hat dabei Kommentare erfahren, die der „Deutschnationalen Korrespondenz“ doch zu denken geben sollten.“

Ob nun wohl wieder die Korrespondenz der Deutschnationalen Volkspartei das Wort nehmen wird, um die so schnöde angezweifelte antisemitische Zuverlässigkeit der Deutschnationalen zu bekräftigen?

Quelle:

Jenaer Volksblatt vom 25.11.1919 (2. Ausgabe)

In: https://zs.thulb.uni-jena.de/rsc/viewer/jportal_derivate_00259198/JVB_19191125_275_167758667_B2_001.tif?logicalDiv=jportal_jparticle_00652392

 

Bild:

http://www.simplicissimus.info/uploads/tx_lombkswjournaldb/pdf/1/02/02_04.pdf